Oberstaatsanwalt Albert Balke: „Perfektes Verbrechen gibt es nicht”

Von: Heiner Hautermans
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Geht nächste Woche in Pension
Geht nächste Woche in Pension: Oberstaatsanwalt Albert Balke. Seine Erfahrung aus drei Jahrzehnten Kapitalverbrechen: Die meisten Taten entstehen aus Konflikten, meist aus Beziehungsstreit. Foto: Harald Krömer

Städteregion. Fernsehkrimis guckt Albert Balke nicht gerne. Allenfalls Donna Leon (wegen der schönen Kulisse) oder Wallander, „weil der so nahe an der Realität ist.” Den Tatort mag der Oberstaatsanwalt nicht besonders, außer dem Team aus Münster, „wegen der urigen Typen”. Ansonsten werde das Bild des Staatsanwalts in den Krimis grob verzerrt.

„Eine Randfigur, die die Polizisten ausschimpft und ihnen sagt, was sie zu tun haben. Das hat nichts mit der Realität zu tun.” Albert Balke muss es wissen, er ist der dienstälteste Kapitaldezernent in Nordrhein-Westfalens, möglicherweise von ganz Deutschland. Und einer der besten und hartnäckigsten, ergänzt Pressesprecher Robert Deller.

64 Jahre alt ist Albert Balke jetzt, 1981 wurde er von der Wirtschafts- in die Kapitalabteilung versetzt, die er seit 1996 leitet. „Nebenher” ist er seit 2004 stellvertretender Leiter der Anklagebehörde.

31 Jahre Mord und Totschlag, das ganze Berufsleben verbracht mit Gewaltkriminalität, Albert Balke hat man eine Menge zu erzählen. Etwa wie sich die Kriminalitätstechnik in den drei Jahrzehnten entwickelt hat. Anfang der 80er Jahre war es das Höchste der Gefühle, wenn am Tatort ein Fingerabdruck oder Blutspuren gesichert werden konnten. So hat Balke einen Mörder überführt, weil dessen Abdruck in der Wohnung einer Frau entdeckt wurde und dort nicht hingehörte. Er hatte sich an die Tochter herangemacht, Mutter und Tocher umgebracht und behauptet, er sei nie in der Wohnung gewesen. Der Mann sitzt heute noch in Haft.

Suche nach Mikrofasern

Später wurde die Suche nach Mikrofasern Stand der Dinge. Die Leichen wurden von oben bis unten mit Klebestreifen versehen, um zu sehen, mit wem das Opfer in Kontakt gekommen war - ein Fortschritt zwar in Richtung Aufklärung, aber mühsam und sehr aufwendig. Ende der 80er Jahre dann der Durchbruch mit DNA: „Das hat uns auf einen völlig neuen Standard gebracht.”

Anfangs brauchte man noch ein komplettes Haar samt Wurzel, um den Täter anhand der genetischen Informationen zu überführen, mittlerweile reicht es, wenn er etwa ein Lenkrad nur anfasst, um den DNA-Abdruck zu erstellen. Dazu kommen die Möglichkeiten der Telekommunikation, die die Arbeit effizienter machen, etwa durch Telefon- und Funkzellenüberwachung.

So sind auch Fälle nach vielen Jahren aufgeklärt worden, in denen die Fahnder nicht weitergekommen waren. Als spektakulärster der Mord an fünf Anhalterinnen in zwischen 1983 und 1990, der 2007 eine Wendung bekam, als ein Mann bei einem Metalldiebstahl in Heinsberg erwischt wurde. Seine DNA war auch bei einigen der Anhalterinnen gesichert worden, 2008 wurde er verurteilt.

Fast 20 Jahre nach der Tat holte ein ganz normal lebendes Paar eine Tat ein, die beide als junge Drogenabhängige in Norvenich verübt hatten - sie hatten einen 61-jährigen getötet. Auch hier brachte eine DNA-Spur den entscheidenden Durchbruch.

Vier Mordkommissionen sind im Aachener Polizeipräsidium angesiedelt, zuständig für die Stadt, die Städteregion und die Kreise Düren und Heinsberg. Bei Bedarf wird die Stammbesetzung aufgestockt, etwa bei dem Mord an Tom und Sonja im Jahre 2003. Damals waren 60 Beamte im Einsatz, um das unfassbare Verbrechen an den neun und elf Jahre alten Geschwistern aufzuklären.

Hinweise aus der Bevölkerung führten auf die Spur der beiden Männer, die durch Eschweiler gefahren waren, um Kinder zu finden und zu missbrauchen. Das war der Fall, der auch Albert Balke am stärksten berührt hat und der die Bevölkerung in ganz Deutschland aufbrachte: Das ist allen an die Nieren gegangen.” Wie hält man das über die lange Zeit überhaupt aus, diese Blicke in Abgründe? „Das erste Angebot psychologischer Begleitung hat es vor vier Jahren gegeben” berichtet Balke. Professionelle Distanz, die Familie als Ausgleich, das sind Albert Balkes Mittel gewesen. Mit jungen Kollegen spricht er darüber, wie viel Blut sie sehen können, sorgt dafür, dass nichts weggedrückt wird: „Wenn jemand Probleme hat, wird er abgelöst.”

Balke setzt sich mit dem Nachwuchs aber auch oft zusammen, um seine Erfahrungen weiterzugeben. Die Staatsanwaltschaft ist nämlich nicht nur für alle Gewaltdelikte zuständig, sondern immer dann, wenn der Arzt die Todesursache als ungeklärt einstuft. Das kam immerhin 800 Mal im letzten Jahr vor und führte zu 100 Leichenöffnungen, die seit 2003 in der Kölner Rechtsmedizin vorgenommen werden.

„Ich habe an rund 600 Obduktionen teilgenommen und mehr Leichen gesehen als mancher Arzt.” Die jungen Staatsanwälte in seinem Bereich müssten zum Beispiel einmal einen Kohlenmonoxidtoten gesehen habe, gestorben etwa durch einen defekten Ofen. Die erkennt man nämlich an den kirschroten Lippen: „Da darf die Wohnung nicht freigegeben werden, sonst liegt drei Wochen später wieder einer da.”

Und wonach entscheidet man, welcher Fall weiter verfolgt wird? Das Bauchgefühl spiele eine Rolle, der richtige Riecher, sagt der Strafverfolger. Im Fall der jetzt verurteilten Ärztin, die ihren 50 Jahre älteren Mann zu Tode gespritzt hatte, war es etwa die Auffindesituation, die die Ermittler stutzig machte. Der Tote lag nämlich neben dem Bett, hatte eine kleinere Kopfverletzung. Die Obduktion wurde angeordnet.

Gibt es denn das perfekte Verbrechen? „Das perfekte Verbrechen gibt es nicht, aber das unentdeckte.” Zwar liege die Aufklärungsquote bei 98 Prozent, aber niemand wisse, was nicht aufgeklärt werde. „Da muss hier jeder mit leben, dass wir eine Dunkelziffer produzieren.”

Direkte Erfolgserlebnisse gibt es in seinem Beruf nicht („Man macht keinen mehr lebendig”), aber einen schwierigen oder spektakulären Fall professionell und solide zu lösen, so dass er juristisch Bestand hat, das „sehen wir als unsere Aufgabe an”. Etwa den Fall des Mädchen, das tot gefunden wurden und äußerlich unversehrt war. Bei der Obduktion stellte sich heraus, dass es an inneren Blutungen gestorben war - erschlagen von den eigenen Eltern.

„Ein Staatsanwalt hat zwar Leitungsfunktion, aber er ist Teil des Teams, das einen Fall aufklärt. Das geschieht hier in Aachen in absolut vertrauensvoller Atmosphäre”, erklärt Balke den Unterschied zum Filmkrimi. Nächste Woche hat er seinen letzten Arbeitstag. Bereut hat er seinen Werdegang nicht: „ich würde es wieder tun.”
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