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Pumpspeicherkraftwerk: Fakten reichen nicht

Von: P. St.
Letzte Aktualisierung:
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Seehöhe 260 Meter üNN: Dieser Tiefstand des Rursees, wenn bei Woffelsbach die Insel sichtbar wird, ist in den letzten 60 Jahren ganze 13 Mal aufgetreten, zuletzt 2011. Foto: P. Stollenwerk

Nordeifel. „Die Unruhe ist weiterhin groß. Monsterwellen werden prophezeit. Strömungen sollen angeblich Segelboote und Schwimmer in die Tiefe reißen. Am Rursee besteht viel Angst im Hinblick auf den Bau und den Betrieb des möglichen Wasserspeicherkraftwerks“, sagt Prof. Dr. Detlef Müller-Böling, der Sprecher einer Arbeitsgruppe der Gemeinschaft der Sportvereine (GSR).

Diese Gemeinschaft vertritt die in Vereinen organisierten Nutzer des Rursees, egal ob Taucher, Angler, Surfer oder Segler. Die GSR vertritt rund 4000 Einzelmitglieder.

Die GSR hat noch keine klare Position zu dem vom Netzwerkeverbund Trianel geplanten Großprojekt bezogen und zeigt sich offen für das weitere Verfahren. Allerdings, so heißt es jetzt in der dritten Stellungnahme der GSR, behalte man sich „eine klare Ablehnung vor, sobald Informationen erkennbar werden, dass das Wasserspeicherkraftwerk den Wassersport auf dem Rursee gefährden wird, „weil der Wassersport ein unverzichtbares wirtschaftliches, gesellschaftliches und sportpolitisches Standbein der Rursee-Gemeinden ist“.

Streng unterscheidet die GSR daher „zwischen bisher klaren Fakten und Erwartungen oder Einschätzungen“, betont Müller-Böling.

So stehe fest, dass der Seehub bei Kraftwerksbetrieb bis zu zwei Metern betragen könne. Diese Spanne komme aber nur vor, wenn die Seehöhe bei 260 m üNN liege, ein Fall der in den letzten 60 Jahren ganze 13 Mal aufgetreten sei, meistens im Spätherbst oder Winter. Dann erscheint beispielsweise die Insel in der Seemitte vor Woffelsbach. Ob durch das Pumpspeicherwerk ein voller Seehub oder nur wenige Zentimeter realisiert würden, „ist völlig offen und hängt von vielen Faktoren des Strommarktes ab, die heute nicht vorhersehbar sind“.

Der Wasserverband Eifel-Rur (WVER) hat seine Zustimmung an die Bedingung geknüpft, dass Strömungen ausgeschlossen werden, die den Wassersport oder durch Sedimentauflösungen die Wasserqualität gefährden.

Bisherige wissenschaftliche Berechnungen gehen laut GSR-Informationen von Strömungen an der Sohle von 0,5 m/sec aus. Diese seien wegen der Sedimentauflösungen nicht hinnehmbar. An der Wasseroberfläche seien Strömungen von maximal 0,22 m/sec (das sind 13 Meter/min zu erwarten. Derartige Strömungen seien ungefährlich, allerdings eine Belastung für den Regattasport oder die Ausbildung. Die Strömungen können und sollten durch entsprechende Gestaltung des Auslaufbauwerks noch beeinflusst werden.

Weiter heißt es in der Stellungnahme, dass die bisherigen Steg-, Ufer- und Slipanlagen „in weiten Teilen für den zu erwartenden Seehub nicht geeignet sind“. Die GSR hat mit Trianel ein Gutachten vereinbart, das Lösungen ermitteln soll. Trianel habe zugesagt, Anpassungen oder neue Steganlagen zu finanzieren.

Der WVER hat eine Absenkung des Wasserspiegels in der Bauphase auf minimal 240 m üNN für nur eine Saison vorgegeben. Trianel habe zu erkennen gegeben, dass das Ein- und Auslaufbauwerk auch mit einer Absenkung auf nur 260 Meter üNN zu errichten sei. Müller-Böling: „Dies wäre ein Einlenken auf die Forderungen der GSR. Damit wäre Wassersport ebenso wie die Rurseeschifffahrt auch während der Bauzeit ohne besondere Einschränkungen möglich. Dies ist für die GSR ein wesentlicher Aspekt, da die Verunsicherung bei den Wassersportlern bereits zu Mitgliederschwund und der Aufgabe von Steganlagen geführt hat.

Die Entscheidung des Regionalrats zum Raumordnungsverfahren fällt am 15. März 2013. Entschieden wird dann, ob der Bau des Oberbeckens bei Strauch (Fassungsvermögen 7,6 Millionen Kubikmeter) und der Eingriff ins Schilsbachtal genehmigungsfähig ist.

Trianel hat angekündigt, in der zweiten Jahreshälfte 2013 zu entscheiden, ob das Planungsverfahren für den Rursee weiter betrieben werden soll. Unter Berücksichtigung von Planungs- und Genehmigungszeiten ist vor 2019 nicht mit dem Beginn und vor 2023 nicht mit einem Ende der Bauzeit zu rechnen. Trianel hat Ende Januar in einem Positionspapier noch einmal betont, dass man nach wie vor an der Umsetzung von Pumpspeicherkraftwerken als „einzig ausgereifte und etablierte Technologie“ unter den erneuerbaren Energien festhalte.

Als Fazit hält die GSR-Arbeitgruppe fest, „dass die GSR zum jetzigen Zeitpunkt keine eindeutige Haltung für oder gegen das Wasserspeicherkraftwerk einnehmen kann, weil verlässliche und belastbare Informationen eine Entscheidung noch nicht zulassen“.

Detlef Müller-Böling bekräftigt erneut, dass eine „sachbezogene und argumentative Auseinandersetzung mit dem Wasserspeicherkraftwerk“ angestrebt werde.

Auch die Interessengemeinschaft „Pro Pumpspeicherkraftwerk am Rursee“ begrüßt die Ankündigung der Bezirksregierung Köln, noch im März 2013 das Raumordnungsverfahren und das Regionalplanänderungsverfahren für das Pumpspeicherkraftwerk in Simmerath und am Rursee abzuschließen. „Das Pumpspeicherkraftwerk ist eine Riesenchance für die Region“, betont die Initiatorin der Interessengemeinschaft, Ursula Derichs-Lavalle aus Strauch.

Die Interessengemeinschaft will das Kraftwerkprojekt positiv begleiten. Über 80 Bürger haben sich mittlerweile hinter den Positionen der Interessengemeinschaft Pro Wasserspeicherkraftwerk (IG) vereint. „Insbesondere die sachlich irreführenden Informationen der Bürgerinitiative gegen das Kraftwerk befremdet viele Bürger“, so Ursula Derichs-Lavalle.

Als ein Beispiel nennt sie die einseitige Interpretation einer Studie des Fraunhofer-Instituts Freiburg durch die Projektgegner. Diese hatten behauptet, dass das Institut sich gegen weitere Pumpspeicherkraftwerke ausgesprochen habe. „Das ist einfach unwahr“, schimpft sie.

Dr. Hans-Martin Hennig, stellvertretender Leiter des Fraunhofer-Instituts, betont, dass aus der Studie nicht abgeleitet werden könne, dass weitere Pumpspeicherkraftwerke nicht sinnvoll seien. Beim steigenden Anteil erneuerbarer Energien bedürfe es in erheblichem Maße weiterer Kurzspeicher. Diese Aufgabe erfüllten Pumpspeicherkraftwerke.

Die Interessengemeinschaft will das Pumpspeicherprojekt weiterhin positiv-kritisch begleiten, wobei man sich in einem Punkt mit den Kraftwerksgegnern einig ist: Der Rursee müsse als touristisches Highlight der Nordeifel für Wassersportfreunde und Erholungssuchende erhalten bleiben. „Eine Verteufelung, Emotionalisierung oder bewusste Verdrehung von Aussagen lehne die Interessengemeinschaft daher ab.“

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