Mit Armbrust dem Stiefvater in die Brust geschossen

Von: Stephan Everling
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Mit einer Armbrust attackierte ein 26-Jähriger seinen Stiefvater. Symbolbild: Imago

Schleiden-Gemünd. Es müssen dramatische Szenen gewesen sein, die sich im Juni 2015 in Einruhr zwischen Stiefvater und Stiefsohn abgespielt haben. Praktisch über die ganzen neun Jahre, in denen sie bereits miteinander zu tun hatten, stand es um das Verhältnis zwischen den beiden nicht zum besten. Doch an diesem Samstagabend eskalierte die Situation.

Mit einer Armbrust und einer Machete mit 47 Zentimeter langer Klinge attackierte der 26-jährige Simmerather den 61-jährigen Mann, rannte dann aus dem Haus und schlug mit der Machete noch die Windschutzscheibe dessen Autos ein.

Am Mittwoch verhandelte das Schöffengericht des Amtsgerichts Gemünd gegen den jungen Mann, der wegen gefährlicher Körperverletzung und Sachbeschädigung angeklagt war und verurteilte ihn zu einem Jahr und sechs Monaten auf Bewährung.

Viel Zeit und Geduld wandte die Kammer unter dem Vorsitz von Amtsrichterin Claudia Giesen dafür auf, nicht nur die tatsächlichen Ereignisse, sondern auch den Grund für den Ausraster des eigentlich als ausgeglichen und wenig streitsüchtig bekannten Jungen zu rekonstruieren. Und da sowohl Angeklagter als auch Opfer sich auf erhebliche Erinnerungslücken zurückzogen, gestaltete sich die Wahrheitsfindung nicht einfach.

„Ich war immer der Trottel“

Was ihn zu dem Angriff getrieben hatte, wusste der Angeklagte selbst nicht zu sagen. „Es ist einfach passiert“, äußerte er nach langem Schweigen. Doch im Laufe der Verhandlung wurde die Vorgeschichte immer deutlicher. Seit Jahren bestimmten Streit das Verhältnis der beiden. „Ich war immer der Trottel“, sagte der Angeklagte über die Auseinandersetzungen mit dem 61-Jährigen.

Endgültig kippte die Stimmung, als die Mutter des mittlerweile 26-jährigen Mannes mit ihrem neuen Lebensgefährten an diesem Samstag essen gegangen war. Zuerst rief der Sohn einen Freund an und sagte ihm: „Es ist vorbei, ruf die Polizei.“ Wegen seines Stiefvaters sei er so aufgebracht, sagte er noch, der solle bloß nicht noch einmal ins Haus kommen.

Der Freund fuhr schnell zu dem Wohnhaus des 26-Jährigen, doch dieser machte nicht auf. Als die Mutter mit ihrem Lebensgefährten nach 22 Uhr nach Hause kam, schlug der Mann die Warnung des Freundes in den Wind, betrat das Haus und ging in den Keller.

Dort habe ihn der Pfeil aus der Armbrust in die Brust getroffen und eine ein Zentimeter tiefe Wunde verursacht, wusste das Opfer noch zu berichten. Von der Attacke mit der Machete wisse er nichts mehr, auch die im Krankenhaus dokumentierte Schnittwunde, die wohl von dieser verursacht worden war, könne er sich nicht erklären. Der wahrscheinliche Grund für den Ausraster wurde im Laufe der verschiedenen Zeugenaussagen deutlich.

Eine Woche vor der Tat hatte der Angeklagte seine Gesellenprüfung bestanden. Für ihn eine große Leistung, denn er war auf der Förderschule gewesen und verfügte über keinen Schulabschluss, eine Leistung, die allen Prozessbeteiligten sichtlich Respekt abnötigte. „Stolz“ auf seinen Gesellenbrief sei er gewesen, berichtete auch der Freund. Doch der Lebensgefährte der Mutter hatte ihm nicht dazu gratuliert. Angefeuert durch rund zwei Liter Bier explodierte der 26-Jährige schließlich.

Seit dem Tag haben die beiden keinen Kontakt mehr. Trotzdem wurde bei der Aussage des 61-Jährigen schnell deutlich, dass er sich bemühte, die Ereignisse nicht zu dramatisieren. Auf Versöhnung standen die Zeichen dagegen noch lange nicht. „Ich lasse mir nicht in die Brust schießen“, ließ der Mann Einblicke in sein Gemütsleben zu.

Auch wenn der 26-Jährige sagte, die Armbrust sei eigentlich harmlos, die Pfeile seien weich, sah dies das Gericht anders. Denn das ballistische Gutachten hatte die Bauweise der Armbrust als „potenziell gefährlich“ bezeichnet. „Wir wissen nicht, warum der Pfeil nur einen Zentimeter in den Körper eingedrungen ist“, sagte die Richterin in ihrer Urteilsbegründung.

Allerdings sei deutlich geworden, dass der Angeklagte keinen tödlichen Angriff beabsichtigt habe. „Sonst hätten Sie die Machete verwendet“, fuhr sie fort. Staatsanwaltschaft und Verteidigung akzeptierten noch im Gerichtssaal das Urteil, so dass es nun rechtskräftig ist.

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