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Neue Funde: Archäologen decken Aachens Steinzeit auf

Von: Thorsten Karbach
Letzte Aktualisierung:
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Stadtarchäologe Dr. Markus Pavlovic datiert die Aachener Funde etwa aus der Zeit 4625 bis 4550 vor Christus. Foto: Andreas Steindl

Aachen. Für Aachens Geschichte ist dieses Beil der Hammer. Kaum einen Meter hat es unter dem Pflaster gelegen, an der Ritter-Chorus-Straße wurde es von Archäologe Dr. Joachim Meffert ausgegraben. Und füllt ein neues Kapitel Stadthistorie.

Denn für den Stadtarchäologen Dr. Markus Pavlovic, einen Steinzeitexperten, ist klar: Dieses Beil stammt aus dem Neolithikum, genauer aus der Rössener Kultur, die er 4700 bis 4550 vor Christus datiert. Nach eingehender Untersuchung kann Pavlovic sogar sagen, dass dieses Beil in der letzten Phase der Rössener Kultur, etwa zwischen 4625 und 4550 vor Christus, aus Lousberg-Feuerstein gearbeitet wurde.

Der Stadtarchäologe spricht von steinzeitlichem Produktionsabfall. Die Bearbeitung des Feuersteins sei missglückt. „Ein erster Versuch”, erklärt Pavlovic, zeigt auf Ecken und Kanten. Es gab zwar bereits deutliche Hinweise darauf, dass um 3000 vor Christus, also in der späten Steinzeit, am Lousberg Feuerstein abgebaut und bis zu 300 Kilometer weiter exportiert oder besser geschleppt wurde. Aber dass an Ort und Stelle auch Menschen lebten, konnte nie belegt werden. Auch nicht durch den sogenannten Schlagplatz, der bei den Ausgrabungen im Elisengarten gefunden wurde.

Am Katschhof verdichtet sich dagegen nun das Bild, dass hier schon weit früher Menschen gelebt haben. Denn Pavlovic hat kaum 80 Zentimeter unter dem Katschhof im Rahmen der Fernwärmebaustelle eine Scherbe aus eben jener Rössener Zeit gefunden. Gebrauchskeramik sei dies, betont er. Und damit kann ausgeschlossen werden, dass es sich um eine Grabstätte handelt. Auch Jäger und Sammler hinterlassen solche Spuren nicht. Hier waren sesshafte Menschen am Werk.

„Die Funde treten alle schon sehr konzentriert auf und deuten damit ganz klar auf eine Siedlung hin”, erläutert Fachmann Meffert von „Goldschmidt Archäologie”. Das Unternehmen begleitet überaus sorgsam die Bauarbeiten rund um den Katschhof.

Bild hat sich verdichtet

Nein, Pavlovic hat die neuen Funde - insgesamt sind es fast 40 -und frühere Ausgrabungen ausgewertet. Schon 1950 wurde am Klosterplatz neolithische Keramik gefunden. In den 1990ern fand man im Quadrum des Domes ebenfalls jungsteinzeitliche Scherben. Genauer betrachtet wurden sie nie. „Das Bild hat sich nun verdichtet”, erklärt der Stadtarchäologe. Er geht von einer typischen Rössener Siedlung mit Langhäusern aus.

Ein bis zwei Hektar könnte sie groß gewesen sein und muss sich westlich des Katschhofes befunden haben. Die Rössener suchten sich bevorzugt Hänge in Wassernähe. Beides sei vor Ort damals gegeben. „Sie haben im Winter gewiss die warmen Quellen geschätzt”, glaubt der Experte - ob rein pragmatisch oder gar kultisch lasse sich aber nur spekulieren. „Mal sehen, ob wir den Kern der Siedlung finden”, sagt Pavlovic. Die Holzhäuser sind natürlich nicht mehr zu finden, aber nach Pfostenlöchern wird er suchen.

Oberbürgermeister Marcel Philipp freut sich über eine neue Antwort auf die Frage: Wann gab es den ersten Öcher? „Unter unseren Füßen wartet noch ein großer Schatz, entdeckt zu werden. Wir haben unter unserem Pflaster ein ständiges Archiv”, erklärte er bei einer Vorstellung der Fundstücke. Nachdem zuletzt das römische Aachen mit viel Lokalpatriotismus vor das römische Köln datiert wurde, wird dem kulturhistorischen Duell im Rheinland nun ein neues Kapitel hinzugefügt. Die neolithischen Funde Aachens sind beispiellos - zumindest in solch zentraler Lage.

Denn in Köln gibt es Siedlungsspuren, die 5000 Jahre vor Christus datiert werden. Allerdings im Stadtteil Lindenthal und nicht mitten in der City.

Viel mehr Vorgeschichte

Die Grabungen in Aachen gehen weiter - mit jeder Baustelle. Gezielte Ausgrabungen wird es aber auch nach diesem Fund nicht geben. Dafür ist der Blick der Archäologen tiefer denn je in die Stadtgeschichte gerichtet. „Die Prähistorie in Aachen ist noch nicht gut erforscht. Es gibt viel mehr Vorgeschichte als angenommen. Aachen ist in der Steinzeit nicht mehr terra incognita”, sagt Pavlovic. Er hat just über diese Zeit promoviert. „Ich hätte dabei nie gedacht, dass ich diese Funde machen würde.”

Die Aachener Stadtgeschichte beginnt damit nicht nur früher, sie wird auch mehr und mehr zum Lückentext. Aus der Bronze- und der Eisenzeit fehlen Erkenntnisse, auch das keltische Aachen will noch belegt werden. Die Wahrscheinlichkeit, in Baulöchern weitere Lücken zu füllen, ist aber gewaltig. „Sobald wir den Boden aufmachen, stoßen wir auf Funde”, sagt Meffert. Der nächste Hammer ist gewiss.
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