Mitarbeitergesundheit ist Erfolgsfaktor

Von: Jörg Peters
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Kompetenz in Sachen Mitarbeitergesundheit: Alexandra Miethner, Angelika Fiedler, Erika Schneider-Kertz und Yvonne Michel (v.l.) zeigten im Baesweiler ITS Wege zur modernen Unternehmensstruktur mit wenigen Krankheitsausfällen auf. Foto: Jörg Peters

Baesweiler. Wenn bei einer Karawane durch die Wüste ein Kamel zusammenbricht, kann man sich zweierlei fragen: War die Last zu schwer, oder war das Kamel zu schwach? Egal zu welchem Ergebnis man kommt, hat die Karawane jetzt ein Problem: Wie geht es weiter?

Ein Bild, das in die heutige Arbeitswelt passt, stellt man sich statt der Karawane einen Betrieb vor und statt der Kamele die Mitarbeiter. Diesen Vergleich zog die Diplompsychologin Gertraud Mertens nicht von ungefähr.

Sie war eine von vier Referentinnen beim Symposium „Erfolgsfaktor Mitarbeitergesundheit - Mit gesunden Beschäftigten zu einem zukunftsfähigen Unternehmen”, zu dem gut 60 Interessierte den Weg ins ITS im Baesweiler Gewerbegebiet gefunden hatten.

Die Suchthilfe Aachen, das regionale Netzwerk Psychologische Gesundheitsversorgung (PGV) sowie die Industrie- und Handelskammer Aachen hatten zu der Veranstaltung eingeladen. Nach der Begrüßung durch Yvonne Michel von der Aachener Suchthilfe, die als Moderatorin durch die Veranstaltung führte, und dem Willkommensgruß von Bürgermeister Willi Linkens brachte der stellvertretende IHK-Hauptgeschäftsführer, Michael F. Bayer, das Credo der Veranstalter auf den Punkt: „Verantwortungsbewusste Unternehmer müssen in Zeiten des Fachkräftemangels mehr denn je daran interessiert sein, dass ihre Mitarbeiter dauerhaft gesund sind, um wettbewerbsfähig zu bleiben.”

Rechnet sich das?

Doch rechnet sich Gesundheit im Unternehmen überhaupt? Diplompsychologin Alexandra Miethner vom Netzwerk PGV rechnete vor: Obwohl der Krankenstand in den Unternehmen 2010 stagnierte und jeder Beschäftigte im Schnitt 12,3 Tage krankgeschrieben war, stiegen die Fehlzeiten wegen psychischer Diagnosen um 14 Prozent.

Ebenso wie die Verschiebung von körperlichen zu psychischen Erkrankungen sei ein Trend zu erkennen, dass immer mehr jüngere Arbeitnehmer krank würden - nämlich doppelt so häufig wie ihre älteren Kollegen.

Dafür wiederum fielen diese dann im Schnitt länger aus, wenn sie denn einmal erkrankten. Die psychischen Erkrankungen belegen dabei mittlerweile den vierten Platz der Ursachen für den Arbeitsausfall. Insgesamt beziffert das Statistische Bundesamt die Produktionsausfälle durch krankheitsbedingte Arbeitsunfähigkeit mit 43 Milliarden Euro und den Verlust an Arbeitsproduktivität mit 78 Milliarden Euro im Jahr 2008.

Höchste Zeit also, gegenzusteuern. Und hier waren nicht nur die Personalverantwortlichen, sondern auch die anwesenden Betriebsräte, Schwerbehindertenvertreter, Betriebsärzte und Gesundheitsbeauftragte angesprochen, sich für ihre Mitarbeiter bei den Geschäftsführungen stark zu machen. Zum Beispiel für die Senkung des Krankenstandes, der Mehrbelastung und für bessere Arbeitsmotivation, was letztlich zu einer verbesserten Produktivität für das gesamte Unternehmen führen soll. Stichwort: Betriebliche Gesundheitsförderung.

Dazu gehöre auch die Erkennung von Krankheitsursachen, sagte Gertraud Mertens. Der so genannte Burnout sei die häufigste Ursache einer psychischen Erkrankung. Die Diplompsychologin sieht im Betrieb ganz klar die Führungskräfte in der Pflicht. Diese müssten aktiv werden, wenn Mitarbeiter erste Anzeichen von Überlastung zeigten.

Berufliche Ursachen könnten neben Zeitdruck und Arbeitsüberlastung auch unzureichendes Führungsverhalten, hohe Arbeitsbelastung mit wenig Handlungs- und Kontrollmöglichkeiten sowie zu wenig Anerkennung und Wertschätzung der gezeigten Leistung sein. Die Einstellung „Ich bin doch nicht der Therapeut meiner Leute...” sei seitens einer Führungskraft absolut kontraproduktiv und verschlimmere nur den ökonomischen Schaden eines Betriebes durch krankheitsbedingte Ausfälle.

Einfühlsam

Die Führungskraft solle auch nicht das Problem lösen. Ein erstes, einfühlsames Gespräch könne aber einen positiven Anstoß geben, den Kollegen zu helfen. Und gezielte Prävention sollte laut Mertens Grundbestandteil einer jeden Unternehmenskultur sein. Hier seien auch Schulungen für Führungskräfte unabdingbar, ebenso wie die Enttabuisierung psychischer Probleme.

Ein anderes Problem in Betrieben sprach Angelika Fiedler von der Ginko-Stiftung für Prävention und Suchtvorbeugung an. Denn um Probleme zu überdecken griffen viele Menschen zu Alkohol, Medikamenten oder Drogen. Auch dies habe negative Auswirkungen auf die Produktivität, das Betriebsklima und das Image des Unternehmens. Sie erläuterte die Grundlagen einer so genannten motivierenden Kurzintervention am Arbeitsplatz (Move).

Und hier wiederum seien eher Kollegen denn Vorgesetzte gefragt. Ziel müsse sein, die Ansprechenden zu ermutigen und zu befähigen, Kollegen auf ihren Konsum und dessen Begleitumstände anzusprechen und in einen Gesprächsaustausch zu treten und zu bleiben.

Kommt es in Betrieben zu krankheitsbedingten Ausfällen, die sich länger als sechs Wochen hinziehen oder wiederholt über mehrere Zeiträume, schreibt der Gesetzgeber ein Betriebliches Eingliederungsmanagement (BEM) vor. Dieses soll klären, wie Arbeitsunfähigkeit möglichst überwunden und mit welchen Hilfsmaßnahmen einer erneuten Erkrankung vorgebeugt und somit der Arbeitsplatz erhalten werden kann.

Diplompsychologin Erika Schneider-Kertz beschreibt BEM als Chance zur Früherkennung. Denn außer dem Arbeitgeber sind bei einem BEM-Verfahren auch die betriebliche Interessenvertretung wie der Betriebsrat oder die Schwerbehindertenvertretung beteiligt. Schneider-Kertz sieht Ängste von Betroffenen vor einem solchen Verfahren als unbegründet an.

Denn BEM solle ja genau verhindern, dass ein Mitarbeiter auf eine „Abschussliste” gerät, wenn er ein Problem anspricht. Und vor allem stehe ohnehin die Freiwilligkeit des Betroffenen im Vordergrund. Ohne dessen Einwilligung finde kein BEM-Verfahren statt.

Das Thema vertiefen

Vor allem als Einstieg eignete sich die Veranstaltung. Denn zu umfangreich sind die einzelnen Themenkomplexe, als dass sie in 20 Minuten erschöpfend behandeln werden konnten. Daher soll das Informationsangebot zusammen mit der IHK weiter ausgebaut und in die Region getragen werden.

Klar wurde, dass ein Betrieb nur dann „gesund” wirtschaften kann, wenn Vorgesetzte und letztlich Unternehmensleitungen zur Gesunderhaltung ihrer Mitarbeiter beitragen und nach den Ursachen forschen, wenn es hier innerbetrieblich hakt. Gertraud Mertens drückte das in ihrem Bild so aus: „Es gibt Kamele, die brechen unter jeder Last zusammen. Doch es gibt auch Lasten, unter denen bricht jedes Kamel zusammen.”
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