Eicherscheid - Rennfahrer: Kindheitsträume werden langsam wahr

Rennfahrer: Kindheitsträume werden langsam wahr

Von: Andreas Gabbert
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Eicherscheid. Bällen hinterherzujagen war noch nie sein Ding. Während andere Kinder in den 1980er Jahren Fußballstars wie Karl-Heinz Rummenigge, Rudi Völler oder Lothar Matthäus nacheiferten, träumte Jochen Nießen aus Eicherscheid von etwas anderem: Rennfahrer zu werden. Diesem Traum ist der heute 43-Jährige Stück für Stück näher gekommen.

Mit Anfang 20 kaufte er sich einen Peugeot 205 GTI und eine Jahreskarte für den Nürburgring. Wenig später lernte er seine Frau kennen, und schon bald stand der Auszug aus dem Elternhaus an. Da blieb kein Geld mehr für den Motorsport übrig.

„Es sind die Fliehkräfte, die Geschwindigkeit, das Beherrschen des Autos in Extremsituationen, die mich daran so reizen. Und der Sound ist auch geil“, sagt Nießen. Hinzu komme das ganze Drumherum, die Arbeit im Team und die Atmosphäre im Fahrerlager. „Schon in der Box zu stehen und zu wissen, gleich darfst du auf die Strecke, ist schon toll.“

Zu alt für Motocross

Vier Jahre später leistete sich Nießen ein Rennkart. Das war im Jahr 1996. In den folgenden Jahren ist er mit verschiedenen Karts von Rennstrecke zu Rennstrecke gereist, um auf gebrauchten Slicks hobbymäßig seine Runden zu drehen. Spa, Kerpen oder Genk hießen die Ziele. Teilgenommen hat er in dieser Zeit lediglich an einem Rennen.

„Dafür muss man schon einigermaßen konkurrenzfähig und auf dem neuesten Stand der Technik sein. Hinzu kommt die Startgebühr. Alles in allem kostet eine Saison in der zweithöchsten Klasse 1500 bis 2000 Euro im Jahr. Das Geld hatte ich einfach nicht“, sagt Nießen. Außerdem hätte er einen „Schrauber“ gebraucht. „Allein machst Du da gar nichts. Und wer hat schon am Wochenende immer Zeit?“

Als Nießen begann, in Eicherscheid sein Haus zu bauen, sattelte er auf Motocross um. „Weil das günstiger ist, als Kart zu fahren.“ Doch er musste feststellen, dass er inzwischen zu alt dafür war. „Das muss man von Jugend an gemacht haben, sonst hat man zu viel Respekt davor. Der Kopf sagt vor einem Sprung, Du musst Gas geben, mein innerer Schweinhund sagte aber was anderes“, erklärt Nießen.

Als „Ersatzbefriedigung“ entdeckte er zwischenzeitlich das Laufen für sich. Elf Marathons hat er hinter sich gebracht. „Das war zwar auch schön, aber nicht das, was ich wirklich will, und das ist Rennen fahren“, sagt Nießen.

Im Jahr 2010 machte er sich als Schornsteinfeger selbstständig und konnte sich etwas mehr leisten. Das war ein BMW 320i mit 150 PS und einem Überrollkäfig zum Üben. Damit war er ein Jahr lang im „Touristenverkehr“ auf der Nordschleife des Nürburgrings unterwegs. Als der Winter kam sagte er sich: „Du bist jetzt besser als das Auto“. Mit einem 20 Jahre alten BMW M3 erklomm er die nächste Stufe.

Die nächsten zwei Jahre fuhr er damit wieder im „Touristenverkehr“ auf dem Nürburgring und nahm am GLP-Wettbewerb (Gleichmäßigkeitsprüfung) teil. Dabei kommt es darauf an, eine selbst gesetzte Rundenzeit möglichst auf die Hundertstelsekunde genau zu wiederholen. Nießen absolvierte eine komplette Saison mit acht Veranstaltungen auf der Nordschleife und wurde 2011 Vizemeister in der Einsteiger-Wertung (Rookie). 2012 wurde er 26. von mehreren hundert Teilnehmern in der GLP.

Seit diesem Jahr ist der Eicherscheider mit einem BMW E46 M3 unterwegs. Dafür hat er sich in ein Team eingekauft, einen Fahrerplatz gemietet, den er sich mit einem anderen teilt. Teilgenommen hat er am RCN-Wettbewerb (Rundstrecken-Challenge Nürburgring).

Ein richtiges Rennen ist das nicht. „Aber schon ein gutes Training für richtige Rennen, teilweise kommt es auch zu Tür-an-Tür-Duellen“, sagt Nießen. Bei diesem Wettbewerb wird nacheinander zu Sprintrunden gestartet, und am Ende zählt die schnellste Rundenzeit.

Die Erfolge waren eher mäßig. Zwar gelang es dem Team, einen zweiten und einen dritten Platz in ihrer Klasse einzufahren. „Die Gesamtwertung war aber nicht so doll, das mag auch daran gelegen haben, dass wir kein homogenes Fahrerpaar waren“, sagt Nießen.

Im kommenden Jahr will Nießen beim Langstrecken-Pokal (VLN) auf dem Nürburgring starten, einem richtigen Rennen mit bis zu 200 Startern. Jetzt sucht Nießen nach einem Platz in einem Team mit Sponsoren. „Das gibt es aber kaum.“

Dankbar wäre er auch für die Unterstützung von Sponsoren, die ihm den Start mit einem konkurrenzfähigen Auto ermöglichen. „In Rennfahrerkreisen muss man dann aber auch würdig dafür sein“, sagt Nießen. Das heißt, man muss schnell sein und darf nichts kaputt machen.

„Es gibt Fahrer, die schnell sind, aber regelmäßig das Auto zu Schrott fahren. Die will keiner. Dass ich schnell bin, habe ich in der RCN bewiesen und selbst verschuldet habe ich auch noch nie was kaputt gemacht“, sagt Nießen.

24-Stunden-Rennen

Am liebsten würde er die komplette Saison mit einem Team fahren. „Dann kann man sich an das Auto gewöhnen und kommt auch in die Jahreswertung. Sonst fahre ich halt nur wenige Rennen mit“, sagt der schnelle Schornsteinfeger.

Seinem Traum ist er inzwischen schon sehr nahe gekommen. Einen Wunsch hat er aber noch, und zwar am 24-Stunden-Rennen auf dem Nürburgring teilzunehmen. „Wenn nicht nächstes Jahr, dann eben übernächstes Jahr.“

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