Lammersdorf/Nordeifel - Naturdenkmäler: Zweimal im Jahr kommt der Pflegedienst

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Naturdenkmäler: Zweimal im Jahr kommt der Pflegedienst

Von: Heiner Schepp
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Ach wenn die alte Lammersdorfer Sommerlinde doch erzählen könnte: Auf mindestens 400 Jahre wird ihr Alter geschätzt, wahrscheinlich beobachtet sie schon über 500 Jahre das Treiben an der Bergstraße, hat Weltkriege, Frevel von Menschenhand und Eifelstürme überlebt. Foto: Heiner Schepp
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Hoch hinaus: Mit Unterstützung einer 30-Meter-LKW-Arbeitsbühne geht es bei der Kontrolle bis in die Baumkronen, um einen Gesamtüberblick zu erhalten.

Lammersdorf/Nordeifel. Vorsichtig schiebt Udo Thorwesten die Zweige der alten Linde beiseite und verschwindet fast vollständig unter dem Blätterdach des Baumes. Man hört ein kurzes „Ritsche-Ratsche“ – dann taucht die gelbe Leuchtweste auch schon wieder aus dem Dickicht auf.

Der Mann vom Umweltamt hält einen abgestorbenen Zweig in der Hand und lässt diesen aus luftiger Höhe zu Boden fallen, nachdem er sich versichert hat, dass unten niemand steht. „Das ist auch eine Folge des trockenen Sommers und typisch für den Herbst: Der Baum steckt jetzt seine ganze Kraft in die Früchte und hat keinen Saft mehr für die Blätter“, erklärt Thorwesten im Angesicht eines der ältesten Bäume in der Nordeifel.

So wie der stolzen Sommerlinde an der Bergstraße in Lammersdorf stattet die Untere Landschaftsbehörde in diesen Tagen den über 220 Naturdenkmälern in der Städteregion Aachen einen Besuch ab. „Wir schauen gründlich nach, wie es dem Naturdenkmal geht, und nehmen je nach Bedarf Pflegemaßnahmen vor“, beschreibt Udo Thorwesten die Visite.

In der Regel erhalten die Bäume und Gesteine zweimal im Jahr Besuch vom „Pflegedienst“: Im Winter gibt es am blattlosen Baum eine Sichtkontrolle, nach Ende der Brutzeit folgt im Herbst dann eine ausführliche Kontrolle, gegebenenfalls mit Pflegemaßnahmen.

Die großartige, charakteristische Sommerlinde, die auf privatem Grund steht und das Bauernhaus der Familie Wiegand halb überdeckt, ist nicht wirklich ein Pflegefall. „Obwohl das Haus relativ nah an den Baum gebaut wurde, scheinen die Wurzeln genug Wasser zu bekommen“, sagt Udo Thorwesten. Dennoch weist er die Mitarbeiter des Wabe e.V., deren Arbeitskräfte die Landschaftsbehörde bei der Denkmalkontrolle unterstützen, an, das Gestrüpp in Stammnähe zu entfernen, und die Regenrinne, die direkt zur Wurzel des Baumes führt, freizumachen. „Das ist natürlich toll, wenn die Besitzer eines Denkmals so mitdenken und für Wasserzufuhr sorgen statt den Kronentraufbereich zuzupflastern“, freut sich der Umweltexperte und lobt: „Diese Besitzerin hier schätzt den Baum – so wie die meisten Eigentümer... mit ein, zwei Ausnahmen“, hält Udo Thorwesten fest.

Seiner Meinung nach haben die Bäume die Liebe ihrer Besitzer und die Fürsorge der Behörde auch verdient: „Da hängen schon Geschichten dran, wenn man bedenkt, wie alt mancher dieser Bäume ist“, sagt Thorwesten. „Auf mindestens 400 Jahre wird das Alter der Lammersdorfer Linde geschätzt, aber wahrscheinlicher ist, dass sie schon über 500 Jahre alt ist“, glaubt der Experte, dass der Baum zu Lebzeiten von Michelangelo, Nostradamus und Shakespeare als junges Bäumchen an der Bergstraße wuchs. „Wenn man von 800 Jahren Lebenszyklus ausgeht, ist dieser Baum gerade mitten in seiner Reifephase“, sagt Udo Thorwesten.

Das belegen auch die Messungen im Rahmen der diesjährigen Visite: 5,98 Meter betrug der stolze Stammumfang vor einem Jahr – in diesem Jahr waren es 6,05 Meter für den mehr als 30 Meter hohen Baum, den die Behörde so nah an der Straße natürlich auch im Rahmen der Verkehrssicherungspflicht im Auge haben muss. „Alles gut hier. Der Baum ist vital, und von ihm geht keine Gefahr aus“, versicherte der „Chefpfleger“.

Das war beispielsweise in Roetgen, wo man an der Keusgasse zwei Buchen als mögliche neue Naturdenkmäler unter die Lupe nahm, nicht so positiv: „Da müssen wir teilweise abwägen, ob der Baum nicht irgendwann zu einer Gefahr für seine Umgebung wird“, so Thorwesten. Da an einem der Bäume die Krone einmal kräftig eingekürzt wurde, „ist er eigentlich kein Naturdenkmal mehr“, erklärt der Mann vom Umweltamt und sagt: „Früher wurden die Bäume immer regelrecht ‚geputzt‘ – heute hüten wir uns, in gesundes Astwerk zu schneiden.“

Natürlich klettern Thorwesten und seine Mannschaft in diesen Tagen nicht nur in Bäume. Denn Naturdenkmäler sind gemäß dem Landschaftsgesetz NRW generell Einzelobjekte oder entsprechende kleinere Flächen bis maximal fünf Hektar. Ihr besonderer Schutz muss aus wissenschaftlichen Gründen oder wegen ihrer Seltenheit, Eigenart oder Schönheit erforderlich sein. Als Naturdenkmäler gelten neben Bäumen auch besondere Felsformationen, wie zum Beispiel am Ortseingang von Dedenborn und alte Schieferhöhlen in der Eifel.

Die Festsetzung eines Baumes als Naturdenkmal bezieht auch den Schutz der Umgebung ein. Alles, was dort gegraben, verdichtet, aufgeschüttet oder auch chemisch angewendet wird, kann zu einer dauerhaften Schädigung führen und ist nicht erlaubt.

Auch wenn die privaten oder kommunalen Besitzer dies meist beherzigen, erfolgt die Kontrolle nach dem Motto: Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser. „Damit der Baum oder Felsen ein solch biblisches Alter erreicht wie dieses Prachtexemplar hier“, sagt Udo Thorwesten.

Derweil wird die Hebebühne herunter gefahren und die Wabe-Mitarbeiter verladen das Werkzeug. Ein letzter prüfender Blick von Udo Thorwesten und das abschließende Urteil folgen: „Wenn man unter dem Baum steht und den Himmel nicht sieht, dann geht es dem Baum gut“, sagt er und verabschiedet sich zum nächsten Naturdenkmal.

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