Letztes Heimspiel ist eine Achterbahn der Gefühle

Von: Hans-Peter Leisten
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Bangen - hoffen - und am Ende
Bangen - hoffen - und am Ende jubeln: Die Fans mussten gestern ein Wellenbad der Gefühle durchleben. Zum Verzweifeln besteht - vorerst - kein Anlass. Foto: Andreas Steindl

Aachen. Krimi gefällig? Hier die Zutaten: ein recht gut gefülltes Stadion, elf engagierte Hauptakteure, ein emotional aufgeladenes Publikum und eine Gästeschar, die offensichtlich im Jet-Tempo an der Kinderstube vorbeigeflogen ist.

Was für ein turbulenter Nachmittag auf dem Aachener Tivoli, den viele in ihrem Hinterkopf bereits als Abschiedsvorstellung aus der 2. Fußball-Bundesliga gesehen hatten. Nächste Woche wird man sehen, ob der 1:0-Sieg gegen den KSC lebenserhaltend oder nur -verlängernd war. Aber Wehmut kommt so oder so auf, denn was wäre alles möglich oder auch überflüssig gewesen, wenn die Protagonisten in Schwarz-Gelb stets so agiert hätten wie am Sonntag?

Wer ist der Schuldige?

Jedenfalls haben viele Fans auf der Stehgeraden ihren Sündenbock für die Misere ausgemacht: Rund 30 Banner waren Geschäftsführer Frithjof Kraemer mit eindeutiger Botschaft gewidmet. „Kraemer, gib den Schlüssel ab” und „Totengräber” waren noch die geschmackvolleren. Parallel Sympathiekundgebungen für den scheidenden Sportdirektor Erik Meijer. Als hätte Kraemer den Kader zusammengestellt und die Trainer-Trilogie komponiert. Der so Attackierte konnte sich nach dem Schlusspfiff auch nur bedingt über den Sieg freuen. „Wieso sagt hier eigentlich keiner, wer was macht und gemacht hat? So geht es jedenfalls nicht weiter. Ich weiß, was ich zu tun habe.” Was er damit meinte, wollte er (noch) nicht preisgeben. Eine Fan-Gruppierung hatte jedenfalls ihre eigene Arithmetik entwickelt: „Minus x Minus = Kraemer”. Anregung fürs nächste Fan-Treffen: Minus mal Minus gibt bekanntlich Plus.

Von den Rängen auf den Platz. Und dort stimmte die Rechnung: Elf Bessere gewinnen gegen elf Schlechte. Der Funke sprang schnell über auf die offiziell 21 647 Zuschauer. Allerdings auch auf die über 3000 Badenser. Es hätten vielleicht noch viel mehr Öcher sein können, aber einer Ticketaktion hatten die Karlsruher ihre Zustimmung verweigert. „Wir haben das nicht öffentlich gemacht, um nicht die Atmosphäre zu vergiften”, nannte Alemannias Pressesprecher Thorsten Pracht später die nachvollziehbare Begründung. So aber wurde die Atmosphäre vorerst höchstens durch einige Rauchbomben aus dem blau-weißen Gästeblock getrübt. Dem setzten die Alemannia-Fans lautstarke Unterstützungsgesänge entgegen, die Auer & Co Beine machten. Hinzu kam die Choreographie, die der Spielplan bereithielt - parallel erfolgte bei Union Berlin das muntere Scheibenschießen mit den Rostockern, dem zweiten Konkurrenten der Alemannia um den Relegationsplatz. Tatsächlich war die Alemannia bereits in der 4. Minute abgestiegen, denn die Rostocker führten. Die Gefühle gerieten in heftigen Seegang - am Ende ging die Hansa-Kogge unter, die Alemannen haben nach dem Rettungsring gegriffen.

Unschöne Visitenkarte

Fast ein schöner Fußballnachmittag, hätten nicht die KSC-Fans eine hässliche Visitenkarten überlassen. Die Mannschaft beschimpft - ein eher internes Problem. Doch als größere Gruppen die Absperrungen überkletterten und auf die Sitzplatztribüne stürmten, wurde manch bravem Zuschauer anders. Und die Ordnungskräfte waren in dem Fall unzweifelhaft zweite Sieger. Tatsächlich bewegten sich etliche Badenser im wahren Wortsinne am Abgrund. Nämlich genau da, wo beim Eröffnungsspiel des neuen Stadions ein St.-Pauli-Fan abgestürzt war. Die Polizei wurde beschimpft und mit Bechern beworfen. Sie reagierte gelassen, aber bestimmt. Und dann besannen sich auch die Karlsruher auf die eigentlichen Verursacher ihres Missmutes. Festnahmen gab es nicht, so bestätigte die Polizei später. Die Alemannen feierten mit lauten Böllern und der Fußball-Hymne „Youll never walk alone”. Und dann gings an die Recherche: Was kostet ein Flug oder eine Fahrt nach München? Nächsten Sonntag, der nächste Krimi.
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