Nach Bluttat: Im ABK-Wohnheim herrscht Ratlosigkeit

Von: Peter Stollenwerk
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Nachdenklich: Die ABK-Mitarbeiter Mario Lennartz, Rene Malerbe und Geschäftsführer Ferd Perlbach (v. li.). Zum Team der Fachbereichsleiter gehört auch noch Christiane Rappenecker. Foto: P. Stollenwerk

Strauch/Kesternich. „Das ist das Schlimmste, was unserer Einrichtung passieren konnte“, sind sich die rund 80 Mitarbeiter des ABK-Hilfswerks einig. Die Stimmung ist niedergeschlagen, seitdem am vergangenen Wochenende eine furchtbare Nachricht die gesamte Einrichtung in einen Schockzustand versetzte.

Einer der Heimbewohner wurde unter dringendem Mordverdacht von der Polizei festgenommen. Zwar haben weder Staatsanwaltschaft noch Polizei bestätigt, dass es sich bei dem 26-jährigen Festgenommen um einen ABK-Bewohner handelt, aber die gesamte Eifel spricht über die entsetzliche Bluttat in Kesternich, und es ist inzwischen ein offenes Geheimnis, dass der junge Mann aus dem Straucher ABK-Wohnheim gegenüber der Pfarrkirche stammt. In dieser, wie auch noch drei anderen Unterkünften in der Nordeifel, leben rund 50 verhaltensauffällige junge Erwachsene. Sie sind zwischen 18 und 30 Jahre alt, haben häufig bereits eine lange Heimkarriere hinter sich oder dort erst gar keine Aufnahme gefunden. Die ABK-Wohnheime bieten oft die letzte Chance, sich wieder in die Gesellschaft einzugliedern.

Im vor vier Jahren umgestalteten Gebäude der alten Volksschule Strauch wurde der 26-Jährige vor einer Woche festgenommen. Er gestand die Tat. Die Staatsanwaltschaft hatte wegen verminderter Schuldfähigkeit die Unterbringung in einer psychiatrischen Anstalt angeordnet.

Wie Staatsanwalt Dr. Jost Schützeberg am Freitag erklärte, gebe es keine neue Erkenntnisse zum Tathergang. Auch zur Frage ob Anklage erhoben werde oder gegen das ABK wegen eventueller Verletzung der Aufsichtspflicht ermittelt werde, gebe es noch keine Entscheidung.

Ein dunkler Schatten

Am Abend des 10. Februar war eine 61-jährige Frau in ihrem Wohnhaus in Kesternich einem Gewaltverbrechen zum Opfer gefallen. Ein zunächst der Tat verdächtigter 32-Jähriger aus Kesternich ist inzwischen wieder auf freiem Fuß, nachdem die Mordkommission im Zuge ihrer weiteren Ermittlungen durch den Abgleich von DNA-Material auf die Spur des 26-Jährigen stieß.

Die Beweislage ist somit erdrückend, und Mitarbeiter wie Bewohner der vier ABK-Wohnheime in der Nordeifel (Strauch, „Schöne Aussicht“/Kesternich, Rollesbroich und Heimbach) wissen, dass ein dunkler Schatten auf die Einrichtung gefallen ist. Ratlosigkeit und Sprachlosigkeit bestimmen die momentane Gefühlslage, und die Verantwortlichen müssen sich der öffentlichen Diskussion stellen, sagt Fachbereichsleiter Mario Lennartz. Er, wie alle anderen auch, stellen sich natürlich die quälende Frage, ob sich die Tat hätte verhindern lassen. Immer wieder hat man den Tag des schrecklichen Geschehens detailliert zurückgespult.

Das Straucher Wohnheim dürfen die Bewohner, sobald sie sich abgemeldet haben, ohne Begleitung verlassen. Es handelt sich um keine geschlossene Einrichtung, alle Bewohner leben freiwillig hier und gehen regelmäßig einer Arbeit in der ABK-eigenen Werkstatt nach.

Vor vier Jahren kam der 26-Jährige in die Straucher Unterkunft, zuvor lebte er im Wohnheim „Schöne Aussicht“, wo die Hausordnung deutlich strenger gefasst ist. Hier werden alle neuen Bewerber aufgenommen; sie dürfen das Haus nur mit Begleitung verlassen. Zeichnet sich psychische Stabilität ab, können sie in eines der anderen Häuser wechseln.

Die Ermittler hatten nach der Festnahme gesagt, dass der Tatverdächtige bereits „polizeilich in Erscheinung“ getreten sei. Laut Kenntnis der ABK-Mitarbeiter soll es sich dabei um Diebstahlsdelikte gehandelt haben.

In der Einsatz-Statistik der Polizei kommen auch die Eifeler ABK-Heime vor, „aber es liegt alles im normalen Rahmen“, sagt Paul Kemen von der Aachener Polizei. Rückblickend auf die zurückliegenden vier Jahre sind im Straucher Wohnheim elf Einsätze notiert worden. Für das Wohnheim Rollesbroich liegt ein Eintrag vor. Dabei handelte es sich um Fälle von Körperverletzung, Sachbeschädigung und Unterschlagung. Vor vier Jahren gab es im Wohnheim Schöne Aussicht eine heftige körperliche Auseinandersetzung zwischen zwei Bewohnern. Der Polizeisprecher zur Anzahl der Einsätze: „Das ist nicht viel.“

„Wir müssen uns jetzt der Situation stellen und lernen damit umzugehen“, steht ABK-Geschäftsführer Fred Perlbach (53) vor einer schwierigen Aufgabe. Er sagt aber auch, dass er „kein Versprechen“ abgeben könne, „dass nichts mehr passiert.“ Perlbach: „Ich kann für niemanden die Hand ins Feuer legen. Das gilt aber auch zum Beispiel für meinen Nachbarn.“

In den ABK-Wohnheimen finden junge Erwachsene auf Antrag und nach einer festgelegten Eignungsprüfung Aufnahme. Gewaltverbrecher und Personen, bei denen pädophile Neigungen nicht auszuschließen seien, würden nicht aufgenommen, sagt Perlbach. Bei der Klientel handele es sich meist um junge Leute, die in anderen Heimen keine Aufnahme fänden oder dort nicht tragbar seien. Mit einem doppelt so hohen Personalschlüssel im Vergleich zu anderen Einrichtungen bemühe sich das ABK um eine intensive Betreuung. Alle Bewohner befänden sich in psychiatrischer Behandlung. Bei Auffälligkeiten oder Krisensituationen veranlasse man die Unterbringung in einer Klinik, betont Fred Perlbach.

Aus dem Umfeld der Dorfbewohner gebe es bislang keine abweisenden Reaktionen, sagt Mario Lennartz: „Wir werden nicht unter Generalverdacht gestellt.“ Die Bewohner hingegen fragten: „Was denken die Leute jetzt von uns?“, ergänzt Fachbereichsleiter Rene Malerbe (55). Manche der ABK-Bewohner, die seit Jahren in den Wohnheimen leben, seien im Dorf integriert, teilweise auch in Ortsvereinen aktiv. Bei den ABK-Mitarbeitern sitzt der Schock tief: „Es geht uns wie der gesamten Bevölkerung: Wir können es nicht verstehen, und wir können kein Tatmotiv liefern.“ Die Sorgen und Ängste aber können sie gut verstehen.

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