Notunterkunft „Funk“: In Höfen ein Stück Heimat gefunden

Von: Peter Stollenwerk
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Gute Stimmung in der Notunterkunft „Funk“ in Höfen: Die Flüchtlingskinder, die hier in großer Zahl untergebracht sind, haben sich inzwischen gut eingelebt. Foto: P. Stollenwerk
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Die gute Seele der Notunterkunft in Höfen: Marie-Theres Johnen ist für viele Flüchtlinge die erste Ansprechpartnerin.
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Wo einst der Tresorraum des Bundesnachrichtendienstes war, sind heute ehrenamtliche Helferinnen im Einsatz, die in der Kleiderkammer die Flüchtlinge mit gespendeten Textilien versorgen.

Höfen. Als am Nachmittag des 5. Oktobers 2015 zwei Busse mit 93 Flüchtlingen in Höfen eintrafen und auf das Gelände der ehemaligen Bundesstelle für Fernmeldewesen (im Volksmund besser als „Funk“ bekannt) auf dem Heidgen einbogen, schnitt Johanna Langer aus Höfen gerade ihre Hecke. In diesem Moment war für sie klar, dass es nun wohl Wichtigeres zu tun gebe als die Gartenpflege.

Kurze Zeit später war sie auf dem Gelände „Funk“ und fragte, wo denn noch Hilfe gebraucht werde. An Wünschen mangelte es nicht: Kinderbetreuung, Deutschunterricht und die Einrichtung einer Kleiderkammer standen auf der Wunschliste. Das war der Beginn der ehrenamtlichen Arbeit in der Notunterkunft Monschau II, Heidgen 12-14.

Mehr als zehn Monate danach ist das ehrenamtliche Engagement in der Einrichtung am Ortsrand des Golddorfes ungebrochen; von einem Motivationsverlust ist nichts zu spüren. Inzwischen sind es mehr als 20 Frauen und Männer, die sich auf die unterschiedlichste Weise einbringen. Jeder hat seinen Platz, wo er am effektivsten helfen kann, gefunden.

Das System der ehrenamtlichen Hilfe läuft reibungslos und zuverlässig. Und für alle steht fest, dass sie weitermachen wollen, solange ihre Hilfe gebraucht wird – dies auch ungeachtet der Tatsache, dass die Flüchtlingspolitik in Deutschland in vielen Bereichen immer noch unzulänglich ist, und in Höfen wie auch andernorts von den freiwilligen Helfern Leistungen erbracht werden, die eigentlich in die Verantwortlichkeit des Staates fallen.

„Wir können die Welt nicht retten, aber vielleicht ein paar Leute in Höfen“, ist Johanna Langer wie auch ihre Mitstreiterinnen davon überzeugt, dass ihr Einsatz nicht umsonst ist. Nicht zuletzt sehe man sich auch als Christen der Nächstenliebe verpflichtet.

Anfang September 2015, als die Flüchtlinge in bis dahin ungekannt hoher Zahl über die deutschen Grenzen kamen, bat das Land NRW auch die Städteregion Aachen um Amtshilfe. Insgesamt wurden in der Region sieben Notunterkünfte bereitgestellt. Die Aufnahmekapazität in Höfen wurde wenige Tage nach der Belegung auf maximal 172 Plätze erhöht. Aktuell leben hier 121 Flüchtlinge, darunter viele Familien mit Kindern. Überwiegend stammen die Menschen aus Syrien, Afghanistan, Ghana, Irak, Iran und aus Tadschikistan.

Wie der Name schon sagt, sollte auch die „Funk“ den Menschen nur für einige Wochen als Notunterkunft dienen, ehe sie dann registriert und einer Kommune fest zugewiesen werden sollten.

Doch die Praxis sieht oft anders aus. Die in Höfen untergebrachten Flüchtlinge sind alle mindestens seit Februar hier oder auch von Beginn an. Die Einrichtung bietet strukturell beste Voraussetzungen und die Möglichkeiten, auf soziale und private Belange Rücksicht zu nehmen. So wurde beispielsweise eigens für die Frauen ein Rückzugsort eingerichtet.

Diese Situation des Wartens und der Unsicherheit ist für die Flüchtlinge eine Dauerbelastung und viele können nicht verstehen, dass ihre Asylverfahren einfach nicht in Gang kommen. In diesen Fällen ist dann oft Einrichtungsleiterin Marie-Theres Johnen die erste Ansprechpartnerin. Sie ist hier im Auftrag des Deutschen Roten Kreuzes tätig, das von Beginn an die Betreuung der Unterkunft übernahm. Abteilungsleiter vor Ort ist Naseem Jafri, für die Sicherheit sorgt das Team Corsten Security aus Baesweiler.

Die Einrichtungsleiterin spürt, „dass es immer schwieriger wird, die Leute zum Durchhalten zu motivieren. Das Zauberwort in der Unterkunft heißt Transfer“. Die meisten glaubten zudem, dass es ihnen nach dem Weggang aus der Notunterkunft besser gehen werde, aber es sei oft genug vorgekommen, dass die Menschen dann in einem Zelt untergebracht worden seien. Marie-Theres Johnen: „Das verstehen die Leute dann überhaupt nicht mehr.“

Auch aus der Sicht von Marlis Cremer, bei der die organisatorische Zuständigkeit für die Flüchtlingsunterkünfte als Leiterin des städteregionalen Amtes für Rettungswesen und Bevölkerungsschutz liegt, läuft der Betrieb in der Höfener „Funk“ vorbildlich. Die Einrichtung biete im Gegensatz zu Massenunterkünften wie Sporthallen ein hohes Maß an Familienfreundlichkeit und Privatsphäre. Andererseits sieht sie auch, „dass die Menschen eigentlich schon viel zu lange hier sind“. Die zentrale Registrierung laufe schleppend, aber selbst wenn diese erfolgt sei, „kann es mit der Zuweisung noch Monate dauern“.

Um so erfreulicher sei es aber, dass die Akzeptanz der Einrichtung bei der örtlichen Bevölkerung überaus hoch sei. Das kann auch Marie-Theres Johnen nur bestätigen. „Jedesmal, wenn hier ein Kind geboren wird, kommt hier ein Willkommenspaket aus Höfen an.“ Sechs Neugeborene (alles Mädchen) gab es bisher, und zwei weitere Babys werden in Kürze erwartet. Für gleich drei der Kinder übernahm die Einrichtungsleiterin die Patenschaft.

Der Start des ehrenamtlichen Engagements in der Unterkunft verlief aber keineswegs glatt, erinnert sich Johanna Langer: „Die ersten Monate waren schwierig.“ Da habe sie gespürt, wie die unterschiedlichen Kulturen aufeinandergeprallt seien. Inzwischen aber hätten sich die Vorurteile verflüchtigt. „Wir machen hier eine wunderschöne Arbeit, aber sie ist auch sehr anstrengend.“

Berührungsängste und Zurückhaltung hat auch Hildegard Majewsky gespürt, die bei der dreimal wöchentlich stattfindenden Kinderbetreuung hilft. Sie bastelt regelmäßig mit den Kindern, „aber ich muss immer schnell fertig werden, weil die Kinder die Sachen ihren Eltern schenken möchten“.

Das kann auch Gisela Esser bestätigen: „Mit der Zeit haben die Kinder Vertrauen gewonnen. Anfangs waren sie oft noch sehr distanziert.“

Beide Frauen wollen sich auch weiterhin einbringen: „Die Menschen sind uns wichtig.“

Dank der verschiedenen Angebote halten sich für die Bewohner die Phasen totaler Langeweile in Grenzen. Beim örtlichen Sportverein TV Höfen sind regelmäßig Flüchtlinge zu Gast, und im zurückliegenden Winter besuchte man häufig die Landschaftskrippe in der Pfarrkirche Höfen, die stets große Faszination auslöste.

Bedauerlich findet es Johanna Langer allerdings, dass die Kinder weder Schulen noch Kindergärten besuchen könnten. „Die Kinder verlieren dadurch enorm wichtige Zeit zum Lernen.“

Mit steigender Verweildauer in Höfen erzählen die Menschen auch immer häufiger über ihre persönliche Situation. Marie-Theres Johnen: „Ich habe Dinge gehört, die ich mir nicht vorstellen konnte.“ Bei einem Angriff auf die syrische Stadt Aleppo sei vor zwei Wochen der Vater eines in Höfen lebenden Flüchtlings ums Leben gekommen. Dies sei eine sehr schwierige Situation gewesen. Sie habe den Männern deren Wunsch ermöglicht, sich einen Tag lang zum Trauern in einen abgeschlossenen Raum zurückzuziehen.

Hin und wieder aber muss die Einrichtungsleiterin auch ihr Durchsetzungsvermögen einbringen und sich mit all ihrer Lebenserfahrung Respekt verschaffen. Das gelinge ihr gut, sagt Marie-Theres Johnen. Wie hoch ihre Akzeptanz ist, erfuhr sie vor einigen Wochen beim Zuckerfest, mit dem die Muslime das Ende des Ramadans ausgiebig feierten.

Ansonsten kennt die Rentnerin die Notunterkunft noch aus früherer Zeit, trat sie doch hier 1968 mitten im Kalten Krieg ihre erste Arbeitsstelle beim BND an. Der ehemalige Tresorraum im Keller des geheimnisumwitterten Gebäudekomplexes, durch eine dicke Panzertür abgeschottet, galt zu dieser Zeit als absolut verbotene Zone. Heute hat das DRK hier seine Kleiderkammer untergebracht, die bei Bedarf für die Flüchtlinge öffnet. So ändern sich die Zeiten. Heute ist die „Funk“ ein internationaler Platz. Die Weltpolitik hat auch die Eifel erreicht.

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