Nach Kahlschlag: Forstverwaltung fühlt sich ungerecht behandelt

Von: bk
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Elmar-Falkenberg, Nationalpark-Bezirksleiter in Wahlerscheid, demonstriert den Waldumbau im Nationalpark. Fichtenbestände werden mit jungen Buchen unterbaut. Foto: Manfred Hilgers
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Im Fichtenbestand weniger im Forstbezirk Wahlerscheid: Für die Nationalparkverwaltung ist die Natur der Gewinner dieser Maßnahme. Foto: Manfred Hilgers

Nordeifel. „Wir fühlen uns ungerecht behandelt“, sagt Dr. Michael Röös, Fachgebietsleiter Forschung beim Nationalparkforstamt Eifel. Die Nationalpark-Forstverwaltung sei von der „Plusminus“-Redaktion nicht zum Projekt befragt worden. Nach der ARD-Sendung in der vorigen Woche über einen Kahlschlag im Nationalpark rückte die Nationalpark-Forstverwaltung nun die Sache in ein anderes Licht.

Das Landes-Umweltministerium, Oliver Krischer, der Vorsitzende des Fördervereins Nationalpark, der Landesbetrieb Wald und Holz NRW und das Forschungszentrum Jülich bezogen Stellung.

Gemeinsam mit Elmar Falkenberg, Nationalpark-Bezirksleiter Wahlerscheid, und Julian Mauerhof, Fachgebietsleiter Biotop- und Wildtier-Management, erläuterte Michael Röös das Projekt am Wüstebach im Bezirk Wahlerscheid.

Am Wüstebach wurden Fichten auf einer Fläche von 8,2 Hektar gefällt. Vorhandene, standortgerechte Birken blieben stehen, um sich in den nächsten Jahren zu vermehren. „Im Rahmen der natürlichen Sukzession ist in den nächsten Jahren insbesondere die Ansiedlung von Birke, Weide und Erle zu erwarten“, so Wilhelm Deitermann, der stellvertretende Pressesprecher des NRW-Umweltministeriums. Er verwahrt sich dagegen, einen Zusammenhang herzustellen zwischen einem Kahlschlag und Holzverkäufen an Sägewerke, die im Zusammenhang mit den Holzverträgen stehen, die nach dem Sturm Kyrill geschlossen wurden: „Die Spekulationen im Beitrag entsprechen nicht der Realität.“ Zudem betont er, dass der Kahlschlag am Wüstebach nach naturschutzfachlichen und wissenschaftlichen Gründen stattgefunden habe.

Michael Blaschke, Pressesprecher des Landesbetriebs Wald und Holz NRW, erklärt, dass er und das Ministerium in Düsseldorf mehrere Stunden mit der Autorin gesprochen hätten: „Schnell war klar, dass sie mit einer vorab festgelegten Meinung in die Recherche gegangen ist, die davon ausgeht, dass die Kahlschläge in der Eifel Naturfrevel sind und in einem kausalen wirtschaftlichen Zusammenhang mit strittigen Holzlieferverträgen stehen.“ Im Nationalpark sei noch kein Baum mit dem Ziel gefällt worden, einen Holzvertrag zu erfüllen. Gefällt werde ausschließlich, um die durch den Nationalparkplan beabsichtigte Entwicklung, nämlich die Herstellung eines höheren Natürlichkeitsgrads, zu erreichen.

Weil es sich bei den Flächen um nasse Standorte in einer Höhe von rund 600 Metern handele, so Deitermann, bestehe hier speziell für Fichten ein sehr hohes Windwurfrisiko. Wegen der direkten Nachbarschaft zu Privat- und Kommunalwäldern müsse das Holz bei Windwurf schnell aufgearbeitet werden, um eine Ausbreitung des Borkenkäfers in benachbarte Wirtschaftswälder zu verhindern. Um Windwurf aber zu vermeiden, seien die Fichten „zu einem optimalen Zeitpunkt“ gefällt worden.

Neben der Nationalpark-Arbeitsgruppe und dem Nationalparkausschuss als Kontrollgremien seien die Naturschutzbehörden und der Wasserverband beteiligt worden. Von einem externen Planungsbüro sei eine Artenschutzprüfung durchgeführt worden.

Blaschke widerspricht der Behauptung, dass die Humusschicht zerstört worden sei. Dies konnten Dr. Röös, Falkenberg und Mauerhof vor Ort widerlegen. Zudem zeigten sie die Entwicklung der standortgerechten Pflanzen am oberen Fuhrtsbach, wo vor 20 Jahren auch Fichten durch Kahlschlag entfernt wurden.

Auf der Fläche am Wüstebach führt das Institut für Bio- und Geowissenschaften aus Jülich seit 2006 umfangreiche wissenschaftliche Experimente auf rund 27 Hektar durch. Diese liefern Langzeitbeobachtungen, die zum Verständnis des aktuellen und zukünftigen Klimas beitragen sollen, so Prof. Dr. Harry Vereecken.

2006 wurde ein 36 Meter hoher Messturm zur Erfassung einer Vielzahl von meteorologischen Messgrößen und dem CO2-Austausch des Waldbestandes aufgebaut. Unter anderem wurde auch ein Bodenfeuchte-Sensorennetz mit 900 Sensoren installiert. Durch wöchentliche Messungen und eine Wasserprobenentnahme aus dem Wüstebach können die Wasser- und Stoffflüsse im Wüstebach bilanziert werden. Laut Vereecken besitzt das Tal mit dem Wüstebach ideale Voraussetzungen, um die Dynamik des Kohlenstoff- und Stickstoffhaushalts eines mitteleuropäischen Waldes zu untersuchen. Hier sollen folgende Fragen beantwortet werden: Wie beeinflusst die Umwandlung von Fichten- in standortgerechten Laubmischwald den Wasserhaushalt? Wie wirkt sich die Maßnahme auf die Wasserqualität aus? Wie verändert sich der Kohlenstoff- und Stickstoffhaushalt? Welche Auswirkungen hat die Maßnahme auf Fauna und Flora?

Bei der Entnahme des Holzes habe der Schutz des Bodens eine sehr große Rolle gespielt, sagt Vereecken. Die Vollerntetechnik habe nur eine sehr geringe Verletzung des Oberbodens zur Folge gehabt. Die Fläche sei auf mindestens ein Meter starken Streumatratzen aus Reisig befahren worden. Die trockenen Wetterbedingungen hätten die bodenschonende Holzentnahme noch begünstigt. Eine Holzentnahme mit Rückepferden hätte zu massiven Veränderungen des Oberbodens und seiner Streuauflagen geführt. Vereecken: „Wir erwarten durch das gewählte Vorgehen eine raschere Wiederherstellung von naturnahen bis natürlichen Auen- und Waldgemeinschaften.“

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