Letztes Strohdach der Region wird neu gedeckt

Von: Carmen Krämer
Letzte Aktualisierung:
Ein ganzer Hof voller Stroh: I
Ein ganzer Hof voller Stroh: In Höfen steht eines der letzten Häuser in der Region, die von einem Strohdach geschützt werden. In diesem Jahr war es an der Zeit, es zu erneuern. Rechts liegt das „alte Dach”, links liegen die Bündel für das neue Dach. Fotos (2): Carmen Krämer Foto: Carmen Krämer

Höfen. So etwas sieht man nicht alle Tage und vor allem längst nicht mehr überall. Was früher die einzige Möglichkeit war, das Haus vor Wind und Regen zu schützen, kann heute ohne Weiteres als Luxus bezeichnet werden.

Strohdächer sind in Deutschland selten geworden. Neben ein paar Exemplaren im Freilichtmuseum in Kommern steht das letzte Haus mit Strohdach unserer Region in Höfen. Ernst Wawra ist es wichtig, dass dies auch so bleibt. Vor 55 Jahren hat er das gemütliche Haus in Höfen gekauft und es nun seiner Tochter Ursula übertragen. Im Jahr 1760 wird es zum ersten Mal erwähnt. Der 85-Jährige legt großen Wert darauf, dass das Haus im Sief in der alten Art gedeckt ist: „Mein Anliegen ist es, ein Strohdach, das nach der heimischen Dachdeckerkunst gedeckt ist, zu erhalten.”

Die einzigen Alternativen für das denkmalgeschützte Gebäude, die vom Landschaftsverband Rheinland gestattet würden, seien Reet oder sogenannte Eynattener Dachpfannen. „Aber das Stroh ist eine heimische Tradition, deswegen ist es mir wichtig, das zu bewahren.”

Aus diesem Grund hat sich Architekt Ernst Wawra die Kunst ganz genau angesehen: „Ich habe irgendwann angefangen, jeden Handgriff und die Werkzeuge zu filmen. Als Architekt liegt einem natürlich die Handwerkskunst am Herzen.”

Nach 15 Jahren erneuern

In diesem Jahr muss das im Vergleich zu Reet kurzlebigere Strohdach nach 15 Jahren wieder einmal erneuert werden. Und das ist heutzutage gar nicht mehr so einfach. Gab es früher meist in jedem Dorf jemanden, der die Kunst des Strohdachdeckens beherrschte, musste die Firma, die neben dem Höfener Dach auch die Dächer in Kommern erneuert, aus Norddeutschland anreisen.

Die Firma Wolfgang Thiel, die ihren Sitz in zwischen Bremen und Bremerhaven hat, ist eine der wenigen, die die Kunst des Strohdachdeckens überhaupt noch beherrscht. „Eigentlich gibt es solche Dächer nur noch in Museen, bei Privatleuten sind sie eher selten zu sehen. Es kommt etwa einmal alle zehn Jahre vor, dass wir ein Strohdach neu decken müssen”, erklärt Wolfgang Thiel, der mit drei weiteren Arbeitern angereist ist und hauptsächlich Reetdächer deckt. „Von etwa 200 Betrieben, die Weichdächer machen, gibt es nur fünf, die auch Strohdächer decken können”, weiß der Reetdachdecker.

Die große Schwierigkeit liege heute nicht mehr wie in vergangenen Zeiten an der Unbeständigkeit des Wetters, sondern darin, es überhaupt zu bekommen. „Für einen Quadratmeter brauchen wir eine Stunde und einen halben Zentner Stroh. Das heißt, hier in Höfen brauchen wir insgesamt 40 Zentner und das muss extra angebaut werden.” Die Firma Thiel bezieht es von einem Hobbybauern aus Twistringen, das ebenfalls in Norddeutschland liegt und Jahrhunderte lang eine große Rolle in der Strohverarbeitung spielte.

Hier wurden zum Beispiel neben echten „Strohhalmen” auch die sogenannten „Malotten” hergestellt. Das sind aus Stroh hergestellte Hüllen, die zum sichereren Transport über Flaschen gestülpt wurden. So wurden nicht selten die Malotten aus Norddeutschland in südlichere Regionen geliefert und mit beispielsweise Weinflaschen bestückt zurückgesendet.

Das Roggenstroh, das zum Dachdecken in der Eifel verwendet wurde, war damals auch hier in der Region zu finden. „Früher waren die Bauern bettelarm und mussten sich aus der Natur nehmen, was sie bekommen konnten”, weiß Ernst Wawra. „Da bauten sie selbst Stroh an oder gingen das notwendige Material in der Natur suchen. Und man war mangels großer Plastikplanen, wie es sie heute gibt, sehr viel stärker vom Wetter abhängig.” Das „Armeleutedach” von damals ist heute also sehr aufwendig und kostspielig, aber auch schön anzusehen. Und - so Wolfgang Thiel - das Strohdach sei anders als Ziegel, die er als „lediglich regendicht” bezeichnet, weil sich hierunter das Wasser drücken kann, auch noch richtig wasserdicht. „Aus dem Stroh läuft das Wasser schließlich ab”.

Als Einstreu verwendet

Was heute mit dem abgedeckten Stroh passiert, das wisse Ernst Wawra nicht. „Das kommt in den Container und dann ist es weg”, erklärt er. Früher wussten die bettelarmen Bauern jedoch noch etwas damit anzufangen: Das, was vorher vor Wind und Wetter schützte, landete als Einstreu beim Vieh.
Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert