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Monschauer Kunstkreis kam über das Babyalter nicht hinaus

Von: Kaspar Vallot
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Bei der Verpackung des Hallers. Wie das Befestigungsseil über die Ruine bringen? Kunstmaler Paul Siebertz, als akademisch gebildeter Künstler nicht eben Feuer und Flamme für die zeitgenössische Kunst, aber immer bereit, sich Problemlösungen einfallen zu lassen, hatte im Nu einen Bogen geformt und das Seil über die „Kimmen“ des Hallers geschossen. Da staunten selbst Bürgermeister Isaac (rechts) und der aus dem Bild gesprungene Verpackungskünstler Christo. Repro: Viktoria Evers

Nordeifel. Den „Sterbetag des Kreises Monschau“ nannte das Heimatbuch „Das Monschauer Jahrbuch 1974“ in einem Beitrag den 31. Dezember 1971, den Tag, der das Ende des Kreises Monschau bedeutete. 150 Jahre hatte der Kreis bestanden. Das Jubiläum konnte noch begangen werden, aber unter Bedingungen, die bewiesen, dass der „Jubilar“ wirklich am Stock ging, wie man so sagt.

Gefeiert werden konnte – in einem bescheidenen Rahmen – nämlich nur, weil die Kreissparkasse einen erheblichen Zuschuss beisteuerte.

Die „Monscher“, das sind die Bewohner des Städtchens, und die Monschäuer, worunter die Dorfbewohner zu verstehen sind, ertrugen es mit Gelassenheit, dass sie in Kreisdingen nunmehr teils aus Aachen, teils aus Düren verwaltet wurden.

Aber nicht nur für den Kreis Monschau hatte die letzte Stunde geschlagen. Auf der Strecke blieb auch eine andere, eine zivilere Einrichtung: der Kunstkreis Monschau, eine Vereinigung, von Monschauern ins Leben gerufen, um Stadt und Land mit den Mitteln der bildenden Kunst ein wenig Glanz zu verleihen.

Über das Babyalter kam der Kunstkreis indes nicht hinaus. Wie der Kreis Monschau, so wurde auch der Kunstkreis Monschau ein Opfer der kommunalen Neugliederung. Dabei hatten die ersten Besprechungen, dank reger Beteiligung vieler Kunstbeflissener, zunächst zu den schönsten Hoffnungen berechtigt. Es gab erste kleinere Einzelausstellungen und dann sogar eine größere Ausstellung im Haus Wiesenthal mit Künstlern aus den Grenzgebieten Belgiens, der Niederlande und der Eifel; die Belgier mit Beiträgen, die beifällig aufgenommen wurden, die Niederländer hingegen experimentierfreudig, zeitgenössisch, kritische Kommentare auslösend; die Künstler aus den beiden Eifelkreisen mit Bildern und Handwerkskunst, alles naturgetreu, auf den ersten Blick wohlgefallend, wie geschaffen als Schmuck für die Wohnzimmer.

Experimente

Der Moderne zugewandter, jedoch den Bereich des Gegenständlichen nicht sprengend, stellten sich danach junge Künstlerinnen und Künstler aus dem Ruhrgebiet in Monschau vor. Sie stellten nicht nur aus, sie machten auch mit verschiedenen Techniken vertraut, zum Beispiel mit Siebdrucken. Sogar das erforderliche Gerät hatten sie aus Essen, Dortmund und Oberhausen mitgebracht. Der Kunstkreis bemühte sich, musste aber erleben, dass das Interesse an seinen Ausstellungen recht bescheiden war. Es war alles andere zu registrieren als hohe Besucherzahlen, und viele Mitglieder des Kunstkreises zogen sich zurück und es vor, einem Arbeitsausschuss die Entscheidung darüber zu überlassen, was und wer in Monschau auszustellen sei.

Der Autor diese Serie, der nach Monschau übergesiedelt war, schlug ein Experiment vor. Im Aachener Zentrum für aktuelle Kunst, „Gegenverkehr“ genannt, und bei alljährlichen Besuchen des Kölner Kunstmarktes hatte er für die zeitgenössische Kunst Feuer gefangen. Sein Vorschlag: Der Kunstkreis stellt sich die Aufgabe, im Bereich der zeitgenössischen, der aktuellen Kunst für seine Ausstellungen nach jungen Künstlern Ausschau zu halten, „Vorschau“ nach, wie E. Bloch formulierte, noch nicht arrivierten, aber aller Voraussicht nach vielversprechenden jungen Künstlern. Sich nicht nach Stilen, Kunstrichtungen, Kunstexperten zu richten, sondern zu experimentieren.

Der Vorschlag löste alles andere als Beifall aus. Die Skepsis überwog. Der Arbeitsausschuss verlor weitere Mitarbeiter, und von denen, die bei der Sache blieben, gaben einige zu Protokoll, sie behielten sich vor, die Mitarbeit einzustellen, wenn das Experiment zu scheitern drohe, womöglich am Widerstand der Bevölkerung. Dem Bürgermeister Herbert Isaac war auch bei der Richtung, die eingeschlagen werden sollte, nicht wohl zumute, aber er stimmte zu.

Gleich beim Start wurde die Frage der Verantwortlichkeit für das Unternehmen geklärt. Im Klartext: „Wer hatte den Kopf hinzuhalten, wenn das Unternehmen schief geht! Der Katalog gab die eindeutige Antwort. Dort stand nämlich zu lesen: Konzeption der Ausstellung: Klaus Honnef. Ausstellungsleitung: Kaspar Vallot. Reihenweise folgten junge Künstlerinnen und Künstler der Einladung nach Monschau. Überwiegend namenlose. Allerdings auch solche, die sich die ersten Sporen schon verdient hatten, so der Amerikaner Lawrence Weiner und die Deutschen Alf Lechner, Timm Ulrichs, Adolf Luther, Peter Brüning und Winfred Gaul, insgesamt 39 an der Zahl, alle vereint in der ersten Außenkunst-Ausstellung auf deutschem Boden, den „Umwelt-Akzenten“. So hatte Klaus Honnef, immerhin einer der Kunstexperten mit anerkannter Kompetenz, formuliert: „Kunstwerke auf Plätzen und an Straßen, mitten in einer lebendigen Stadt, und das, nicht in Paris, New York, London oder Amsterdam, das in Monschau in der Eifel.“

„Kollateral-Nutzen“

Das Echo in Presse, Rundfunk und Fernsehen war entsprechend. Alles, was journalistisch Rang und Namen hatte, fand sich in Monschau ein, und als ein Reporter des Magazins „Stern“ provozierend behauptete: „Vallot, das macht ihr ja nicht wegen der Kunst, sondern ihr setzt die Kunst ein, um dem Fremdenverkehr auf die Beine zu helfen!“, da konnte der Angesprochene erwidern: „Es geht uns um Kunst in Monschau. Kaum ein Ort ist gerade für zeitgenössische Kunst so geeignet wie das Städtchen Monschau im Tal mit seinen Fachwerkhäusern und engen Straßen und Gassen. Der richtige Rahmen: das mittelalterliche Stadtbild als Gegensatz zur aktuellen Kunst. Und wenn wir damit auch noch den Fremdenverkehr in Stadt und Land Monschau ein wenig beleben, das ist uns das ein willkommener Kollateral-Nutzen.“

Und die Reaktion der „Monscher“ und „Monschäuer“? Ablehnung hatten wir erwartet, nicht aber diesen wütenden Zorn darüber, was da im Städtchen umherstand und auch noch als „Kunst“ bezeichnet wurde. Die meisten Arbeiten wurden beschädigt, einige zerstört. Nächtens. Seriöse Bürger honorierten jungen Leuten sogar „Gegenaktionen“, so mit einem Kasten Bier. Nur: Als am letzten Tag der Ausstellung zu einer Aussprache mit den Künstlern in das Haus Wiesenthal eingeladen wurde, fand sich niemand aus dem doch so großen Personenkreis der Gegner zu einer Diskussion über moderne Kunst ein.

Den „Umwelt-Akzenten“ des Jahres 1970 folgte im Jahr darauf die Monschau-Verpackung durch Javacheff Christo. Christo, in Fachkreisen schon bekannt, aber längst nicht so wie einige Jahre später, als der Bundestag mehrere Tage darüber diskutierte, ob es Christo gestattet werden solle, den Reichstag zu verpacken, was der Bundestag mit großer Stimmenmehrheit erlaubte. Christo sah sich in Begleitung seines Freundes Dr. W. Bongard in Monschau um und bestimmte souverän, was verpackt werden solle, um Aufmerksamkeit zu gewinnen. Etwas sichtbar machen, indem man es verpackt, quasi unsichtbar macht. So war Christo zu verstehen.

Ablehnung und Hass

Der Aktion gingen schwierige Verhandlungen voraus. Verpackt werden sollten Teile der Burg und die Hallerruine, und der Monschauer Paradeblick von der kleinen Rurbrücke in Richtung Haller sei so großartig, dass man ihn mit einem Vorhang verhängen müsse, damit sein „Fehlen“ überhaupt wahr genommen werde. So Christo, und so geschah es.

Nur mit dem Vorhang gab es Probleme. Um ihn anbringen zu können, mussten die riesigen Bahnen durch ein Geschäft transportiert werden. Das war abgesprochen und vom zuständigen Geschäftsmann auch genehmigt worden. Groß war die Ratlosigkeit, als der Geschäftsmann seine Zusage zurücknahm. Er befürchtete, dass die Bevölkerung in ihm einen Förderer dieser Kunstaktionen sehen könnte. Wörtlich beschied er den Kunstkreis: „Wenn ich das zulasse, dann gehen mir meine Kunden flöten.“ Der Vorhang erfuhr eine Notlösung. Er hielt und bewirkte nicht, was Christo sich vorgestellt hatte. Wie die „Umwelt-Akzente“, so wurde auch die Verpackung von der Mehrheit der Bevölkerung abgelehnt. Aber die Gegenstimmen waren bei Christo nicht so unerbittlich wie bei den „Umwelt-Akzenten“.

Welche Töne aber angeschlagen wurden, und dass sogar Hass aus Erklärungen und Leserbriefen spürbar wurde, mögen Auszüge zu einer Zuschrift von Kurt Poschen aus Simmerath deutlich machen. In der Zuschrift hieß es: „Seit eh und je ist es das Bestreben des Monschauers, mit aller Gewalt aufzufallen.“ Poschen ferner: „Normalerweise ist man geneigt, diesen chronischen Buhei-Tick des Kreisstädters mildtätig zu belächeln,“ aber „dies nur so lange, wie die Monschauer Wahnsinns-Ideen nicht ins Gemeingefährliche, ins Kriminelle abgleiten.“ Ein „prestigelüsternes Nest“ sah Poschen in Monschau. Ja, für Kurt Poschen scheute der „Monschauer Hochmutskarren“ nicht einmal vor „blasphemischen Anflügen“ zurück.

Lichtspektakel bis Lüttich

Dabei mussten sich die Monschauer gar nicht schuldig fühlen an diesem schrecklichen Geschehen, denn die Verantwortung lag bei „Zugereisten“ wie dem Leiter der Ausstellung, den ja der Beruf in die Eifel geführt hatte. Nein, die Monschauer hatten mit Kurt Poschen und vielen anderen Leserbrief-Schreibern in der Ablehnung volle Übereinstimmung bekundet. Also als die Jungsozialisten aus Schmidt gegen die „Vergeudung von Geldern für angebliche Kunst“ protestierten, konnte die Ausstellungsleitung ihnen nachweisen, dass die beiden umstrittenen Ausstellungen mit einem Überschuss von exakt 8000 DM abgeschlossen worden waren, Geld, das dem Kulturetat der Stadt überwiesen wurde.

Zwei Ausstellungen waren 1971 gelaufen. Schon liefen die Verhandlungen mit Victor Vasarely, dem Lichtkkünstler. Vasarely sollte mit 20 bis 25 Flakscheinwerfern den Himmel über Monschau derart bestrahlen, dass das Lichtspektakel bis Lüttich, Düren und Aachen zu sehen sein würde. Dieser Aktion sollte eine mehrjährige Pause folgen, bis es dann zwei oder drei Jahre danach weiter gehen sollte – mit der Kunst in Monschau.

Weiter ging es aber nicht. Durch die kommunale Neugliederung wurden die Gemeinden rings um Monschau dem Kreisstädtchen zugeschlagen. Sie verloren ihre Selbstständigkeit. Sehr gegen ihren Willen. Dafür sollte Monschau büßen! Aber wie? Der Kalterherberger Gemeindevertreter Leo Kreutz sah eine Lösung, die er – auf „Platt“ – in einer Ratssitzung so formulierte: „Dat wir no Monsche komme, dat könne wir net vermeide. Ävvver mot der Kunst: Dat hürt jetzt op!“ Damit war für den Kunstkreis das Todesurteil gesprochen. Für diese Art von Kunst keinen Heller mehr.

Die Mehrheit des Stadtrates, nunmehr von den Politikern aus den Dörfern gebildet, wollte es nicht so drastisch sagen. Aber sie stimmte Leo Kreutz zu.

Es folgte eine lange Pause. Bis zur Retrospektive der „Umwelt-Akzente“ 40 Jahre danach - ohne Attacke auf die Kunstwerke und Proteste gegen eine Kunst, die mit ihren über 40 Jahren ja auch schon in die Jahre gekommen war.

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