Roetgen - Lesung „Durch die Wand“: Von der Asylbewerberin zur Karriere-Frau

Lesung „Durch die Wand“: Von der Asylbewerberin zur Karriere-Frau

Von: P. St.
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Gemeinsam für mehr Toleranz: Ingrid Karst-Feilen (li.) vom Flüchtlingsrat Roetgen und Ingeborg Heck-Böckler von Amnesty International unterstützen mit dem Roetgener Bürgermeister Jorma Klauss und Pfarrer Köhne (re.) die Lesung aus dem Buch „Durch die Wand“ am Mittwoch, 11. Oktober, um 19.30 Uhr, in der evangelischen Kirche in Roetgen. Foto: P. Stollenwerk

Roetgen. Auf Initiative der Aachener Amnesty-Gruppe, des Roetgener Flüchtlingsrates und unter der Schirmherrschaft von Bürgermeister Jorma Klauss findet am Mittwoch, 11. Oktober, um 19.30 Uhr in der evangelischen Kirche in Roetgen, Rosentalstraße 8, eine Lesung statt. Aus dem Buch „Durch die Wand“ von Nizaqete Bislimi liest die Aachener Schauspielerin Annette Schmidt.

In ihrem Buch beschreibt Nizaqete Bislimi ihren Weg von der Asylbewerberin zur einer erfolgreichen beruflichen Karriere. Die Autorin liest derzeit nicht selbst, da sie sich im Mutterschutz befindet.

„Das wird eine sehr interessante Lesung“, warb Bürgermeister Jorma Klauss bereits im Vorfeld für die Veranstaltung. Er verspreche sich davon wichtige Impulse im Umgang mit Flüchtlingen. Es sei wichtig, immer wieder auf die Situation dieser Menschen hinzuweisen und Verständnis dafür zu wecken, „warum auch in Roetgen Flüchtlinge leben“.

Auf Thema hinweisen

Die Initiatoren der Lesung stellten jetzt im Roetgener Rathaus die Hintergründe der Veranstaltung näher dar. Ingrid Karst-Feilen vom Flüchtlingsrat Roetgen sagte, dass man nicht nachlassen dürfe, immer wieder auf das Thema Flüchtlinge hinzuweisen. Auch die anstehende Lesung solle „zum Dialog einladen“. Mit Blick auf Roetgen meinte sie, dass die Kooperation der verschiedenen Partner vor Ort sehr gut funktioniere.

Auch Pfarrer Wolfgang Köhne von der evangelischen Kirche Monschauer Land freute sich über das Zusammenwirken der Kräfte auf unterschiedlichen Ebenen.

Zu diesem Netzwerk gehört auch Amnesty International. Organisatorische Unterstützung für die Lesung in Roetgen leistet Ingeborg Heck-Böckler, die Vorstandsbeauftragte für Flüchtlingsschutz in NRW. Die Integration von Flüchtlingen sei eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, betont sie. „Es betrifft alle, und die Flüchtlingsproblematik begegnet uns ständig im Alltag.“

Für den musikalischen Rahmen der Lesung sorgen „Mah-e Manouche“ (Der Mond der Zigeuner) mit ihrer Weltmusik. Bei dem Duo handelt es sich um einen Mann und eine Frau aus dem Iran, die mit Gesang und Saiteninstrumenten die Veranstaltung begleiten.

Abenteuerliches Leben

Der Lebenslauf von Nizaqete Bislimi klingt wie ein Abenteuer: Sie hatte eine glückliche Kindheit und wuchs in der Geborgenheit einer Großfamilie auf, die mütterlicherseits den Roma angehörte; die Verwandten des Vaters waren Hashkali. Wie ihre albanischen Nachbarkinder ist sie muslimisch, besucht mit ihnen gemeinsam die Schule.

Doch Anfang der 1990er Jahre wachsen die Spannungen zwischen Serben und Albanern. Die Volkszugehörigkeit der Eltern wird nun zunehmend zum Auslöser von Diskriminierungen und Ausgrenzungen. 1993 wird das 14-jährige Mädchen mit Mutter und Geschwistern von Fluchthelfern außer Landes gebracht. Angekommen in Deutschland, wird weniger die Enge in den Flüchtlingsunterkünften zur Belastung für die Familie als vielmehr die existenzielle Sorge um die ungewisse Zukunft. Alle drei Monate müssen sie zum Ausländeramt, um ihre Duldung verlängern zu lassen und jedes Mal begleitet von der Angst, ob die Duldung verlängert wird oder ob die Abschiebung droht.

Erst 2007, also 14 Jahre später, erhielten Nizaqete und ihre Familie das Aufenthaltsrecht. Von Anfang an getrieben von einem Hunger nach Bildung, war die junge Frau zu dieser Zeit bereits Referendarin im Staatsdienst und sprach deutsches Recht. Nicht nur die Unsicherheit des geduldeten Aufenthaltes in Deutschland zermürbt sie, sondern auch ihre Abstammung. Nizaqete merkt, dass sie ein schlechtes Los gezogen hat: Sie ist nicht nur Flüchtling, sondern auch Roma.

Sie schämt sich für ihre Herkunft und verleugnet diese. Roma haben nicht nur in den Balkanstaaten mit Diskriminierung zu kämpfen, sondern begegnen überall Herabsetzung und Vorurteilen. Die Scham über ihre Herkunft verwandelt sich bei Nizaqete im Laufe der Jahre in Wut – und aus der Wut wächst für sie eine ungeahnte persönliche Stärke. Sie fasst noch im Asylbewerberheim den Entschluss, Anwältin zu werden. Nach dem Abitur studiert sie tatsächlich Jura und kämpft jetzt als Rechtsanwältin in Essen für das Bleiberecht von Asylbewerbern.

Diskriminierte Roma

Ihre ergreifende Geschichte hat Nizaqete Bislimi in dem packenden Buch „Durch die Wand“ niedergeschrieben – die Geschichte eines gesellschaftlichen Aufstiegs gegen alle Wahrscheinlichkeit. Bislimi sagt über ihr Leben: „Es gibt so viele erfolgreiche Roma in Deutschland. Doch die meisten geben sich nicht als Roma zu erkennen, aus Angst vor den alten Stigmata.“ Die Diskriminierung, die Roma in ihren Herkunftsländern auch heute noch erführen, sei meistens sehr schlimm. Kinder würden drangsaliert und dürften nicht zur Schule, die Minderheit werde von der Gesellschaft und vom Staat schlecht behandelt. „Dabei gelten bei uns diese Länder als sichere Herkunftsländer“, so Ingeborg Heck-Böckler.

Im Anschluss an die Lesung in der evangelischen Kirche Roetgen wird zu einem lockeren Austausch bei Brot und Wein eingeladen. Der Eintritt ist frei.

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