Roetgen/Aachen - Kunstinstallation: Leicht, schwer und leuchtend

Kunstinstallation: Leicht, schwer und leuchtend

Von: P. St.
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Die beiden Künstlerinnen Claudia Merx (li.) und Hildegard Zieger zeigen eine gemeinsame Installation in der Pfarrkirche Roetgen. Foto: P. Stollenwerk
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Hoch hinaus geht die Installation mit dem Titel „Es sterben immer nur die anderen“ in der Pfarrkirche Roetgen. Die Arbeit lässt viel Platz für Interpretation. Foto: P. Stollenwerk

Roetgen/Aachen. Nicht auf den Altar und nicht auf das Kruzifix im Chorraum fällt der Blick des Besuchers, wenn er in diesen Tagen die katholische Pfarrkirche St. Hubertus in Roetgen betritt. Das Auge wird vielmehr angezogen von einer bemerkenswerten Kunstinstallation, die die Optik des Gotteshauses dominiert.

Der Blick wandert von einem geradezu leuchtenden Ring aus Glasscherben, auf dem Marmor der Kirchenbodens liegend, hinauf an einer konisch verlaufenden textilen Röhre, einer Engelstrompete gleich, bis unter das mehr als zehn Meter hohe Chorgewölbe.

Ohne zu wissen, was hier eigentlich los ist, entfaltet die stattliche Installation auf den Betrachter eine direkte emotionale Wirkung, die ihn staunen lässt, überrascht, auf jeden Fall aber einmal kräftig durchatmen lässt, wenn er die Dimension der Arbeit vom Boden bis zur Decke erfasst hat. Das pointierte Raumlicht im Kirchengebäude lässt das Werk regelrecht erstrahlen. Von der Orgel-Empore aus betrachtet, wirkt die Installation wie ein riesiger Sektkelch.

„Es sterben immer nur die anderen“, lautet der Titel der Installation, eine gemeinsame Arbeit der beiden Aachener Künstlerinnen Claudia Merx und Hildegard Zieger. Die Installation bildet das Startsignal für eine Ausstellungsreihe unter dem Projekttitel „abgelegt- was bleibt“, die in diesem Jahr an insgesamt vier Orten im Raum Aachen stattfindet. Die Initiative dazu ging von der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Aachen aus, die 2015 ihr 60-jähriges Bestehen feiert.

Zur Vernissage der Ausstellungsreihe in der Pfarrkirche Roetgen betrachtete Dr. Karl Allgaier, der Direktor der Bischöflichen Akademie Aachen, vor zahlreichen Gästen das Kunstwerk in Korrespondenz zu seiner räumlichen Umgebung und interpretierte dessen starke Aussagekraft.

„Die Besucher waren sehr angetan von der Installation; es war mucksmäuschenstill“, freut sich auch Marion Behrend vom Leitungsteam der Pfarre Roetgen, über den gelungenen Start der Ausstellungsreihe. Sie hofft, dass die temporäre Veränderung des Kirchenraumes bei den Gläubigen Gedanken, Gespräche und Emotionen auslöst.

„Es bleibt immer etwas hängen, auch von den Dingen, die man aus der Ferne erlebt“, erläutert Claudia Merx den Kern ihrer textilen Installation. „Auch wenn unser Verdrängungsmechanismus funktioniert, bleiben die Erinnerungen immer bestehen“, lautet die Überzeugung der Künstlerin. Im Titel der gesamten Ausstellungsreihe „abgelegt – was bleibt“ nimmt sie diesen Gedanken auf: „Ich möchte den Besuchern etwas mitgeben und selbst etwas hier lassen.“

Ein lebendiger Prozess

Beim verwendeten Material handelt es sich um Mullbinden. Das filigrane und leichte Material lässt die gesamte Arbeit durchlässig und transparent erscheinen. Die Form erinnert an einen Trichter, einen Strudel und die dynamische Sogwirkung kann man regelrecht spüren. Der handelsübliche Verbandsmull ist aber auch von der Oberfläche her ein raues Material.

„Das Leben ist eben nicht glatt“, sagt Claudia Merx. Es lässt sich leicht erahnen, mit welch hohem Arbeitsaufwand die Installation verbunden war, wobei Claudia Merx nicht von einer Geduldsarbeit sprechen möchte. „Das war mehr eine Ausdauerarbeit.“ Gerade durch die monotone Tätigkeit sei immer wieder die Auseinandersetzung mit der Arbeit in Bewegung gesetzt worden. „Das war ein lebendiger Prozess.“

Das textile Objekt endet kreisrund unter der Chorhallendecke. Der Durchmesser dieses Kreises ist exakt so groß wie der auf dem Kirchenboden platzierte Ring aus zerstückeltem Diamantglas.

„Die Gegensätzlichkeit und Unterschiedlichkeit der beiden Materialien unterstreicht unsere eigene Verletzlichkeit“, sagt die Glaskünstlerin Hildegard Zieger. Im zerkleinerten Zustand erfülle das Glas nicht mehr seine ursprüngliche Funktion, „aber jedes Einzelstück ist wiederum durchsichtig“, lenkt die Künstlerin den Blick aufs Detail.

Rund 60 Kilogramm Glas wurden für die Installation angeordnet, und die besondere Strahlkraft des Diamantglases entfaltet im Kirchengebäude eine faszinierende Wirkung. „Leichtes und Schweres gehören zusammen“, sagen die beiden Künstlerinnen, die sich zufällig kennenlernten und sich mit ihrer künstlerischen Kooperation und der Arbeit „Es sterben immer nur die anderen anderen“ auf einen gemeinsamen Weg eingelassen haben, auch wenn man getrennt arbeitete. Zwei Jahre suchte man, um einen passenden Raum für die Arbeit zu finden.

Bestens aufgehoben in der Roetgener Pfarrkirche sieht auch Ruprecht van de Weyer die Kunstinstallation. Er ist Pfarrvikar in Roetgen und zugleich Vorsitzender der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit in Aachen. Den Titel der Arbeit sieht er auch in einem direktem Zusammenhang zum nahenden Osterfest, und wie unterschiedlich die assoziative Wirkung einer Kunstinstallation sein kann, macht der Seelsorger an seiner persönlichen Wahrnehmung deutlich, der sich an „Rauch, der aus einem Krematorium aufsteigt“, erinnert fühlt.

Im Kirchengebäude sei durch die neue Anordnung der Bänke Platz geschaffen worden, wodurch die Arbeit noch einmal ganz besonders in den Blickpunkt gerückt werde, sieht van de Weyer die Auseinandersetzung der Kirchenbesucher als geradezu unausweichlich an.

An den drei weiteren Ausstellungen im Laufe des Jahres im Stadtgebiet Aachen (s. Box) wird Claudia Merx ebenfalls beteiligt sein. Die nächste Station ist die Synagoge in Aachen. „Das wird eine heftige Angelegenheit“, weiß die Künstlerin jetzt schon. Diese Ausstellung werde ihre eigene Persönlichkeit tief berühren, gehe es doch dabei auch vor dem Hintergrund aktueller Ereignisse in Paris um die Themen Meinungsfreiheit und Dialog.

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