Prozess nach Granatenfund im Keller: Beweise zu schnell vernichtet

Von: Stephan Everling
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Wegen Verstoßes gegen das Kriegswaffenkontrollgesetz stand jetzt ein 25-jähriger Mann aus Nideggen vor Gericht. Symbolfoto: dpa

Schleiden-Gemünd/Simmerath/Nideggen. Richterin Claudia Gießen vom Amtsgericht Gemünd fand deutliche Worte. „Ich bin mittelprächtig entsetzt“, rügte sie die mangelhafte Arbeit der Ermittlungsbehörden, die dazu führte, dass ein 25-jähriger Nideggener, der sich wegen Verstoßes gegen das Kriegswaffenkontrollgesetz vor der Schöffenkammer zu verantworten hatte, freigesprochen wurde.

Denn das entscheidende Beweisstück, eine wahrscheinlich amerikanische 155-Millimeter-Sprenggranate aus dem Zweiten Weltkrieg war kurzerhand vom Sprengmittelräumdienst ohne nähere Untersuchung beseitigt worden. Fotos, die einen Beweis hätten erbringen können, standen nicht zur Verfügung.

Akute Explosionsgefahr dürfte der Mann befürchtet haben, der im Dezember 2015 in seinem Keller in einem Simmerather Ortsteil eben diese Granate entdeckte. Er rief die Polizei, die eine Durchsuchung in den Räumen des Sohnes anordnete und dort mehrere Lager von unbrauchbarer Munition und abgesägten Gewehrläufen entdeckte.

„Munitionsschrott“ nannte es der Experte vom Kampfmittelräumdienst (KMRD), den die Polizei zur Unterstützung angefordert hatte. Anders die Granate. Sie sei befüllt gewesen, hieß es in der Anklageschrift der Staatsanwaltschaft Aachen. Doch das eigentliche Beweismittel fehlte genauso wie ein fachliches Gutachten, in dem das zweifelsfrei festgestellt worden wäre. Nur ein paar Tatortfotos standen der Kammer zur Verfügung.

Fast ungläubig verlas Giesen Antworten auf eine Anfrage, die sie an Bezirksregierung und Landeskriminalamt (LKA) gestellt hatte. Während die Bezirksregierung auf die Sachkunde des LKA in solchen Fällen verwies, musste dieses einräumen, dass es nicht über Sachverständige für Kriegswaffen verfüge, sondern in solchen Fällen auf den KMRD zurückgreife, der wiederum der Bezirksregierung unterstehe.

Genauso sei es auch gelaufen, gab der Mitarbeiter des KMRD zu Protokoll, der bei dem Einsatz in Simmerath dabei gewesen war. Das LKA habe ihn zur Unterstützung angefordert und zur Mitnahme der Granate. Allerdings habe er direkt darauf aufmerksam gemacht, dass seine Behörde nicht über die Möglichkeit verfügt, derartige Funde aufzubewahren. Also wurde die Granate vernichtet.

Offen blieb aber die Frage, ob die Granate tatsächlich befüllt gewesen sei. „Es sind im Zweiten Weltkrieg auch Dummys verschossen worden“, teilte Roger Mohr, Sachverständiger für Waffentechnik, mit. Ihn hatte das Gericht geladen, um vielleicht doch Erkenntnisse zu gewinnen, und konnte sich von ihm einiges über die 15-Zentimeter-Sprenggranaten erklären lassen. „Die Fotos zeigen, dass kein Zünder auf der Granate saß, sondern die Ringschraube, mit der das rund 45 Kilogramm schwere Geschoss mit einem Kran gehoben werden könne“, sagte er. In diesem Zustand gehe von der Granate keine Gefahr aus.

Vor dem Abschuss werde die Schraube durch den Zünder ersetzt, der dann erst die Granate scharfmache. In diesem Fall sei aber nicht zu erkennen, ob die Geschosshülse befüllt gewesen sei, da auf allen Tatortfotos stets die Ringschraube im Mundloch zu sehen sei, durch das die Füllung hätte geprüft werden müssen. Außerdem stehe nicht fest, ob ein Abbau überhaupt möglich gewesen wäre, denn Schraube und Granate seien völlig korrodiert, fügte er hinzu.

Zeuge vom KMRD unsicher

Er habe die Schraube abgebaut und in die Granate gesehen, war sich der Mann vom KMRD zuerst sicher. „Wenn ich so etwas im Wald finde, dann mache ich es nicht, doch hier, wenn die Polizei mich ruft, dann bestimmt“, sagte er. Doch bei genauerem Nachfragen, wie das denn in diesem Fall möglich gewesen sei, begann er zu zweifeln, um schließlich festzustellen, dass er sich doch nicht mehr genau erinnern könne.

So blieb selbst dem Staatsanwalt nichts anderes übrig, als auf Freispruch zu plädieren. Die im Raum stehende Frage, woher das Geschoss stammte und wieso es im Keller lag, wurde, da der Angeklagte konsequent die Aussage verweigerte, ebenso nicht weiter verfolgt. „Sie hatten Glück“, beschied der Staatsanwalt dem Angeklagten, und dessen Gesicht sah nicht so aus, als wolle er widersprechen.

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