Lesung: Ohne Vorwarnung in die Abhängigkeit

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Erzählt ohne Schönfärberei aus seinem Leben als Alkoholiker: Autor und Suchttherapeut Bernd Thränhardt. Foto: P. Stollenwerk

Roetgen. Bernd Thränhardt steht auf der Gewinnerseite des Lebens. Partys, Prominentendiskos und beruflicher Erfolg bestimmen sein Leben – aber auch Kokain und vor allem der Alkohol. Der erfolgreiche Filmemacher, der aus dem Eifelort Rollesbroich stammt, erlebt in den 1990er Jahren in Köln eine lebensgefährliche Achterbahnfahrt, die schließlich in die Alkoholsucht und die völlige emotionale Verwahrlosung führt.

Diesen dramatischen Absturz in Etappen hat der 57-Jährige in seinem autobiografischen Buch „Ausgesoffen“ knallhart beschrieben.

Bernd Thränhardt, der Bruder des einst weltberühmten Hochspringers Carlo Thränhardt, hat den Ausstieg geschafft. Er ist längst wieder zurück im Leben, seit zwölf Jahren trocken und heute arbeitet er als Suchtberater.

Sein Buch legt schonungslos offenen, wie der Alkohol Schritt um Schritt zur Persönlichkeitsveränderung führt und am Ende den Alltag dominiert. Bis zu drei Flaschen Wodka täglich konsumierte er in seiner schlimmsten Suchtphase. Es drehte sich alles nur noch um den Stoff.

Im Venn‘s Theater in Roetgen fand jetzt mit Bernd Thränhardt eine Lesung aus seinem Buch „Ausgesoffen – Mein Weg aus der Sucht“ statt. Knapp 30 Besucher erhielten einen unverstellten Einblick in das Leben eines Menschen auf der Überholspur, der sich zu Hause fühlt im Biotop der Genuss-Gesellschaft, ausgestattet mit unbeugsamen Selbstbewusstsein und dem Gefühl, „im Epizentrum des prallen Lebens“ angekommen zu sein. Aber diese Welt bricht immer mehr zusammen.

Das Buch legt einen traurigen und zugleich faszinierenden Lebenswandel offen, ehrlich und ohne Selbstmitleid. Der Leser nimmt geradezu schmerzhaft teil am tiefen, unaufhaltsamen Fall in die Alkoholsucht. Seine Spannung bezieht das Buch aber auch aus der Kombination der Beschreibung eines irrsinnigen Lebensabschnittes verbunden mit Einblicken in die gesellschaftliche Zeitgeschichte der 1990er Jahre.

Bernd Thränhardt erzählt, wie er sich selbst betrog, sich verabscheute und schließlich in der Suchtklinik landete. Der Wucht des Entzuges ausgeliefert, spielt er aber auch bei seinem Klinik-Kurzaufenthalt zunächst die Rolle des Alleskönners weiter. Tatsächlich ist er inzwischen auch finanziell ruiniert. Erst nach dem fünften Klinikaufenthalt beginnt sein neues Leben. Inzwischen wieder in sein Elternhaus zurückgekehrt, begibt er sich im November 2001 für drei Wochen ins Simmerather Krankenhaus. Danach ist er trocken.

„Ich habe den Kampf gegen den Alkohol aufgegeben“, erzählt Bernd Thränhardt nach der Lesung. Die Erkenntnis, dass er in diesem Kampf immer und immer wieder der Verlierer sein würde, sei für ihn der entscheidende Impuls gewesen, mit dem Trinken aufzuhören. „Ich habe ganz einfach kapituliert.“

Die Zuhörer haben viele Fragen, und einigen unter ihnen ist das Thema Alkoholsucht nicht neu. Dem Autor ist noch wichtig zu sagen, dass er den Aussteig ohne die dem Krankenhausaufenthalt sich anschließende Selbsthilfegruppe „nie geschafft“ habe.

Dass Alkoholsucht ein Problem ist, das weit über die öffentliche Wahrnehmung von prominenten Betroffenen oder offensichtlich Alkoholkranken auf der Straße hinausgeht, wurde an diesem Abend mehr als deutlich. Bernd Thränhardt: „Das ist das Tückische am Alkohol: Der Übergang vom Genuss zur Sucht ist schleichend. Da gibt es keine Vorwarnung.“

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