FuPa Freisteller Logo

Letzte Kneipe in Rohren geschlossen: „Wie eine große Familie“

Von: Andreas Gabbert
Letzte Aktualisierung:
11521886.jpg
Der Abschied fällt ihr schwer: Jahrzehntelang war Klara Hermanns in Rohren die Dorfwirtin. Mit Beginn des neuen Jahres wurde die Gaststätte Dederichs geschlossen. Nun wird ein neuer Pächter gesucht. Foto: A. Gabbert

Rohren. Die letzte Kneipe in Rohren hat geschlossen. Am Sonntag wurde in der Gaststätte Dederichs („A Beartesse“) das letzte Bier gezapft. Fest steht, dass sich die Wirtin Klara Hermanns mit 78 Jahren aus gesundheitlichen Gründen nun endgültig aus dem Geschäft zurückziehen wird.

Jahrzehntelang war die Gaststätte gegenüber der Pfarrkirche so etwas wie der gesellschaftliche Mittelpunkt des Dorfes. Hier trafen sich alle, ob alt oder jung. Hier fühlte man sich wohl wie im eigenen Wohnzimmer. Einige legten bei Klara Hermanns an der Theke auch die Beichte ab. „Das war hier wie eine große Familie. Die haben mir alles anvertraut und ich hab‘ ihnen alles anvertraut“, sagt die Wirtin.

Wenn viel Betrieb herrschte, standen die Gäste selbst hinter der Theke, zapften ihr Bier und nahmen sich das Wechselgeld aus der Kasse. Seit der Gründung des Sportvereins Bergwacht Rohren war die Wirtschaft auch das Vereinslokal.

Ob hier jemals wieder miteinander angestoßen wird, hängt davon ab, ob ein Pächter für das Lokal gefunden wird. Mitte Mai 2015 hatte die Familie Hermanns einen Pächter gefunden, der auch schon vorher mit seiner Tochter ausgeholfen hatte. Am Ende des Jahres wollte er den Pachtvertrag aus familiären Gründen dann aber doch nicht verlängern. „Deshalb gibt es von uns erst jetzt ernsthafte Bemühungen, einen neuen Pächter zu finden. Wir würden die Kneipe gerne für das Dorf aufrecht erhalten“, sagt Andreas Hermanns, einer der Söhne der Wirtin. Aus der Familie möchte niemand den Betrieb fortführen. „Alle vier Kinder sind in ihren Berufen eingespannt“, sagt Andreas Hermanns.

Das Lokal befindet sich seit mindestens 1866 im Familienbesitz. Eröffnet wurde es damals von Johann-Hubert Dederichs, dem Urgroßvater von Klara Hermanns Ehemann Herbert. Nach dem Zweiten Weltkrieg war Antonie „Toni“ Dederichs die Inhaberin. Herberts Elternhaus war im Krieg abgebrannt, so dass nun die ganze Familie in den an die Gaststätte angrenzenden Wohnräumen untergebracht war. Herberts Elternhaus wurde wieder aufgebaut und sein Vater zog mit Herberts Geschwistern wieder in das Haus ein, während Herbert bei seiner Tante Toni blieb und ihr in der Landwirtschaft und Gaststätte sowie auf der Kegelbahn half. 1960 heiratete Klara ihren Mann und zog von Widdau nach Rohren. Sie nahm den Platz hinter der Theke ein und erweiterte die Öffnungszeiten, während sich Toni Dederichs aus dem Gaststättenbetrieb immer mehr zurückzog und sich um die damals noch vorhandenen Fremdenzimmer kümmerte.

Als Klaras Mann 1984 starb, kam es für sie nicht in Frage, die Wirtschaft aufzugeben. „Ich musste immer Leute um mich haben“, sagt sie.

Als dann Anfang der 1990er-Jahre die Gaststätte Warbel an der Markstockstraße schloss, gab es zunächst keinen Saal mehr in Rohren. Das Ortskartell kam auf Klara Hermanns zu und regte an, neben ihrer Gaststätte einen neuen Saal zu bauen. Klara gelang es, ihre Kinder zu überzeugen und der neue Saal wurde gebaut. „Ich wollte an Kirmes nicht allein hier sitzen“, sagt sie.

Wenn die ehemalige Wirtin in ihren Erinnerungen kramt, wird so manche Geschichte wieder lebendig. Gerne erinnert sie sich daran, wie ein Mann am Kirmesmontag ein Pferd mit in die Kneipe brachte und die Männer später in der Kneipe im Stroh lagen. Auch bei traurigen Anlässen kamen die Rohrener zu Klara Hermanns in die Wirtschaft. Den Beerdigungskaffee gab es bei ihr oder in der Gaststätte Theißen-Kirch. „Beide hatten nicht so viel Platz, deshalb haben sich die Männer und Frauen dann abgewechselt. Zuerst kamen die Frauen, während die Männer in der anderen Gaststätte ein oder mehrere Getränke zu sich nahmen“, erzählt die Wirtin. Früher trafen sich auch viele junge Männer am Sonntagabend, wenn sie von ihren Freundinnen zurückkamen, in der Kneipe. Einer von ihnen musste dann an der Theke „Wache“ halten, bis die anderen eintrafen.

Von 2005 bis 2009 wurden die Kneipe und der Saal verpachtet. Damals hatte Klara Hermanns schon ihren Abschied gefeiert. Ab 2009 übernahm sie dann aber doch wieder die Kneipe. Sie ist eben eine Wirtin mit Leib und Seele. Der Saal ist auch heute noch verpachtet und kann für die Aktivitäten der Vereine weiterhin genutzt werden.

In den vergangenen Jahren musste auch die Gaststätte Hermanns – wie viele andere Lokale auch – einen Rückgang der Besucherzahl hinnehmen. Viele Stammgäste blieben aber auch weiterhin treu. Eine Gruppe kommt zum Beispiel seit 50 Jahren am gleichen Tisch zusammen, um Karten zu spielen. Dementsprechend herrschte am Sonntag eine gedrückte Stimmung in der Kneipe. Natürlich war auch Klara Hermanns noch mal gekommen, um sich von „ihrer Familie“ zu verabschieden. Das ist ihr sehr schwer gefallen. „Ich hab nur gedacht, es darf nicht wahr sein. Am liebsten hätte ich bis zum Umfallen weitergemacht. Die Kneipe war für mich das Leben“, sagt die 78-Jährige.

Im Ort wird jetzt erstmal eine Lücke bleiben. „Viele haben sich dort getroffen, das fällt jetzt alles weg. Deshalb sind wir alle sehr traurig und hoffen, dass noch eine Lösung gefunden wird“, sagt Rohrens Ortsvorsteherin Waltraud Haake.

Leserkommentare

Leserkommentare (3)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert