Mit 117 Sachen unterwegs beim Blitzmarathon

Von: Jan Mönch
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Den Verkehr fest im Visier: Polizeikommissar Stefan Koolen mit Lasermessgerät. Foto: J. Mönch
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Aber hoppla: Tempo 30 ist schneller überschritten, als manch einer denkt. Darauf macht Christian Schmitz hier eine Autofahrerin aufmerksam.

Nordeifel. Als erstes trifft es den Fahrer eines Seats. Das schneeweiße Fahrzeug kommt auf der Roetgener Rosentalstraße um eine Biegung gerauscht, rund 130 Meter weiter piept Stefan Koolens Lasermessgerät aufgeregt vor sich hin. Blitzschnell greift der Polizeikommissar zum Funkgerät: „Gemessene Geschwindigkeit 52 auf eine Entfernung von 129,9 Meter“, gibt er an die Kollegen durch.

Etwa auf halber Strecke zwischen dem Ort der Geschwindigkeitsübertretung und dem Messgerät winkt Polizeikommissar André Wilden den Temposünder mit der Kelle an den Straßenrand. Dumm gelaufen.

So wie dem Seat-Fahrer ging es am Dienstag tausenden Autofahrern in der Städteregion und NRW: Die Polizei hatte ein viertes Mal zum Blitzmarathon geblasen. An 82 Orten waren die Beamten in der Städteregion im Laufe des Tages unterwegs. Während die Luft für Raser in Aachen-Stadt mit 41 Messstellen besonders dünn wurde, standen in Monschau, Roetgen und Simmerath insgesamt zwölf von ihnen auf dem Ablaufplan.

Der Fahrer des weißen Seats jedenfalls hat Glück im Unglück: Weil Wilden und Koolens, die gemeinsam mit ihren Kollegen Christian Schmitz und Benjamin Jakobs in der Nordeifel eingesetzt sind, von der tatsächlich gemessenen Geschwindigkeit noch die Toleranz von drei Stundenkilometer abziehen müssen, kommt er so gerade mit 35 Euro Bußgeld davon – und vor allen Dingen ohne Punkt in Flensburg.

Ganz anders ein 20-Jähriger, den das gleiche Team am Morgen in Lammersdorf tatsächlicher Raserei überführt hat: Mit Tempo 117 anstatt der erlaubten 70 Stundenkilometer war der junge Mann bei einer ersten Zwischenbilanz am gestrigen Nachmittag zumindest vorläufiger Rekordhalter – und zwar für die gesamte Städteregion (siehe Zusatzbox).

Zu Wirksamkeit und Intention der Marathons gibt es verschiedene Ansichten. Der prominenteste Befürworter heißt Ralf Jäger, ist Innenminister und lobte am Dienstag einmal mehr die „richtige Strategie“, die man gefunden habe. Der Verkehrsclub Deutschland (VCD) indes rügte, die Wirksamkeit der parallel zu NRW auch in Niedersachsen und in Bayern stattfindenden Maßnahme sei zeitlich stark begrenzt – nämlich im Wesentlichen auf die 24 Stunden, die der Marathon dauert. Und schließlich sind da diejenigen Autofahrer, die hinter alldem schlicht und ergreifend eine großangelegte Abzockaktion sehen.

Letzterer Vorwurf zumindest lässt sich leicht entkräften: Auch dieses Mal hatte die Polizei den Marathon frühzeitig angekündigt, eine Liste mit allen Messstellen ließ sich frühzeitig aus dem Internet herunterladen. Bloß so freundlich, die jeweiligen Zeitintervalle hinzuzufügen, war die Polizei nicht. Behaupten, nicht gewarnt gewesen zu sein, konnte trotzdem niemand ernsthaft.

Davon abgesehen wird längst nicht jede Übertretung geahndet, die man ahnden könnte: Gilt etwa – wie in der Rosentalstraße – Tempo 30, sehen die Beamten über alle Verstöße hinweg, die sich bei weniger als 41 Stundenkilometer bewegen. „Das ist schon sehr großzügig“, findet Kommissar Koolen. Zumindest an der Rosentalstraße werden dementsprechend wenige Ahndungen vorgenommen: Lediglich vier sind es, als das Quartett gegen Mittag das Stativ des Messgeräts zusammenklappt und sich zur nächsten Station bewegt.

Eine ältere Dame, die in ihrem silbernen Hyundai zu viel Gas gibt, überschreitet jedoch auch diese Schwelle. „Dabei bin ich eigentlich total für Tempo-30-Zonen“, gibt sie erkennbar bestürzt zu, nachdem Christian Schmitz auch ihr eine freundliche, aber bestimmte Ansprache gehalten hat. „Mit den Leuten zu sprechen bringt immer mehr, als wenn sie einfach Wochen später ein Foto und einen Verwarnungsgeldbescheid im Briefkasten haben“, findet sein Kollege Wilden. Geblecht wird natürlich trotzdem.

Überhaupt ist die Polizei bemüht darum, Akzeptanz für die Blitzmarathons zu finden. Nicht zuletzt aus diesem Grund finden sich in der aufgestellten Liste auch zahlreiche Messstellen, die von Bürgern eingereicht wurden. Dass diese Vorschläge durchaus beherzigt werden, weiß auch ein Bürger des Stolberger Ortsteils Gressenich, wo Wilden bei einem der letzten Marathons eingesetzt war: Dort sei ausgerechnet derjenige Anwohner mit überhöhter Geschwindigkeit durch die Messstelle gerauscht, der ebendiese der Polizei genannt hatte.

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