Rollende Waldschule: „Der Hirsch ist nicht der Mann vom Reh”

Von: Andreas Gabbert
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Da wird sogar das Pausenklinge
Da wird sogar das Pausenklingeln überhört: Wenn Hermann Carl aus Monschau mit der Rollen Waldschule zu Gast ist und für ein paar Stunden den Unterricht übernimmt, ist die Begeisterung der Kinder riesig. Foto: Andreas Gabbert

Nordeifel. Ein Bär steht auf dem Lehrerpult, der Luchs liegt auf dem Schrank, auf dem Boden tummeln sich kleine Wildschweine, Enten, Füchse und viele andere Tiere. Rundherum haben sich die Kinder der Grundschule Kalterherberg versammelt, jedes hat ein anderes Tier auf dem Schoß, und alle lauschen gespannt, was ihnen der Mann in der Tracht eines Jägers zu erzählen hat.

Dieser Tag, an dem die Rollende Waldschule der Kreisjägerschaft Aachen zu Gast ist, ist nicht nur für die Kinder ein ganz besonderer Schultag, sondern auch für Hermann Carl aus Monschau.

Zum 1000. Mal hat er die zahlreichen Tierpräparate aufgebaut, um mit ihrer Hilfe anderen Menschen, Wald und Natur näher zu bringen. Mit voller Absicht hat er für diese Jubiläumsveranstaltung die Grundschule Kalterherberg ausgewählt, schließlich fand dort vor etwa 15 Jahren auch die allererste Veranstaltung der Rollenden Waldschule statt.

Seitdem besucht Hermann Carl Schulen, Kindergärten, Altenheime, Behinderten-Einrichtungen, Umwelttage und viele andere Veranstaltungen in der gesamten Städteregion und den angrenzenden Orten in Belgien und in den Niederlanden. Dabei ist er mit circa 246.000 Menschen in Kontakt gekommen, allein in den Schulen und Kindergärten hat er über 42.000 Kinder unterrichtet.

Es sei zwar ein anstrengender Job, morgens mehrere Stunde Unterricht zu geben und dann anschließend noch acht Stunden lang den Beruf des Polizisten auszuüben. Freigestellt vom Dienst ist er für seine Tätigkeit als Pädagoge nämlich nicht. Seine Arbeit muss er nach wie vor leisten. Für die ehrenamtliche Aufgabe bekommt er nur eine kleine Aufwandsentschädigung, die gerade mal die Kosten deckt.

Um 7 Uhr verlässt er das Haus und kommt am Abend gegen 22.30 Uhr wieder zurück. Zwei bis drei Mal in der Woche geht das so. Der Bedarf bei den Schulen ist sehr hoch. Die Familie kommt oft zu kurz. „Aber es macht nach wie vor Spaß, zu erleben, wie groß der Hunger nach Wissen aus der Natur bei Kindern und Erwachsenen ist”, sagt Carl. Gleichzeitig sei aber immer wieder zu erkennen, wie wenig Wissen über die heimische Tierwelt bei den Kindern vorhanden ist. „Unermüdlich muss gelehrt werden, dass nicht der Hirsch der Mann vom Reh ist, sondern dass Rotwild und Rehwild - unsere Hauptwildarten - zwei ganz verschiedene Tiere sind.”

Was Carl immer wieder ärgert, ist, dass die Tätigkeit eines Jägers in der Regel auf einen einzigen Punkt reduziert wird. „Viele glauben, dass er nur dazu da ist, Tiere zu schießen. Von dem gesetzlichen Auftrag, für einen natürlichen und artenreichen Tierstand zu sorgen, ist kaum etwas bekannt. Es gehört sehr viel Liebe für die Natur dazu”, sagt Carl. In Deutschland würden von Jägern sehr viele Projekte im Tier- und Biotopschutz geleitet und an vielen Orten klappe die Zusammenarbeit mit den Naturschutzverbänden auch sehr gut. Schwarze Schafe gebe es natürlich überall, räumt er ein.

Deshalb versucht der diplomierte Naturführer und zertifizierte Waldführer in seinem Unterricht auch, mit Vorurteilen aufzuräumen und einen Einblick in die tatsächliche Tätigkeit eines Jägers zu geben. „Der Unterricht in der Rollenden Waldschule vermittelt, dass alle Menschen die Aufgabe haben, die Natur, in der wir als kleiner Teil davon leben, für alle Zeiten funktionsfähig zu erhalten”, erklärt Carl.

Menschen für die Natur zu begeistern, gelingt ihm auf unvergleichliche Weise. Wenn er den Ruf eines Hirsches oder des Eichelhähers imitiert, um anschließend anhand verschiedener Schädel die unterschiedlichen Gebisse von Fleisch- und Pflanzenfressern zu erklären, dann überhören die Kinder sogar das Pausenklingeln.

Wie lange die Begeisterung anhält, zeigen die sechs dicken Aktenordner, in denen Carl die Briefe und Bilder aufbewahrt, die ihm seine Schüler geschrieben oder gemalt haben. „Ich schmeiße keinen weg, ich habe sie alle aufbewahrt. Die sind so schön, voller Herzlichkeit und Begeisterung”, sagt Carl und strahlt dabei über das ganze Gesicht.

Mit der Rollenden Waldschule war Carl auch schon im Brüsseler Europaparlament und in der Aachener Justizvollzugsanstalt zu Gast. Auch die Strafgefangenen haben ihm Löcher in den Bauch gefragt. Egal, wo er mit den zahlreichen Tierpräparaten auftaucht, fasziniert er die Menschen mit seiner Art, über die Natur zu sprechen. Über 100 dieser Präparate führt er dann im Anhänger der Kreisjägerschaft mit sich. Weit über 1000 lagern noch in zwei Scheunen auf seinem Grundstück. Fast jede Woche fragt jemand an, ob er sich etwas für den Unterricht oder ein Referat ausleihen kann.

Immer wieder klingelt auch das Telefon, weil jemand ein ausgestopftes Tier auf dem Speicher der Großeltern gefunden hat, oder weil ein Tier überfahren wurde, vor eine Scheibe geflogen ist, oder sonst ein Unglück hatte. Der Luchs auf dem Schrank stammt zum Beispiel aus dem Aachener Tierpark.

Über die Jahre hat sich eine umfangreiche und „sehr wertvolle” Sammlung ergeben, die jetzt darauf wartet, in Monschau in einem Museum dauerhaft präsentiert zu werden. „Sobald Sponsoren und vielleicht auch ein passender Träger, sowie eine große passende Räumlichkeit gefunden sind, wird ein solches Museum wahr werden. Es wird zurzeit fieberhaft daran gearbeitet, es auf solide Füße zu stellen. Jede Idee und jede Unterstützung wird gebraucht”, wirbt Carl um Unterstützung.
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