„Kinder reifen eben nicht wie Pfirsiche”

Von: Sarah Maria Berners
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Simmerath. Warum kannst Du nicht laufen? Warum sprichst Du nicht? Das sind Fragen, die Kinder ganz selbstverständlich und unvoreingenommen stellen. „Mit drei Jahren haben Kinder noch keine Vorbehalte gegenüber behinderten Menschen”, weiß Margot Fietzek, Leiterin der integrativen Kindertagesstätte Sonnenblume.

„Die Kinder lernen hier, dass jeder Mensch anders ist, und dass jeder Mensch Stärken und Schwächen hat. Ich hoffe, dass sich das in ihrem Leben fortsetzt.”

Viele Vorbehalte

Nicht ganz so vorbehaltlos stehen Erwachsene Menschen mit Behinderung gegenüber, und deswegen gibt es immer wieder auch Vorbehalte gegenüber integrativen Kindertagesstätten, in denen die sogenannten Regelkinder ihren Tag gemeinsam mit Kindern, die einen erhöhten Förderungsbedarf haben, verbringen.

„Manche Eltern haben beispielsweise Sorge, dass eine integrative Kindertagesstätte geringere intellektuelle Ansprüche stellt. Andere glauben gar, dass hier nur schwer erziehbare Kinder hingehen”, berichtet Fietzek.

„Wir haben im Grundsatz das gleiche Programm wie andere Einrichtungen und auch vom intellektuellen Anspruch stehen wir auf einer Ebene”, betont die Kita-Leiterin. „Schließlich dürfen wir die Kinder weder über-, noch unterfordern.” Wo es nötig und sinnvoll ist, wird in homogenen Gruppen gelernt. Nicht Gleichmacherei, sondern Integration ist das Ziel.

Autistische Kinder, Kinder mit Down-Syndrom oder aber auch mehrfach Schwerstbehinderte Kinder können in einer integrativen Kita aufgenommen werden. Viele der geförderten Kinder sind jedoch - wie es im Amtsdeutsch heißt - von Behinderung bedroht. Das heißt, dass sie Entwicklungsrückstände im Vergleich zur Norm aufweisen. Würden keine Therapien erfolgen, könnte sich daraus eine Behinderung entwickeln. „Je früher man mit einer Therapie beginnt, desto besser können wir die Gesamtentwicklung des Kindes beeinflussen”, erklärt Fietzek (siehe Box).

Fragen wie „Kann sie immer noch nicht laufen?” oder „Spricht er noch nicht?”, setzen Eltern häufig unter Druck. Ob tatsächlich ein erhöhter Förderungsbedarf besteht, können Ärzte und Therapeuten herausfinden. „Kinder reifen eben nicht wie Pfirsiche”, betont die Kita-Leiterin.

Alle profitieren

Die Pädagogin ist davon überzeugt, dass alle Kinder von der Gemeinschaft einer integrativen Kita profitieren. Die Vorteile für die besonderen Kinder liegen auf der Hand. Sie sind fester Teil einer Gemeinschaft, die nicht ihre Schwächen sondern ihre Stärken in den Vordergrund stellt. So kann ein Kind sich vielleicht nicht gut bewegen, dafür aber besonders gut singen.

Kann ein Kind in der Gruppe nicht laufen, dann wird das Spiel eben von „Nachlaufen” in „Nachkrabbeln” umfunktioniert und alle können mitmachen. Durch diese Teilhabe wird das seelische Leid gemindert, das Selbstvertrauen gestärkt.

In der „Sonnenblume” gibt es zwei Gruppen mit jeweils 15 Kindern. Zehn davon sind sogenannte Regelkinder, fünf haben einen erhöhten Förderungsbedarf. Anders als in anderen Kindertageseinrichtungen sind in integrativen Kitas drei Betreuer für jede Gruppen da, in anderen Kitas sind es zwei Betreuer für 25 Kinder. Festangestellt im Kita-Team sind zudem zwei Logopädinnen und eine Krankengymnastin.

Kinder, die Entwicklungsrückstände auf motorischer oder sprachlicher Ebene aufweisen - häufig gehen diese miteinander einher - können direkt in der Kita gefördert werden. „Das hat für die Kinder viele Vorteile”, weiß Fietzek.

„Zum einen müssen sie nicht am Nachmittag von einer Therapie zur nächsten gebracht werden und zum anderen können die Therapeutinnen in der Kita auch dabei helfen, dass das Gelernte auch im Alltag umgesetzt wird.”

Vier Stunden nehmen die Kinder, die einen besonderen Förderbedarf haben, wöchentlich an Therapien teil. Das Ziel ist ein höchstmögliches Maß an „lebenspraktischer Selbstständigkeit”.

Gerade die Eltern von behinderten Kindern hätten häufig Angst, ihre Schützlinge in die Obhut anderer Menschen zu geben. Dabei sei dies besonders wichtig, damit die Eltern Kraft für die gemeinsame Zeit mit dem Kind tanken könnten. „Eltern können ihr Kind begleiten und sich unsere Einrichtung ansehen”, bietet Fietzek an.

Ein Plan von „anders sein”

Auch für die anderen Kinder sieht Fietzek viele Vorteile. „Die Kinder können hier einen Plan von ´anders sein´ entwickeln”, betont die Erzieherin. Die Kinder würden lernen zu helfen und Rücksicht auf andere zu nehmen. Außerdem übernähmen sie ein gesundes Maß an Verantwortung.

Margot Fietzek ist zudem davon überzeugt, dass das Leben in einer integrativen Kita auch der Intelligenz förderlich ist. „Die Kinder müssen sich beispielsweise Wege zur Verständigung überlegen und sie müssen Spielregeln modifizieren, damit alle mitmachen können. „Immer wieder müssen praktische Lösungsweg, beispielsweise für einen Rollifahrer, gesucht werden.”

Integrierbarkeit hat jedoch ihre Grenzen. Diese Grenzen bestimmt das Kind selber. Es sei beispielsweise nicht sinnvoll, ein autistisches Kind mit zu einer Märchenaufführung zu nehmen. „Das wäre für das Kind nicht gut. Es würde sich dort nicht wohl fühlen”, betont Fietzek.

Immer wieder erleben sie und ihre Kolleginnen besondere Momente, die das Konzept der integrativen Kindertagesstätte bestätigen: „Ein Kind, dass nur liegen konnte, als es in die Kita kam, verlies diese Räume später laufend und mit dem Schulranzen auf dem Rücken”, erzählt Fietzek. Ein bewegender Moment für Familie und Erzieherinnen.
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