Russischer Kommissar als Lebensretter

Von: Karl-Heinz Hoffmann
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Ludwig Förster aus Lammersdorf kam mit dem ersten deutschen Gefangenentransport aus Stalingrad vor 70 Jahren in die Eifel zurück. Am 2. November 1945 traf er wieder in seiner Lammersdorfer Heimat ein. Foto: Hoffmann
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Ein Erinnerungsstück von Ludwig Förster: Der viel begehrte D2-Entlassungsschein mit ärztlichem Befund.

Lammersdorf. Auch mit seinen 93 Jahren erinnert sich Ludwig Förster aus der Lammersdorfer Bahnhofstraße noch genau daran, wie er vor 70 Jahren auf abenteuerliche Art und Weise aus russischer Kriegsgefangenschaft mit dem ersten deutschen Gefangenentransport aus Stalingrad wieder in seine Heimat gelangte.

Dass ihm bei seiner mehrwöchigen Rückfahrt bei einem Zwischenstopp in Polen ausgerechnet ein russischer Kommissar hilfsbereit eine D-Zugkarte ausstellte, hat er bis heute nicht vergessen.

„In Gefangenschaft bin ich in Moskau gekommen und wurde dann in das Lager 108 bei Stalingrad gebracht“, erinnert sich Ludwig Förster im Gespräch mit unserer Zeitung.

Dort sei er dann auf eine russische Majorin als Lagerleiterin getroffen, laut Förster eine deutsche Jüdin, die unbedingt aus Russland fort und den Krankentransport der deutschen Kriegsgefangenen nach Deutschland begleiten wollte. Förster: „Ich nehme an, dass die mir damals geholfen hat, dass ich bei diesem Gefangenentransport dabei war.“

Als der Zug dann schließlich auf der Fahrt in den Westen auf polnischem Gebiet lange Zeit auf einem verrosteten Gleis stand, wollte sich Förster im nahe gelegenen Dorf etwas zum Essen besorgen. Dabei wurde er jedoch von zwei polnischen Bahnpolizisten erwischt, die ihn zu einem russischen Kommissar brachten, währenddessen der Transportzug zu seiner Verzweiflung weiterfuhr.

Als der Kommissar hörte, dass der deutsche Kriegsgefangene aus Aachen kam, lockerte sich die Atmosphäre deutlich. Förster: „Er erzählte mir, dass er bei den obersten Amis an der Westfront in Aachen Dienst gemacht habe und schob mir aus der Bahnhofstheke viele süße Sachen zu, die ich aber aus gesundheitlichen Gründen nicht essen durfte.“

Der Kommissar habe dann plötzlich einen Block aus der Tasche gezogen und ihm eine D-Zugkarte bis zum nächsten Bahnhof ausgestellt, damit er seinem abgefahrenen Transportzug erreichen konnte.“

Auf dem Trittbrett

Am Bahnhof sei dem Beamten dann vor lauter Verwunderung darüber, dass ein Deutscher eine Zugkarte hatte, beinahe die Lochzange aus der Hand gefallen, sagt Förster. Seinen Gefangenentransport habe er dann noch so eben erreicht. „Ich erwischte noch den Haltegriff vom letzten Wagen, fand dann auf dem Trittbrett vom Rangierer Platz und nach langer gefährlicher Fahrt am Wagen hängend, konnte ich dann beim ersten Halt wieder in den Zug zu meinen Leidensgenossen einsteigen.“

Schließlich sei man dann in Berlin angekommen, wo die eingangs erwähnte russische Majorin mit jüdischen Wurzeln auf dem Bahnhof kurz auf der Toilette verschwand, „in Zivil wieder rauskam und dann im allgemeinen Gewimmel verschwunden war“.

Von Berlin ging es dann mit dem Zug weiter bis nach Helmstedt, berichtet Förster, „wo uns die Russen an die Amerikaner übergeben haben. Hier mussten wir auch eine eidesstattliche Erklärung unterschreiben, dass wir niemals mehr einem Ballistikclub beitreten. Und wer nicht unterschrieb, bekam auch nicht den begehrten D2-Entlassungsschein.“

Von Helmstedt ging die Reise dann mit dem Lkw nach Bonn und von dort aus weiter mit dem Zug Richtung Aachen. Vom dortigen Hauptbahnhof gelangte Förster schließlich mit einem Lastwagen voller Kartoffelsäcke bis nach Fringshaus, von wo aus er sich entkräftet nach Lammersdorf aufmachte.

Wodka zum Abschied

„Da ich zwei Jahre vermisst war, hätte es meiner Mutter beim Wiedersehen beinahe ein Herzversagen beschert“, erinnert sich Ludwig Förster an den Moment des Wiedersehens am 2. November 1945 und ergänzt: „Dass zwei Brüder gefallen waren, wusste damals noch keiner.“

Nachdem es ihm nach seiner Heimkehr etwas besser ging, besuchte Förster schließlich auch noch die damalige Kommandostelle der Russen in Aachen, die sich im Postgebäude neben dem Theater befand.

„Das waren freundliche Kerle. Und die staunten, dass ich den hohen Offizier kannte, der vorher bei ihnen in Aachen stationiert war und der mir in Polen eine D-Zugkarte ausgestellt hatte. Zum Abschied haben wir dann natürlich einen Wodka getrunken.“

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