Nordeifel - Rückblick: Roetgen wurde als erste „Stadt“ eingenommen

Rückblick: Roetgen wurde als erste „Stadt“ eingenommen

Von: Jürgen Siebertz
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In der Nacht vom 11. auf den 12. September wird im Monschauer Land der Räumungsbefehl verkündet: Mit solchen Gefährten zogen die Eifeler gen Osten. Foto: Archiv/Siebertz
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Ein Foto aus der „New York Times“ machte die „Stadt Roetgen“ in den USA populär: Roetgen war der erste Ort, der von den Amerikanern eingenommen wurde.
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Viele Eifeler versteckten sich im Wald: In der Höhle im Brinkbachtal suchten mehrere Rollesbroicher Familien „Unterschlupf“.

Nordeifel. Als in der Ferne das Donnern der Kanonen immer deutlicher wird, ist jedem im Monschauer Land klar, dass die Amerikaner bald da sein werden. Eine merkwürdige, fast unheimliche Stimmung liegt in der Luft.

Die Menschen am Rand der Grenze haben Angst. Die gewaltige Kriegsmaschinerie und mit ihr die Rache der Belgier, Niederländer und Franzosen, deren Länder von den Deutschen 1940 in einem „Blitzkrieg“ überfallen wurden und deren Bewohner jahrelang unter der deutschen Besatzung zu leiden hatten, naht mit jedem Tag, mit jeder Stunde.

Deutsche Soldaten, die Schlimmstes berichten und ihr Heil in der Flucht in Richtung Rhein suchen, lassen Schreckensbilder aufkommen. Ungezählte Lastwagen voller Landser, von denen einige auch französische oder belgische „Liebchen“ transportieren, passieren die schlammigen Straßen. Motorräder mit Beiwagen, auf denen oft drei Personen hocken, jagen im Eiltempo in Richtung Gemünd. Soldaten, unter denen sich viele Verletzte befinden, rufen: „Weg – nur weg von hier“! Zwischen den Fahrzeugen rennen, gehen, humpeln die geschlagenen Deutschen, die sich nicht schämen, auf Leiterwagen noch „Beutegut“ mitzunehmen.

In der Nacht vom 11. auf den 12. September wird im Monschauer Land durch die Parteileute der Räumungsbefehl verkündet. Die Bewohner der „Roten Zone“ (ein festgelegter Raum in Grenznähe) müssen ihre Sachen packen. Alles, was wertvoll erscheint, wird eilends in den Gärten vergraben oder anderswo versteckt. Orden, Abzeichen, Ehrendolche und andere NS-Embleme verschwinden in Hausbrunnen, Fahnen und Uniformen werden verbrannt. Viel Zeit bleibt nicht mehr.

„Einfach überrollen lassen“

Hier und da erfolgt eine Absprache mit den Nachbarn. Es stellt sich die Frage: „Flüchten oder Hierbleiben?“ Interessant ist, dass die „Goldfasane“, so nennt man die uniformierten Parteileute, als erste „verduftet“ sind und die Einwohner einem ungewissen Schicksal überlassen.

In Roetgen gehen zwar zahlreiche Einwohner in die Evakuierung, doch die Mehrzahl der Einwohner bleibt im Ort oder versteckt sich vorübergehend im Wald. Die Zurückgebliebenen haben als Zeichen ihrer Friedfertigkeit weiße Bettlaken aus den Fenstern gehängt.

In Lammersdorf sind circa 500 Einwohner geflüchtet, weitere circa 250 warten in ihren Kellern ab, was geschehen wird. Viele Familien verstecken sich im Wald bei Fringshaus. „Einfach überrollen lassen“ – so denkt man hier – das ist die beste Lösung. Niemand von ihnen ahnt, dass ihre „beste Lösung“ fast ein halbes Jahr andauern wird und viele Bewohner diese Zeit nicht unbeschadet überleben werden.

In Rollesbroich stellen 70 Familien einen Treck zusammen. Mit Karren, Leiterwagen, Fahrrädern und Kinderwagen ziehen sie los. Es regnet so stark, dass die Flüchtlinge bereits nach wenigen Minuten durchnässt sind. Es geht nur langsam voran, denn manche Wagen sind derart vollgepackt, dass sie umgeladen werden müssen. Die Flüchtigen wollen in Richtung Einruhr und Vogelsang – wo noch Deutsche sind. Aber Einruhr ist so weit….

In Monschau ist die gesamte Parteileitung still und heimlich geflüchtet. Nur circa 100 Einwohner haben sich an den Abmarschstellen eingefunden. Die meisten Einwohner einschließlich der städtischen Beamten haben sich entschieden, in der Stadt zu bleiben. Ein Teil der Bevölkerung sucht Unterschlupf im Felsenkeller des Brauhauses. Im Maria-Hilfs-Stift befinden sich noch etwa 100 kranke und ältere Leute sowie einige Ordensschwestern.

Lager eingerichtet

In Höfen hat sich niemand am vorgegebenen Sammelpunkt eingefunden. Die Einwohner sind zeitig in das Waldstück „Dörmes“, das sich in der Nähe des Forsthauses „Rothe Kreuz“ befindet, gegangen und haben ein regelrechtes Lager eingerichtet. Aus mitgebrachten Brettern, abgesägten Bäumen, Ästen und Blattwerk bauen sie zwar primitive, aber bewohnbare Hütten.

In Kalterherberg haben die Einwohner kaum Zeit, dem Evakuierungsbefehl Folge zu leisten. Diejenigen, die im Ort bleiben, erwartet ein schweres Schicksal, über das noch zu berichten sein wird.

In Mützenich machen sich einige Bürger in den nahen Wald auf, um nicht evakuiert zu werden. Als sich der Einmarsch der Amerikaner verzögert, kehren sie in ihre Häuser zurück und warten den Lauf der Dinge ab. Deutsche Pioniere sprengen die Brücken und Stellwerke am Monschauer Bahnhof.

Letztes Hochamt

In Imgenbroich findet eine kleine „Völkerwanderung“ statt. Fast alle Einwohner begeben sich in das Waldgebiet „Grünenthal“ oder ziehen weiter nach Hammer und Dedenborn. Einige kennen „Schlupfwinkel“ im Belgenbachtal oder anderswo in der Umgebung.

In Konzen wird am 10. September in der alten Kirche zum letzten Mal das Hochamt gefeiert. Dann beginnt für die meisten Einwohner ein langer Treck in den Raum Hannover. Nur wenige Konzener bleiben anfangs im Ort, um das Vieh zu versorgen.

In Kesternich, Strauch und Steckenborn suchen ebenfalls viele Einwohner die Waldgebiete auf, kehren dann aber wieder in die Wohnungen zurück. Einige finden Aufnahme in der Ölmühle, von wo aus sie immer wieder in ihre Häuser gehen, um das zurückgelassene Vieh zu versorgen. Nachdem in Steckenborn das komplette Kirchengebäude gesprengt wurde, ziehen 90 Einwohner samt Pastor in einen Unterstand in der „Jungheck“ und von dort weiter in den Raum Engelgau. Manche Familien müssen bis Thüringen und Sachsen flüchten.

In Ru(h)rberg ergeht zwar am 13. September 1944 der Räumungsbefehl, der dann aber wieder aufgehoben wird. Die Ru(h)rberger dürfen noch bis zum 29. September in ihrem Dorf bleiben. Dann müssen auch sie die Heimat verlassen und sich an anderer Stelle, teils in Hannover, teils in Thüringen oder Sachsen, eine neue Bleibe suchen.

In Schmidt verlassen die Westwall- und Schanzarbeiter nach einem Granatbeschuss schleunigst das Dorf. Die Einwohner harren noch bis zum 26. September 1944 aus. Dann werden auch sie evakuiert und ziehen in verschiedene rechts- und linksrheinische Gebiete, manche sogar bis Thüringen.

Furcht vor Kampfhandlungen

Simonskall ist am 12. und 13. September 1944 durch circa 200 Flüchtlinge aus Lammersdorf und Rollesbroich völlig überbelegt.

In Rott und Mulartshütte haben viele Einwohner aus Furcht vor den Kampfhandlungen den nahen Wald aufgesucht. Sie kehren nach dem Durchmarsch der Amerikaner wieder in ihre Häuser zurück.

In Zweifall treffen Hunderte Flüchtlinge aus Walheim, Venwegen, Hahn und anderen Ortschaften ein, die in Richtung Düren weiterreisen wollen. Ungefähr 60 Zweifaller gehen in die Evakuierung, der Rest will im Dorf das Geschehen abwarten.

In Germeter, Vossenack und Hürtgen herrscht Mitte September 1944 noch relative Ruhe.

In Huppenbroich haben die Bewohner das Dorf nach dem Erhalt des Räumungsbefehls verlassen. Nur vier Einwohner bleiben mit ihrem Vieh im Ort und werden erst Ende Januar 1945 mit ihren Haustieren von den Amerikanern nach Lammersdorf gebracht.

Befehl verweigert

In Eicherscheid haben die Einwohner beschlossen, dem Räumungsbefehl nicht nachzukommen und komplett im Ort zu bleiben. Sie haben ansehnliche Nahrungsmittelvorräte angelegt und wollen sich in ihren Häusern vom amerikanischen Durchmarsch überrollen lassen.

In den Rurtaldörfern Hammer, Dedenborn, Einruhr und Erkensruhr sowie in Rohren und Widdau ist zwar auch der Räumungsbefehl erteilt worden, aber viele Einwohner wollen noch die nächsten Tage abwarten.

In Simmerath, Bickerath und Witzerath werden die Einwohner in langen Trecks evakuiert. In den Häusern halten sich Einheiten der deutschen 89. Infanteriedivision auf.

In Paustenbach sind die Bewohner ebenfalls komplett evakuiert worden. Einige ziehen mit Familienangehörigen aus Lammersdorf ins Venn bei Fringshaus. Sie können danach monatelang nicht nach Paustenbach zurück und müssen in Lammersdorf und Roetgen bleiben.

Derweil arbeitet sich der Kampfverband B der 3. US-Panzerdivision unter dem Kommando von Lt. Colonel William B. Lovelady von Eupen durch den Wald in Richtung deutsche Reichsgrenze vor. Da die Amerikaner keinen Plan haben, wo die ursprüngliche Grenze verläuft, wissen sie auch nicht, dass Petergensfeld nicht deutsch, sondern belgisch ist. Erst nachdem die 39-jährige Belgierin Felice Leclou in französischer Sprache den Irrtum aufklärt, ziehen die Truppen weiter.

Kurz nach 14 Uhr rollt ein Jeep der Aufklärungseinheit der 3. US-Panzerdivision vorsichtig auf den Roetgener Bahnhof zu. Wo ist der sagenhafte Westwall, an dem sie entsprechend ihrem Lied „We‘re going to hang out the washing on the Siegfried Line“ ihre Wäsche zum Trocknen aufhängen wollen?

Kleiner Sieg für die Deutschen

Die erste Westwall-Linie (Vorstellung Aachen/Scharnhorstlinie) verläuft östlich von Roetgen in Höhe der Dreilägerbachtalsperre. Am späteren Nachmittag rückt der 2. Zug der Aufklärungskompanie weiter in diese Richtung vor. Der Zugführer erhält den Befehl, das Gelände auszukundschaften. Beim Beobachten der Höckerlinie auf der anderen Seite der gesprengten Schleebachbrücke wird der Spähtrupp mit Feuer aus den Bunkern eingedeckt.

Dabei wird der Zugführer tödlich getroffen. Von dem im Hang liegenden Bunker D 49 können die Deutschen die Straße voll einsehen und die Angreifer unter MG-Beschuss nehmen. Da die US-Panzer aufgrund der örtlichen Gegebenheiten (Hanglagen) gezwungen sind, auf der Straße zu bleiben, wird der Vorstoß durch die US-Infanterie vorgetragen.

Als diese gegen 17 Uhr anrückt, werden die amerikanischen Soldaten von deutschen Scharfschützen beschossen. Einige von ihnen haben sich linksseitig der Straße in Heuböcken versteckt. Der Kompanieführer der hier eingesetzten E-Kompanie des 36. US-Panzergrenadierregiments, 1. Lt. A. P. Hall, wird durch eine deutsche Kugel getötet.

Als die Deutschen nun auch aus Deckungslöchern und Gräben zwischen den Bunkern mit Infanteriewaffen und Granatwerfern auf die Eindringlinge feuern, geht die Panzergruppe mit Unterstützung des Panzerartilleriebataillons 391 massiv gegen die Bunker D 49, D 45 und D 43 vor. Mit zwei Panzern wird eine Straßensperre errichtet.

Gegen 19.30 Uhr erhält die D-Kompanie des 36. Panzergrenadierregiments den Befehl, anzugreifen und die Höckerlinie östlich zu umgehen. Dort soll eine Stellung zum Schutz der Pioniere errichtet werden, die mit der Instandsetzung der Schleebachbrücke beauftragt sind. Auch dieser Versuch scheitert am Beschuss von deutscher Seite.

Gegen 20 Uhr bringt das Panzerartilleriebataillon 391 der 3. US-Panzerdivision eine 105-mm-Batterie von sechs Geschützen in Stellung, die sofort auf die Bunker feuert. Trotzdem bleiben alle Versuche, den Durchbruch an diesem Tag zu erzwingen, erfolglos. Die Amerikaner müssen sich außer Sichtweite der Bunker zurückziehen; die Deutschen haben einen kleinen Sieg errungen.

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