Roetgener Bürgerinitiative: Gegen „subventionierte Waldzerstörung“

Von: Peter Stollenwerk
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Die Windkraft-Planung nicht der Willkür überlassen: Rainer Hülsheger, Rainer Ständer, Katharina Ständer, Herbert Klinkenberg und Joachim Kreitz (v. li.) von der Roetgener Bürgerinitiative gegen den geplanten Windpark Münsterwald. Foto: P. Stollenwerk

Roetgen. Als vor rund 20 Jahren ein gerade mal 30 Meter hohes Windrad auf einem Gittermast bei Huppenbroich installiert wurde und ein Technik-Tüftler massive Türme mit Metallflügeln bei Strauch errichtete, belächelte man noch die Pioniere der Windkraft. Doch inzwischen liefern die Windparks in der Eifel Konfliktpotenzial am laufenden Band.

Kaum eine Eifelhöhe wird ausgespart, um mit immer höher werdenden Anlagen bestückt zu werden, und auch in unmittelbarer Nachbarschaft des Nationalparks Eifel drehen sich riesige Anlagen. Rund 70 Windräder laufen zwischen Raffelsbrand und Schöneseiffen, weitere 35 neue Kraftwerke mit zu 120 Meter Nabenhöhe sind in Planung oder Prüfung.

Kein „Verhinderungsverein“

Zu den aktivsten Gegnern des weiteren Ausbaus der Windkraft in der Region zählt eine Bürgerinitiative aus Roetgen, die in Stellung ging als vor vier Jahren erstmals Pläne der Stadt Aachen aufgetischt wurden, auf ihrem Gebiet sieben Windkraftanlagen zu errichten. Das hätte in Roetgen nicht weiter Staub aufgewirbelt, hätte die Stadt Aachen die Anlagen nicht ausgerechnet in den Münsterwald, rechts und links der Himmelsleiter, direkt an die Grenzen des Roetgener Gemeindebereiches platzieren wollen.

Die Bürgerinitiative kämpft seitdem unermüdlich gegen diese „subventionierte Waldzerstörung“, wie Herbert Klinkenberg aus Áachen, einer der Aktivposten der Initiative, das Erneuerbare Energien-Programm in diesem Bereich bezeichnet. Auch ist für ihn fragwürdig, dass bislang der Einblick in das Windgutachten der Stadt Aachen verwehrt worden sei.

Die Bürgerinitiative hat inzwischen ihren Horizont erweitert, indem sie generell den weiteren Vormarsch der Windkraft in der Eifel bremsen möchte. Untermauert wird diese Absicht durch die Gründung des Vereins mit dem Namen „Natur-Landschaftsschutz-Nordeifel e.V. (NLN)“. Der Verein wurde bereits im April gegründet, und ist jetzt auch Mitglied der Landesgemeinschaft Natur- und Umweltschutz. Die Akteure sehen sich nicht als Windkraft-Verhinderungsverein, „aber wir möchten differenziert hinschauen, wo Windkraft konzentriert werden kann oder hingehört und wo sie nicht hingehört“, sagt Rainer Hülsheger aus Rott, Vorstandsmitglied der Landesgemeinschaft Naturschutz und Umwelt NRW (LNU). Die Gemeinschaft wurde 1976 gegründet und vertritt 84 Vereinigungen des ehrenamtlichen Naturschutzes in Nordrhein-Westfalen mit ca. 300.000 Einzelmitgliedern.

Windkraft in Waldgebieten ist für Hülsheger ein Unding. An den Aufstellflächen würden „riesige Löcher“ in den Wald gerissen. Auf diese Weise entstünde eine Vielzahl neuer Waldränder, wodurch die Windwurfgefahr deutlich erhöht werde. Da Greifvögel wie auch Eulen und Fledermäuse vorwiegend am Waldrand ihren Lebensraum besäßen, „fliegen diese Tiere dann direkt auf die Schreddermaschinen zu.“

Joachim Kreitz, Mitstreiter aus Roetgen in der Bürgerinitiative, hat im Laufe der Zeit immer mehr den Eindruck gewonnen, „dass die Errichtung von Windkraftanlagen vorrangig nur noch dazu dient, Einnahmen für die defizitären Kommunal-Haushalte zu erzielen“. Daher, so Kreitz, gelte es umso mehr darauf zu achten, dass bei Ausweisung von Windkraftkonzentrationszonen nicht Willkür die Oberhand gewinne.

Seitens der Bürgerschaft verspüren die Initiatoren starken Rückenwind, denn gegen die Windkraft-Pläne der Stadt Aachen wurden über 4000 Unterschriften gesammelt, die Roetgens Bürgermeister Manfred Eis vor längerer Zeit bereits überreicht wurden.

Auch Rainer Ständer, ehemals bei der Bauaufsicht des früheren Kreises Aachen tätig und ebenso kritischer wie fundierter Beobachter der aktuellen Entwicklung, hat den Eindruck gewonnen, dass inzwischen „ein Wettlauf der Bürgermeister um die meisten Pachteinnahmen aus der Windkraft eingesetzt hat“. Die Nordeifel sei inzwischen „von Windkraft umzingelt“, die eine „gestaffelte Barrierewirkung“ für die Zugvögel darstelle. Das Gebiet des Münsterwaldes sei Hauptdurchzugsgebiet für Kraniche und man habe dokumentiert, dass es Kranich-Rastplätze in unmittelbarer Nähe des Münsterwaldes, z.B. auf dem Struffelt, gebe.

Interessenkonflikt?

Das kürzlich im Roetgener Bauausschuss beratene Gutachten zur Windkraft im Münsterwald hat für Herbert Klinkenberg einen „faden Beigeschmack“. Das beauftragte Fachbüro prüfte, ob die Aachener Windräder im Münsterwald sich eventuell nachteilig auf eine mögliche Windkraftnutzung der Gemeinde Roetgen in ihrem Teil des Münsterwaldes auswirken könnten, da eine Effektivität der Anlagen nur dann gegeben ist, wenn auch bestimmte Abstände eingehalten werden. Es sei nicht nachvollziehbar, wenn das gleiche Büro auch für die Stadt Aachen eine Machbarkeitsstudie erstelle. Hier sehe man einen „Interessenkonflikt“. Die Untersuchung hatte ergeben, dass die derzeit von der Stadt Aachen geplanten Standorte möglicherweise dazu führen, dass für Roetgen nur noch zwei statt vier Anlagen übrig blieben. Diese Feststellung ist insofern etwas paradox, da die Mehrheit des Gemeinderates die Windnutzung auf Roetgener Gemeindegebiet ablehnt. Doch mögliche Nutzungs-Einschränkungen für Roetgen sind letztlich die einzige Argumentations-Möglichkeit gegen das Vorhaben der Stadt Aachen.

Was Naturschutzbelange im Münsterwald betrifft, ist die Gemeinde Roetgen nicht klageberechtigt, weiß Rainer Hülsheger, da sich die Kommune nur auf städtebauliche Einschränkungen berufen könne.

Herbert Klinkenberg hält es für ratsam, dass die Gemeinde Roetgen sich eine Klagmöglichkeit offenhält und das Ergebnis der noch laufenden Umweltverträglichkeitsprüfung der Stadt Aachen abwartet, auch wenn ein anerkannter Jurist der Gemeinde klipp und klar dargelegt hatte, dass eine Klage gegen die Windpark-Pläne der Nachbarkommune nicht von Erfolg gekrönt sein würde, und der Bausschuss einstimmig beschlossen hatte, keine Rechtsmittel anzuwenden. Der Gemeinderat berät darüber am 16. Dezember.

Nicht ausgeschlossen ist für die Bürgerinitiative, dass man über den LNU den Klageweg beschreitet, auch weil sich die drei großen Naturschutzverbände im Lande allesamt gegen den Standort Münsterwald ausgesprochen haben.

Zweifel am Ertrag

Neben dem oben angesprochenen Gutachten wurde auch eine Wirtschaftlichkeitsberechnung für die Windanlagen im Münsterwald vorgelegt, die für Katharina Ständer (Bürgerinitiative) allein die Einschätzung zulässt, „dass die Wirtschaftlichkeit der Aachener Anlagen nicht gegeben ist“. Außerdem hätten die Gutachter Bruttoerträge statt Nettoerträge aufgelistet. Wartung, Reparaturen sowie Ruhephasen der Anlagen, bedingt durch Schattenwurf und Schallreduzierung, führten dazu, dass die Einschränkungen die Anlagen als nicht rentabel erschienen ließen. Roetgen sei ohnehin ein „schwieriger Standort“ für die Windkraft, und die vorgesehenen Standorte für die Aachener sein noch problematischer, weil sie noch tiefer im Gelände liegen würden. Gutachten und Machbarkeitsstudie kosteten die Gemeinde Roetgen stolze 38.000 Euro.

Für die Bürgerinitiative ist noch lange nicht das letzte Wort über die Windkraft im Münsterwald gesprochen. Rainer Ständer: Die Stadt Aachen sei von „vorneherein auf die Errichtung von Windanlagen im Münsterwald fixiert“ gewesen. Eine „unvoreingenommene Prüfung“ habe seiner Auffassung nach noch nicht stattgefunden.

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