Marion Braun bezwingt den Mont Blanc

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Auf der Zielgeraden in Chamonix waren für Marion Braun alle Mühen der vorangegangen fast zwei Tage und zwei Nächte vergessen.

Nordeifel. Ultraläuferin Marion Braun aus Eicherscheid hat eine neue Herausforderung mit Bravour gemeistert: Die 58-Jährige bewältigte bei einem Ultralauf den Mont Blanc, den höchsten Berg der Alpen und in der EU, in horizontaler Richtung und legte dabei 170 Kilometer Streckenlänge und 10.000 Höhenmeter in 38 Stunden und acht Minuten zurück.

Ihr Mann Wolfgang Braun hat die packenden Tage und Ereignisse von Chamonix in einem persönlichen Bericht zusammengefasst.

Der „Ultra-Trail du Mont-Blanc“ (UTMB) fand in der letzten Augustwoche zum 14. Mal in den Französischen Alpen statt und zählt zu den anspruchsvollsten Berg-Ultramarathons weltweit. Chamonix war dabei wieder das Mekka der Trailläufer aus aller Welt. Über 7000 Läufer aus 87 Nationen bevölkerten das Tal unterhalb des Mont Blanc und nahmen an den verschiedenen Läufen teil. Obwohl es für eine Teilnahme am UTMB des Nachweises von Qualifikationsläufen (drei Trailläufe um die 100 km innerhalb von zwei Jahren) bedarf, lag die Anzahl der Bewerber bei der Anmeldung im Dezember weit über den 2300 zur Verfügung stehenden, heiß begehrten Startplätzen, so dass ein Losverfahren über die Teilnahme entscheiden musste. Marion Braun aber hatte hier das Glück der Tüchtigen, und so ging es für sie in Begleitung ihres Mannes Wolfgang Mitte August nach Chamonix.

Für den Ultra-Trail du Mont-Blanc gilt „teilweise Autonomie“, das heißt, die Läufer müssen eine Pflichtausrüstung in ihrem Rucksack mit sich führen und erhalten Unterstützung nur an den offiziellen Versorgungsstellen. Beim Abholung der Startnummer wird die Pflichtausrüstung (Mobiltelefon, Überlebensdecke, elastische Binde, Trillerpfeife, Regenhose, Regenjacke, lange Hose, langes Shirt, wasserdichte Handschuhe, Mütze, zwei Stirnlampen, zweimal Ersatzbatterien, Essensvorrat, mindestens 1,5 Liter Wasser) überprüft und auf der Strecke gibt es ebenfalls Kontrollen, wobei die Nichteinhaltung zur sofortigen Disqualifikation führt.

2556 Läufer am Start

Am 26. August ist es dann endlich so weit, bei hochsommerlichen 30 Grad ist der zentrale Platz „Place du Triangle de l‘Amité“ in Chamonix (1036 m) gefüllt mit 2556 Läufern, die alle nur ein Ziel haben, nämlich den Mont Blanc zu umrunden – eine davon: Marion Braun vom SV Germania Eicherscheid. Die „Sportlerin des Jahres 2015“ in unserer Region hatte aufgrund ihrer guten Platzierungen in vergangenen Wettkämpfen das Glück, vom Veranstalter eine Einladung zu erhalten, die sie berechtigte, den Startbereich von vorne über die Startlinie, in den reservierten Raum für das Elitefeld, betreten zu dürfen. Die Spannung steigt auch unter den Zuschauern, die an den Absperrgittern warten. Eine letzte Umarmung als Abschied für zwei lange Tage, ein paar letzte Fotos noch, Hoffnung, Respekt und Angst liegen in der Luft. Noch zwei Minuten, die Klänge von Vangelis „Conquest of Paradise“ erfüllen den Ort, viele Menschen haben Tränen in den Augen, eine Gänsehaut jagt die nächste. Einen solch emotionalen Start gibt es nur hier, nur bei diesem Lauf, dem UTMB.

Punkt 18 Uhr bricht die Läuferwelle los – in geballter Euphorie, ein tobendes Zuschauermeer trägt die Läufer auf dem ersten Kilometer durch den Ort, immer wieder Umarmungen am Streckenrand. Es scheint, als würde der Läuferstrom kein Ende nehmen, erst nach zehn Minuten sind alle durch. Marion hat es nun in ihren Händen, besser gesagt in ihren Beinen oder eigentlich im Kopf, denn der bestimmt, wie es weiter geht! Sie wird später von unzähligen Erlebnissen und Eindrücken erzählen; wie die Masse losraste, als wäre es ein 10-km-Lauf, und wie sie ständig überholt wurde und sie nach dem ersten Pass, dem Le Délevret (1739 m), bei 21 km, auf dem 903. Gesamtplatz registriert wurde.

Dann kam die erste Nacht und die ganz langen Anstiege wie der Croix du Bonhomme (2439 m). Marion genoss den Sternenhimmel und die klare Luft, verglich die Lichterkette der tausenden Stirnlampen, die sich die Berge hinauf und hinunter zogen, mit einem Lavastrom, und manchmal war sie erschrocken über die hoch über ihr funkelnden Lichter, die ihr einen hohen Pass vorgaukelten, sich dann aber als Sterne herausstellten.

Wichtig waren die Verpflegungspunkte, denn feste Nahrung und Flüssigkeit sind die Grundlagen einer solchen Tour. Alle fünf bis zehn Kilometer werden die Läufer gescannt und ihre Zwischenzeiten direkt ins Internet eingegeben, so können die Angehörigen ihre Liebsten verfolgen und mit ihnen fiebern. Auf dem dritten Pass, dem Col de la Seigne (2516 m) am Grenzübertritt nach Italien, nach 60 km und 10:36 Stunden und den Col des Pyramides Calcaires, hatte sich Marion bereits auf den 579. Gesamtplatz und sechsten Rang in ihrer Altersklasse (50-59) vorgeschoben. Dass sie gut die Berge hoch kam, wird sie später berichten, aber auch, dass sie bergrunter, selbst auf schwierigstem Gelände, im Kamikazelaufstil überholt wurde.

Auf dem Arête Mont Favre (2409 m) war die Aussicht bei Sonnenaufgang auf das unter ihr liegende, mit Wolken gefüllte Tal Val Veni und das sich daraus erhebende Mt. Blanc-Massiv so atemberaubend, dass sie für eine Weile stehen blieb, um den Moment zu verinnerlichen.

Am nächsten Morgen in Courmayeur (1192 m) (80 km in 14:41 Stunden) durften die Betreuer beim Wechsel der Kleidung behilflich sein. Ein strahlend blauer Himmel verkündete schon zeitig, dass es ein heißer Tag werden würde. Und spätestens beim Anstieg auf den Grand Col Ferret (2527 m/bei Kilometer 100) mit Grenzübertritt in die Schweiz war dies einem jedem Läufer bewusst. Die Liste der Abbrüche wies hier bereits 628 Läufer aus, während Marion nach 20:32 Stunden den 448. Gesamtplatz und jetzt den dritten Rang in ihrer Altersklasse belegte.

In der Nachmittagshitze ging es meist schattenlos bis zu dem an einem See gelegenen, hübschen Bergdorf Champex-Lac (1481 m), bei Kilometer 124. Nach knapp 25 Stunden traf sie dort gegen 19 Uhr ein. Bis auf ein paar dicke Blasen, die ihr Tageswerk kennzeichneten, war sie vor Einsetzen der zweiten Nacht, hoch motiviert, die restlichen drei Pässe und 46 km hinter sich zu bringen. Beim Einstieg in den nun folgenden Berg, der Bovine (1987 m) kam das, was nicht hätte kommen müssen: Ein Gewitter braute sich innerhalb von Minuten zusammen und überraschte die Läufer mit Einsetzen der Dunkelheit. Marion entschied sich mit anderen Läufern, nicht weiter aufzusteigen und verblieb eine Dreiviertelstunde unter Büschen, während Blitz um Blitz zuckte und der Himmel seine Schleusen öffnete. Hier zeigte sich die dringende Notwendigkeit der Pflichtausrüstung, wie Regenjacke und Regenhose, die jetzt zum Einsatz kamen.

Glitschige Schlammpfade

Als es dann weiter gehen konnte, waren kleine Rinnsale als Bäche zu durchwaten und die Wege waren nur noch glitschige Schlammpfade, auf denen es ständig zu Ausrutschern und Stürzen kam. Nach weiteren drei Stunden konnte die Regenkleidung wieder abgelegt werden, und um Mitternacht, bei sternenklarem Himmel war Trient (1303 m) bei Kilometer 140 und 30 Stunden Laufzeit erreicht.

Der Lauf ging nun in die Endphase, es wurde verdammt hart, Grenzerfahrungen werden gemacht, überall müde Augen, manche versuchen, eingehüllt in Decken, durch Schlaf neue Kräfte zu sammeln, andere geben auf, haben ihre Nummer abgegeben und damit das Rennen beendet. Marion hat den Willen und noch die Kraft, weiterzumachen, auch wenn die Blasen ihr immer mehr zu schaffen machen. Nach weiteren drei Stunden über den Catogne (2011 m) hat sie Vallorcine (1263 m/km 151) erreicht, sie wird jetzt auf dem zweiten Rang in ihrer Altersklasse gelistet. Nur noch ein Pass, der Tête aux Vents (2116 m), wieder auf französischem Territorium, der es den Läufern mit seinem steilen Anstieg noch einmal so richtig schwer macht und wo viele noch aussteigen.

Die Bergspitzen des Mont Blanc-Massivs werden von den ersten Sonnenstrahlen des neuen Tages erfasst. Es wird wieder ein wunderschöner Tag werden, was die meisten Läufer jedoch nicht mehr registrieren, sie wollen nur eines: endlich ankommen.

Mörderisch steiler Anstieg

Der letzte Abstieg, noch einmal 800 Höhenmeter auf 7 km, mörderisch steil und unwegsam, Marion wird dies als grauenhaftestes Stück in Erinnerung bleiben. Doch als sie dann auf dem letzten Kilometer durch Chamonix eilt, kommen die Lebensgeister zurück. Der Gedanke, es gleich geschafft zu haben, bringt sie wieder in den Laufschritt. Trotz der frühmorgendlichen Sonntagsstunde hat es viele Zuschauer an die Strecke gelockt und sie geleiten Marion mit einem vielstimmigem „Bon Courage“ und „Chapeau“ durch Chamonix. Das ist es, dieses Gefühl, warum man sich an ein solches Experiment heranwagt und es durchsteht, dieses unbeschreibliche Gefühl, wo alle Anstrengungen plötzlich abfallen. Dann die Zielgerade – warum ist dieses Stück nur so kurz? –, die Gefühle brechen durch, Freudentränen lassen sich nicht mehr aufhalten, es ist geschafft, unfassbar, dies in Worte zu fassen, sie hat ihren Traum, den Mont Blanc nonstop zu umrunden, vollbracht. Auch wenn der erste Mann schon seit 16 Stunden und die erste Frau seit 13 Stunden im Ziel sind, wird hier jeder im Ziel gefeiert.

Ein ganz besonderes emotionales Ereignis lässt bei der Siegerehrung am Nachmittag noch einmal die Begeisterung bei den Zuschauern aufbrausen, als die letzte Läuferin nach 46:42 Stunden ins Ziel kommt und sie dann vom Sieger und der Siegerin des UTMB empfangen und durch ein Spalier in der Menschenmenge auf die Bühne begleitet wird. Genau solche Gesten prägen den einmaligen Ruf dieses Ultramarathonlaufs. Jeder ist ein Sieger!

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