Kundenstamm der Monschauer Tafel wächst

Von: Heiner Schepp
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Schon Stunden vor der Ausgabe finden sich die ehrenamtlichen Tafel-Helferinnen im Himo ein, um die Kisten für die Kunden zusammenzustellen. Foto: Heiner Schepp
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Die Ausgabetage der Tafel sind für viele Menschen Fluch und Segen zugleich. Zum einen bekommen sie hier für vergleichsweise kleines Geld Lebensmittel und Dinge des täglichen Lebens, die sie sich so sonst nicht leisten können. Andererseits dokumentiert die Tatsache, dass sie hier einkaufen dürfen, dass sie zu den Ärmsten in unserer Gegend gehören. Und das möchte niemand öffentlich machen. Foto: Imago/Thomas Müller

Nordeifel. Für Hilde P. (Name geändert) ist es jeden Donnerstag ein schwerer Gang. Und dies nicht, weil die 72-Jährige dann mit dem Bus den beschwerlichen Weg nach Imgenbroich auf sich nehmen muss und „oft der halbe Tag dafür draufgeht“, wie sie es nennt. Nein, für die Rentnerin ist der Donnerstag ein Greuel, „weil ich dann meine Almosen abhole“, sagt sie leise.

Gemeint ist damit die Kiste mit Lebensmitteln, die Hilde P. Woche für Woche bei der Monschauer Tafel bekommt. Zwei Euro legt die 72-Jährige für eine Kiste voll mit noch knackigem Obst und Gemüse und allerhand anderen Lebensmitteln auf die Theke des etwas anderen Lebensmittelladens im Trakt B1 des Imgenbroicher Handwerkerzentrums. Schon deshalb ist es kein Almosen im Wortsinne, der damit eine „materielle Mildtätigkeit ohne materielle Gegenleistung“ meint.

Aktuell 600 Kunden

Die Seniorin aus dem Dorf in der Nähe von Simmerath ist einer von aktuell rund 600 Kunden der Monschauer Tafel, die auch in einer Region mit extrem niedriger Arbeitslosigkeit und vergleichsweise hohen Einkommen (siehe Box) einen stetig steigenden Kundenstamm verzeichnet. „Das sind Rentner, die oft gerade mal 350 Euro zum Leben haben, das sind Arbeitslose und Alleinerziehende, aber das sind auch Geringverdiener, die mit ihrem Lohn nicht ihre Familie ernähren können“, zählt Georg Kaulen auf.

Und deshalb wächst ständig auch die Bedeutung der Tafel, die auf ebenso einfache wie geniale Weise die Bedürftigkeit von Menschen am Rande unserer Gesellschaft mit dem Überangebot von Lebensmitteln im etwa gleichen Lebensraum kurzschließt. 900 Tafeln gibt es bereits überall in Deutschland, in den Städten wie auf dem Land, und seit 2007 auch in der Nordeifel. Die Tafeln bemühen sich um einen Ausgleich: Sie sammeln „überschüssige“, aber qualitativ einwandfreie Lebensmittel und geben diese an Bedürftige weiter. Tausende ehrenamtliche Helferinnen und Helfer, Spender und Sponsoren machen es möglich.

Fast alle Tafeln eint ihr wachsender Kundenstamm, vor knapp zehn Jahren noch zögerlich steigend, in den letzten Jahren rasanter. 117 Familien mit 263 bedürftigen Personen zählte man, als 2007 die Monschauer Tafel sozusagen als Filiale der Stolberger Tafel ihre Arbeit aufnahm. 2011 waren es schon 350 Bedürftige, die – damals nur samstags – die günstigen Lebensmittel in Imgenbroich (seinerzeit noch neben dem Sparkassengebäude an der Trierer Straße) einkaufen durften. Zwei Jahre später waren es schon 120 sogenannte Bedarfsgemeinschaften (Familien, Paare, andere Lebensgemeinschaften) mit rund 400 Menschen, so dass die seit 2009 eigenständige Monschauer Tafel auf drei Ausgabetage (Dienstag, Donnerstag für Renter und Samstag) aufstockte.

Dass die Zahl der Tafelkunden dann in den Folgejahren geradezu dramatisch kletterte, hing unmittelbar mit geflüchteten Menschen zusammen, die auch in die Nordeifel kamen und in Erstaufnahmeeinrichtungen auf ihr Asylverfahren, ihre Zuweisung oder auch auf ihre Rückführung warteten. „Eigentlich waren die Flüchtlinge für uns Tafeln keine Bedürftigen im eigentlichen Sinne, da sie ja in den Unterkünften in Monschau und Simmerath versorgt wurden“, blickt Georg Kaulen, seit 2011 Leiter der Monschauer Tafel, zurück.

Da die hiesige Tafel jedoch mit Lebensmittelspenden von allein 14 Geschäften (überwiegend große Lebensmitteldiscounter wie Aldi, Lidl, Real, Kaufland, Netto und Rewe in allen drei Nordeifelkommunen) geradezu gesegnet ist, habe man damals rasch entschieden, auch diese Menschen zu den gleichen Konditionen mit gut erhaltenen Lebensmitteln zu versorgen. Und die Menschen aus Syrien, Afghanistan, afrikanischen Ländern und auch aus Südosteuropa machten für die Tafelqualität gerne ihr Taschengeld locker.

So wuchs der Kundenstamm bereits im November 2014, als die ersten Flüchtlinge in der Jugendherberge Hargard untergebracht wurden, auf 550 bis 600 Personen und machte mit Öffnung der Unterkünfte in Monschau (Haag und Funk) und Simmerath (BGZ und Einruhr) im Herbst 2015 einen weiteren Sprung auf 650 Kunden. Der Höhepunkt war dann Anfang bis Mitte 2016 erreicht, als zeitweise 800 Menschen mit dem Essen von der Tafel versorgt wurden und den Wartebereich im Himo bevölkerten. „Da sind wir da schon an unsere Grenzen gekommen“, bekennt Georg Kaulen. Zu dieser Zeit – aber nur zu dieser Zeit – sei es auch mal zu verbalen oder auch kleineren handgreiflichen Auseinandersetzungen unter den Kunden gekommen, wenn diese teilweise vier Stunden auf die Ausgabe hätten warten müssen.

Inzwischen hat sich die Zahl der Kunden wieder bei 600 eingependelt, die sich auch recht gut auf die drei Ausgabetage verteilen. So entstünden heute Wartezeiten von maximal zwei Stunden, berichtet Kaulen, „die Frauen hier tun, was sie können“, lobt der Tafel-Vorsitzende.

Das Ausgabesystem ist sehr fair geregelt, denn jeder, der zu Beginn der Ausgabezeit vor Ort ist – und das ist der ganz große Teil der Kunden –, erhält eine Nummer. Die Ausgabereihenfolge wird dann ausgelost. Vordrängeln wäre ohnehin sinnlos, „denn wir haben grundsätzlich genug Ware hier – auch noch für den Letzten, der an der Reihe ist“, so Kaulen.

Die Kunden erhalten dann für zwei Euro (für Alleinstehende oder Paare) oder vier Euro (für eine Familie) eine kleine oder große Kiste, die Stunden vor der Ausgabe von den fleißigen Tafelhelfern aus dem vorhandenen Lebensmitteln zusammengestellt wird.

Und das kann sich wahrlich sehen lassen. „Das haben wir heute Morgen von den beiden Lidl-Filialen bekommen; war offenbar eine zu große Lieferung“, sagt Georg Kaulen und deutet auf drei Paletten mit knackigem grünem Spargel, frischen Erdbeeren und Eisbergsalat. Im Kühlraum steht eine Palette hochvoll mit Zentis-Marmelade, die noch bis Mitte 2018 haltbar ist. „Nur weil das Etikett abgegangen ist, wird die Ware aussortiert – und für uns und unsere Kunden zum Glücksfall“, sagt der Tafel-Chef.

Georg Kaulen „lebt“ den Tafel-Gedanken – so wie die 65 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, deren Durchschnittsalter er auf „über 70“ schätzt. Sie alle arbeiten ohne einen Cent Lohn, nicht mal die Fahrt nach Imgenbroich wird erstattet. Ansonsten wäre das Projekt Tafel nicht tragbar. Auch wenn es neben den Lebensmittelgebern immer wieder großzügige Spenden (Business-Run, Wirtschaftstag, Lions-Club und viele mehr) und sogar „Dauerunterstützer mit monatlichen Spenden zwischen zehn und 150 Euro gibt, bleibt nicht viel übrig. Die Räume im Himo kosten über 1000 Euro Miete plus Verbrauchskosten und sind mit Mobiliar – hauptsächlich Regalen – und hochwertigen Kühlsystemen ausgestattet. Der Kleinbus, der jährlich 40.000 Kilometer dreht, will ebenso unterhalten sein wie ein weiteres, kleineres Fahrzeug.

„Immerhin aber bleibt immer etwas übrig, um die Mitarbeiter zweimal im Jahr zu einem gemütlichen Abend und einem Grillfest einzuladen“, sagt Georg Kaulen, der auf eine neue Leistung seiner Helferinnen verweist: „Immer häufiger packen unsere Frauen die Kisten und nehmen sie nach der Arbeit einfach mit zu den Kunden in ihrem Heimatort, die ansonsten nicht nach hier geraten“, erzählt er und ergänzt: „...oder geraten wollen“. So wie Hilde P., die ihre Ration seit kurzem sozusagen frei Haus geliefert bekommt. Denn dann sieht auch niemand, dass die 72-Jährige die Tafel zum Leben braucht.

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