Keine Sternstunde für Ghana

Von: Mischa Wyboris
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„Wenn Fußball ist, ist Party”: Kwame Sey tippt auf eine 1:2-Niederlage seiner „Black Stars” gegen die deutsche Nationalmannschaft, die gerade Weltmeister wurde, als er nach Deutschland Foto: Mischa Wyboris

Nordeifel. 1990. Kwame Sey hat genug. Genug von den Soldaten überall in Tantan, dem Dorf im Südwesten Ghanas, in dem er lebt. Genug vom Militär-Regime, das die Bürger auf den Straßen herumkommandiert. Er tritt die Flucht an, bittet in Deutschland um Asyl.

Dann die Erleichterung: Er darf bleiben. Seine Frau und seine Tochter folgen wenig später.

Im Wohnzimmer flimmert der Fernseher. Torjubel aus 8600 Kilometern Entfernung erfüllt den Raum, Chile hat gegen Honduras getroffen. „Endlich mal ein gutes Spiel”, sagt Sey. Der 42-Jährige verfolgt die Weltmeisterschaft 2010 in Südafrika mit großem Interesse. Mit seinem grünen Ghana-Trikot sitzt er auf dem Sofa in seiner Aachener Wohnung und philosophiert über die schwachen ersten Auftritte der vermeintlichen Favoriten dieser WM. „Viele drehen noch auf. Die Teams müssen sich erst kennenlernen.”

Sey kannte niemanden, als er nach Deutschland kam. Im Aachener Haus „Maria Rast” lernte er mühsam Deutsch, arbeitete sich buchstäblich nach vorne, machte erst ein Praktikum und dann eine Ausbildung bei Regionalverkehr Euregio Maas-Rhein. Heute ist er Busfahrer beim RVE und tourt bis Simmerath und Monschau. Nette Kollegen und gute Freunde hat er längst gefunden, sagt er. Sey ist ein aufgeschlossener Mensch, er liebt die Harmonie.

Aus den Lautsprechern des Fernsehers dringt das wespenschwarmartige Gebrumme der Vuvuzelas ins Wohnzimmer. Für europäische Ohren nicht gerade harmonisch - trotz allen Einklangs. Kwame Sey findet nichts Schlimmes an den Tröten. „In Afrika sind die Leute eben anders”, sagt er. „Sie sind lauter, und das Leben findet viel mehr draußen statt.” Erst recht bei der Fußball-WM. In Ghana ist „Public Viewing” ja nichts Neues. „Es hat bei weitem nicht jeder im Dorf einen Fernseher. Also treffen sich alle, um das Spiel zusammen zu gucken. Wenn Fußball ist, ist Party.”

Das gilt für Ghana wie für Deutschland. Das letzte Gruppenspiel seiner „Black Stars” gegen seine Wahlheimat verbringt er mit Freunden zu Hause vor dem Fernseher. Deutschland gegen Ghana, das gab´s noch nie. Nur „eins gegen eins”, vor der WM, in der englischen Liga. Da hatte der ghanaische Nationalspieler Kevin-Prince Boateng den deutschen Team-Kapitän Michael Ballack mit einem Foul so böse verletzt, dass letzterer jetzt zum Fernsehen verdammt ist. „Das tut mir sehr leid, aber ich glaube nicht, dass es Absicht war. Das ist Berufsrisiko”, sagt Sey.

Er bezeichnet sich als Fan des DFB-Teams, lobt Podolski & Co. in höhere Sphären. Aber heute hält er dann doch zu Ghana - ohne sich große Illusionen zu machen. „Deutschland ist viel zu stark. Ghana verliert mit 1:2, aber es wird richtig schöner Fußball.”

2010. Kwame Sey hat genug. Genug Freunde, genug Rückhalt von seiner Frau und seinen vier Kindern. Als er vor 20 Jahren nach Deutschland kam, war seine Zukunft ungewiss. Dass das DFB-Team gerade Weltmeister wurde, war ihm egal.

Und heute? Ob die Ghanaer die Vorrunde überstehen, auch wenn sie verlieren sollten? Ob Deutschland wieder schöne(re)n Fußball spielt?

„Ich weiß es nicht. Lass uns einfach gucken.” Genau. Heute Abend um 20.30 Uhr beginnt das Spiel. Ein „Finale” ist es für beide Mannschaften.
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