NS-Gefangenenlager Monschau: Das Grauen vor der Haustür

Von: Annika Kasties
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Immer wieder nachgefragt: Rolf von Contzen – hier vor einer ehemaligen Schuster-Werkstatt – weiß, wo Monschauer Bürger versuchten Kriegsgefangenen zu helfen. Der Inhaber dieser Schusterei schob den Hungernden regelmäßig Lebensmittel durch das Fenster zu. Foto: Annika Kasties
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Eine Karte aus dem Jahr 1950 zeigt, wo die Gefangenen begraben wurden. Quelle: Archiv Städteregion Aachen, Bestand „Kreis Monschau“, Nr. 1740

Monschau. Der Beleg für die Grausamkeiten der NS-Zeit in Monschau ist knapp zehn Zentimeter dick und passt in zwei Büroordner. Auf vergilbtem Papier sind sie nachzulesen, die Verordnungen von Heinrich Himmler über die Behandlung von Kriegsgefangenen, der Briefwechsel zwischen Offiziellen, die Sterbeurkunden von Menschen, deren Leben in Monschau ein jähes Ende nahm.

Denn auch hier wurden in einem Lager sowjetische Kriegsgefangene zur Zwangsarbeit genötigt, ausgebeutet, erschossen. Zwei Ordner. Mehr Dokumente über das Gefangenenlager Florabrücke sind im Stadtarchiv Monschau nicht zu finden.

Die exakte Lage des Lagers ist nicht überliefert, berichtet Bernd Läufer vom Stadtarchiv Monschau. Zwei Grabstätten für sowjetische Kriegsgefangene lassen jedoch darauf schließen, dass es sich nördlich des heutigen Kreisverkehrs an der Flora befunden haben muss, in unmittelbarer Nähe des Sportplatzes. Das Gelände gehörte damals nicht zur Stadt Monschau, sondern zur Gemeinde Imgenbroich. Die Grabstätten sind auf einer Karte dokumentiert, die vermutlich 1950 im Zusammenhang mit den ersten Planungen zur Errichtung einer zentralen Ehrenkriegsstätte für sowjetische Kriegsgefangene entstand.

„Auf dem Friedhof der Gemarkung Imgenbroich sind 11 und auf dem Friedhof der Gemarkung Mützenich 39 Gräber vorhanden“, heißt es in einem Brief vom 17. Januar 1950 an die Kreisverwaltung in Monschau. Rückschlüsse auf die Größe des Gefangenenlagers seien dennoch schwer zu ziehen, betont Bernd Läufer.

Kaum bekannt

Es ist ein recht unbekanntes Kapitel in der dunklen Geschichte Monschaus während des Zweiten Weltkriegs. Der Großteil der Einwohner werde nicht wissen, dass in unmittelbarer Nähe ein Gefangenenlager existiert habe, glaubt Bernd Läufer.

Einer, der schon seit Jahren versucht soviele Informationen wie möglich über das damalige Lager zu sammeln, ist Rolf von Contzen. Der 76-Jährige war noch ein kleiner Junge, als der Krieg über Europa wütete und seine Spuren auch in Monschau hinterließ. Als Zeitzeuge will er sich deshalb nicht bezeichnen. Doch er hat mit zahlreichen Menschen, die dabei gewesen sind, gesprochen und ihre Erzählungen gesammelt.

Von der Existenz eines Gefangenenlagers in Monschau hörte er erstmals vor rund 40 Jahren. „Dass das Grausame auch in Monschau gewesen sein sollte, das war mir unvorstellbar“, erinnert er sich. Deshalb habe er nachgefragt. Bei Bekannten aus dem Verein und bei Kunden in seinem Friseursalon. Von Contzen wollte wissen, was damals in seiner Heimatstadt passiert ist. Und die Ereignisse, von denen ihm seine Gesprächspartner berichteten, waren zum Teil erschreckend.

In Monschau wurden sowjetische Kriegsgefangene zu schweren Arbeiten gezwungen. Im Sommer mussten sie Straßenarbeiten verrichten, im Winter Schnee und Eis räumen. Und das bis zur totalen Erschöpfung. Eine ehemalige Kundin habe von Contzen erzählt, wie sie wiederholt beobachtet habe, dass Zwangsarbeiter während der Arbeit tot zusammengebrochen seien. Die anderen Gefangenen mussten den Toten an Ort und Stelle liegen lassen und bis zum Ende ihrer Schicht weiterschuften.

Kein Kontakt zur Bevölkerung

Der Kontakt zur Bevölkerung war den Kriegsgefangenen untersagt. Dies belegen auch die Dokumente des Stadtarchivs. Während Gefangenen anderer Nationen– zumindest auf dem Papier – Spaziergänge außerhalb der Lager zugestanden wurden, galten für Menschen aus der Sowjetunion andere Regeln.

Aus Erzählungen weiß von Contzen, dass die Einwohner die sowjetischen Kriegsgefangenen nach Möglichkeit gar nicht zu Gesicht bekommen sollten. „Wenn die Gefangenen die Laufenstraße entlang kamen, gingen Wärter vorweg und schickten die Leute weg. Niemand durfte sie sehen“, erzählt der 76-Jährige und deutet auf die gepflasterte Straße, auf der sich heute zahlreiche Touristen tummeln.

„Diese Grausamkeiten und dieses Lager wurden nach Möglichkeit verschwiegen.“ Gesehen wurden die Gefangenen trotzdem. Zumindest von jenen, die sich weigerten wegzugucken. Ihr Anblick habe einen „jämmerlichen Eindruck“ gemacht.

Einige Menschen versuchten an den Augen der Nationalsozialisten vorbei zu helfen. Von Contzen berichtet von einem Schuster, der aus dem Fenster seiner Werkstatt Lebensmittel auf die Straße fallen ließ, wenn die Gefangenen vorbeigeführt wurden. Ein knapp zehnjähriger Junge habe regelmäßig auf seinem Schulweg sein Pausenbrot auf einer Mauer hinterlegt.

Eines Tages standen Polizisten vor der Haustür seiner Mutter. Die Episode mit den gespendeten Pausenbroten für die Zwangsarbeiter nahm somit ein Ende. Der Friseurmeister ist sich sicher: „Die Menschen hätten mit Sicherheit gerne geholfen, doch das Risiko war zu groß.“

„Anständiger Knüppel“

Auch von Tätern wurde ihm berichtet. Eines Tages habe ein Wärter des Gefangenenlagers ein Wohnhaus in der Nähe des Lagers aufgesucht und die Familie nach einem „anständigen Knüppel“ gefragt. Der Letzte sei zerbrochen. Der Mann wurde nie zur Rechenschaft gezogen, erzählt von Contzen. Von der unmenschlichen Behandlung der Gefangenen zeugen auch die Sterbeurkunden.

Nur wenige der Toten wurden den Behörden offiziell gemeldet und beim Standesamt beurkundet. Einige wenige Urkunden finden sich im Stadtarchiv. Sie geben den anonymen Erzählungen einen Namen. Stepan Nowak, ein 28-jähriger Bauer, starb am 17. September 1941 um 11.30 Uhr im „Pionierlager Florabrücke“. Als Todesursache ist „allgemeine Körperschwäche“ angegeben. Wasily Nesterenxos Leben nahm am 7. Oktober 1941 ein Ende, offiziell wegen eines Herzschlags. Er wurde keine 21 Jahre alt. Der Bäcker Nikoloy Mokorow starb 15 Tage später. Die Todesursache: „erschossen“.

Eine Mahnung an die kommende Generation, dies hat sich von Contzen mit der Aufarbeitung des Kriegsgefangenenlagers zum Ziel gesetzt. Denn das, was sich vor über 70 Jahren an der Flora ereignet habe, dürfe niemals wieder geschehen.

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