Leere Futterhäuschen: Wo sind nur die Vögel hin?

Von: Peter Stollenwerk
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Nur noch vereinzelt anzutreffen: Die heimischen Singvögel sind auch in der Eifel rar geworden und entsprechend dürftig ist auch der Besuch an den Futterhäuschen. Foto: Archiv/P. Stollenwerk

Nordeifel. Was ist los mit Kohl-, Blau-, Sumpf-, Hauben-, Tannenmeise? Wo ist der Feld- und Haussperling geblieben? Star, Zaunkönig, Rotschwanz und Eichelhäher machen sich auch äußerst rar. An vielen Futterhäuschen in der Eifel ist es einsam geworden. Die Hausbesitzer warten in diesem Winter oft vergeblich auf den Besuch der Singvögel, auch wenn das Körnerfutter noch so verlockend präsentiert wird.

Die Vogelschar bleibt einfach weg. Die Beobachtung, dass in den Eifeler Hausgärten zum Ende des Jahres 2016 die liebgewonnene Vogelwelt nicht präsent ist, haben bereits viele Naturfreunde gemacht.

Auch beim Naturschutzbund (Nabu) Aachen weiß man gleich, was Sache ist, denn zahlreiche besorgte Vogelliebhaber haben bereits nachgefragt, wo denn die gefiederten Freunde geblieben sind. „Das ist ein großes Thema in diesem Winter“, sagt Nabu-Mitarbeiterin Britta Mahn, aber erklären könne man sich das Phänomen bislang auch nicht. Betroffen davon sei, gemessen an den bisherigen Anfragen, die gesamte Region Aachen.

Dennoch betreibt man auch beim Nabu Ursachenforschung und bringt die klimatisch verschobenen Jahreszeiten oder auch den extrem heißen September als Erklärungsversuche ins Spiel. Auch sei wegen des bislang spärlichen Frostes noch ein üppiges Nahrungsangebot in der freien Natur vorhanden. Die „noch ausreichend vorhandenen Heckenfrüchte“ seien zudem für die Vögel attraktiver als die nicht immer taufrischen Körner und Kerne in den Futterhäuschen.

Intensiv mit der abnehmenden Zahl der heimischen Singvögel hat sich auch Eike Lange, der 1. Vorsitzende des Nabu Aachen-Land aus Würselen, beschäftigt. In diesem Jahr sei der Rückgang in der Tat besonders markant, auch wenn sich diese Entwicklung bereits in den Vorjahren angedeutet habe. Diese Beobachtung gelte allgemein und nicht nur für bestimmte Gebiete.

Lange macht für den Rückgang auch das Usutu-Virus verantwortlich. 2010 wurde das tropische Virus, das durch Stechmücken auf Vögel übertragen wird, erstmalig in Deutschland festgestellt. Nachdem in den Jahren 2013 bis 2015 kein größerer Ausbruch einer Usutu-Epidemie in Deutschland festgestellt werden konnte, seien 2016 wieder viele Fälle gemeldet worden.

Wesentlicher ist für Eike Lange aber der dramatische Rückgang bei den Insekten. Er nimmt Bezug auf eine in diesem Frühjahr vom Nabu Deutschland vorgestellte Untersuchung, wonach die Zahl der Fluginsekten in den zurückliegenden 15 Jahren um 80 Prozent geschrumpft sei. An 88 Stationen in NRW waren im genannten Zeitraum Fluginsekten gesammelt und anschließend gewogen worden. Eine eindeutige Ursache für das Insektensterben konnte der Nabu nicht nennen. Der Klimawandel und Vergiftungen in der Umwelt, ausgelöst durch die Schädlingsbekämpfung in der Landwirtschaft, werden als Verdachtsmomente angenommen.

Das Insektensterben, erläutert Eike Lange, habe direkte Auswirkungen auf die Nahrungskette der Vögel: „Die können ihre Jungen nicht aufziehen.“ Bereits im Sommer würden die meisten Jungvögel somit sterben; von den meisten Menschen würde der Verlust aber erst in den Wintermonaten bemerkt, weil die Futterhäuschen nicht mehr frequentiert würden.

Lange berichtet von Gesprächen mit Landwirten in der Region, die früher dreimal im Jahr auf ihren Flächen Schädlingsbekämpfungsmittel eingesetzt hätten; inzwischen reiche es oft mangels Masse, einmal Chemie einzusetzen. Und noch eine Alltagsbeobachtung ist für ihn bezeichnend: „Wenn man früher im Sommer von Köln nach Berlin fuhr, musste man unterwegs dreimal anhalten, um die Windschutzschreibe von toten Insekten zu reinigen. Das ist heute kein Thema mehr.“

Schon seit Jahren, so der regionale Nabu-Vorsitzende, sei für ihn der Rückgang der heimischen Vogelarten signifikant, was er auch immer wieder bei Spaziergängen in der Natur feststelle: „Im Wald ist es still geworden. Man hört kaum noch Vögel.“

Der Rückgang der Singvögel ist auch in der Nordeifel ein Thema, wie Günter Krings, jahrzehntelanger Naturbeobachter und Vogelexperte aus Dedenborn, aufgrund vieler Reaktionen aus der Bevölkerung in den zurückliegenden Wochen bestätigen kann: „Das habe ich auch noch nicht erlebt. Ich werde häufig darauf angesprochen, dass vor allem die Kohlmeisen verschwunden sind, aber die Gründe sind mir nicht bekannt.“

Das nasse Frühjahr könne eine Ursache für das Vogelsterben sein, da dadurch die Brut nicht überlebt habe, gibt Krings eine denkbare Erklärung. „Belege dafür gibt es aber nicht.“ Immer kleiner werdende Grundstücke in den Orten und der Rückgang an heimischen Hecken trügen aber mit Sicherheit dazu bei, dass die Lebensbedingungen für die heimische Vogelwelt schwieriger geworden seien.

In seinem eigenen Garten, in Waldnähe, berichtet Günter Krings, herrsche übrigens noch reges Vogelgezwitscher. Am vergangenen Donnerstagmorgen waren nach seiner Beobachtung am Futterhaus zwei Blaumeisen, zwei Sumpfmeisen, zwei Heckenbraunellen, fünf Amseln, drei Eichelhäher, zwei Elstern, ein Zaunkönig und ein Gimpel anwesend.

Fast alle Wintervögel fanden sich also ein, bis auf Kohlmeisen und Buchfinken. Für das Fehlen der Buchfinken hat Krings eine schlüssige Erklärung: In den Buchenhecken des Monschauer Landes hielten sich oft Schwärme mit mehr als 50 Buchfinken auf, die aufgrund der diesjährigen Überfülle von Bucheckern hier ein ideales Nahrungsangebot fänden.

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