Monschau - „Karriere mit Lehre“: Konkreter Einblick in die Berufswelt

„Karriere mit Lehre“: Konkreter Einblick in die Berufswelt

Von: aj
Letzte Aktualisierung:
8847436.jpg
Informierten die Neuntklässlerinnen der Mädchenrealschule St. Ursula über die Ausbildungs- und Karrieremöglichkeiten nach dem Realschulabschluss (v. li.): Michèle Bastigkeit (Ausbildung beim Finanzamt Aachen), Heinz Thoma (Ausbilder beim Finanzamt Aachen), Uwe Kulow (Finanzamt Aachen), Bettina Vorwerk (Ausbilderin beim Dalli-Werk Stolberg), Isabelle Schwarzkopf (Ausbildung beim Dalli-Werk Stolberg), Gerd Maaßen (Berufsberater der Agentur für Arbeit) und Wolfgang Ophoven (Lehrer an der Mädchenrealschule St. Ursula). Foto: A. Jansen

Monschau. „Ohne Abitur und Studium hat man heutzutage keine Chance mehr auf dem Arbeitsmarkt!“ Dieser Satz kommt vielen Schülern und Eltern wohl bekannt vor. Doch das ist nicht immer der richtige Weg, denn „Karrieremachen“ kann auch anders gehen wie jetzt eine berufsberatende Veranstaltung der Mädchenrealschule St. Ursula zeigte.

„Karriere mit Lehre“ lautete das Motto, das knapp 50 Schülerinnen der neunten Klassen und deren Eltern in den Mehrzweckraum der Schule lockte. Dort wurden sie von Lehrer Wolfgang Ophoven begrüßt, der betonte, dass „Karriere nur mit Abitur und Studium“ ein weit verbreitetes Vorurteil sei. Aber egal, wie es nach der zehnten Klasse weitergehen soll, alles muss im Vorfeld gut durchdacht und rechtzeitig geplant werden, denn Ophoven machte seine Zuhörer auf „KAoA“ aufmerksam. Diese Abkürzung steht für „Keinen Abschluss ohne Anschluss“ und bedeutet, dass ein nahtloser Übergang von der Realschule in eine berufliche oder schulische Ausbildung gesetzlich verpflichtend ist.

Gerd Maaßen, Berufsberater der Agentur für Arbeit, sprach sich ebenfalls für die Option Lehre aus. Das deutsche Ausbildungssystem sei sehr gut, was die geringe Jugendarbeitslosigkeit belege. Außerdem habe man auch nach einer abgeschlossenen Berufsausbildung die Möglichkeit zu studieren, so Maaßen. Denn was viele nicht wissen: mit einem Ausbildungsabschluss und drei Jahren Berufserfahrung ist man zu einem Studium zugelassen – auch ohne Abitur.

In Deutschland gibt es etwa 360 Ausbildungsberufe, 200 davon können in unserer Region ergriffen werden. Ob kaufmännischer Bereich und Verwaltung, wissenschaftlicher Bereich, Handwerk, Logistik oder kreative Berufe, die Möglichkeiten sind vielfältig. Deshalb sollte man früh genug, am besten in der neunten Klasse, überlegen, welche Richtung man einschlagen möchte.

Dabei spielen viele Faktoren eine Rolle: Fähigkeiten und Talente, persönliche Interessen, die Lage auf dem Arbeitsmarkt sowie finanzielle Möglichkeiten, aber auch Familie und Freunde beeinflussen die Entscheidung und machen sie zu einem komplexen Prozess. An die Eltern gewandt sagte Maaßen: „Oft wird den Kindern gegenüber Leistungsdruck und eine gewisse Erwartungshaltung aufgebaut, damit die Kinder einmal das verwirklichen können, was die Eltern nicht geschafft haben.“ Natürlich sollten die Eltern in die Berufswahl mit einbezogen werden, da sie die Stärken und Schwächen ihrer Sprösslinge kennen, doch dürften sie die Kinder nicht in ein bestimmtes Berufsfeld drängen, erklärte der Berater.

Um diese Erklärungen mit Leben zu füllen, hatten die Organisatoren zwei Ausbilder und zwei Auszubildende eingeladen, die die wichtigsten Fragen rund um Ausbildung und Karrierechancen in einem Interview mit Wolfgang Ophoven beantworteten.

So stellten zunächst Bettina Vorwerk, Ausbilderin im Dalli-Werk Stolberg, und Heinz Thoma vom Finanzamt Aachen die Möglichkeiten in ihren Häusern vor. „Die Ausbildungsmöglichkeiten bei uns sind sehr vielschichtig. Wir bilden Industrie-, Einzelhandels- und Informatikkaufleute, Chemikanten, Chemielaboranten, Mechatroniker und teilweise auch Fachinformatiker aus“, zählte Vorwerk auf. Die Chancen auf eine Übernahme in den Betrieb lägen bei rund 90 Prozent, da „nach Bedarf ausgebildet wird“.

Wichtige Kriterien, die es für Bewerber zu erfüllen gilt, sind zum einen die Noten, besonders in den Fächern, die den Schwerpunkt der jeweiligen Ausbildungsrichtung bilden. „Aber ich bevorzuge oft einen guten Realschulabschluss vor einem mittelmäßigen Abitur. Wir haben sehr gute Erfahrungen mit Realschülern gemacht, da sie eine praxisorientiertere Schulausbildung bekommen haben“, betonte die Ausbilderin.

Doch auch Umgangsformen, Höflichkeit, Einsatzwille und Begeisterung für den Beruf sind für Bettina Vorwerk wichtig. Außerdem seien im Vorfeld absolvierte Praktika immer sehr sinnvoll, da man sich gegenseitig kennenlernen und der Absolvent sehen könne, ob er sich eine Zukunft in diesem Beruf vorstellen kann.

Um einen Ausbildungsplatz im Dalli-Werk Stolberg zu bekommen, ist eine rechtzeitige Bewerbung sehr wichtig.

„Die Ausbildungsberufe beim Finanzamt sind leider nicht so vielfältig“, räumte Heinz Thoma ein, denn dort sei „nur“ eine Ausbildung zum Finanzbeamten im mittleren Dienst möglich. Dafür liege die Übernahmechancen bei 100 Prozent. „Wer die Abschlussprüfung besteht, hat einen Arbeitsplatz bei uns sicher“, verkündete der Ausbilder. Wer sich für eine Ausbildung beim Finanzamt entscheide, sollte sich allerdings darüber im Klaren sein, dass neben der Arbeit im Amt eine schulische Ausbildung in Wuppertal auf der Landesfinanzschule NRW stattfinde.

Dort sind die Absolventen für fünf Monate internatsmäßig untergebracht. „Das Lernen geht also erst einmal weiter“ erklärte Thoma. Disziplin und Selbstständigkeit seien die Grundvoraussetzungen. Außerdem seien Begeisterung für den Beruf, Leistungsbereitschaft, ein gutes Zeugnis, aber auch soziale Kompetenzen nötig.

Um eine Ausbildung im mittleren Dienst anzustreben, sei ein guter Realschulabschluss wichtig. „Man sollte sich im Vorfeld auf jeden Fall auf das Gespräch vorbereiten und sich über den Beruf informieren, um zu zeigen, dass man Interesse hat. Es kommt zum Beispiel nicht gut an, wenn man noch nie etwas von den verschiedenen Steuerarten gehört hat“, rät Thoma.

Schnuppertage beim Finanzamt

Den Beruf durch ein Praktikum kennenzulernen ist beim Finanzamt Aachen nicht ganz einfach, da die Zahl der Bewerbungen sehr hoch sind, erläuterte Heinz Thoma. „Wir können leider nicht alle Anfragen erfüllen, aber um möglichst vielen die Chance zu geben, einen Eindruck zu erhalten, bieten wir Schnuppertage an. Wenn ihr Interesse habt, könnt ihr mich anrufen. Dann vereinbaren wir einen Schnuppertag, gerne auch für eine kleinere Gruppe, bot Thoma den Schülerinnen an.

Eine Besonderheit sei, dass der Arbeitsplatz eine hohe Sicherheit biete. Auch nach einer längeren Auszeit, zum Beispiel einer Babypause, sei der Wiedereinstieg kein Problem. In den letzen acht Jahren hätten alle Auszubildenden die Abschlussprüfung bestanden.

Im Anschluss schilderten die Auszubildenden ihren Weg ins Berufsleben. Beim Dalli-Werk in Stolberg macht Isabelle Schwarzkopf ihre Ausbildung zur Chemielaborantin im zweiten Lehrjahr. Zuvor besuchte sie die St. Ursula Realschule. Durch das Internet, Familie und die berufsberatenden Angebote der Schule informierte sie sich über die Möglichkeit einer Ausbildung. Eltern und Geschwister halfen ihr bei der Berufswahl und übten mit ihr für Vorstellungsgespräche. Aber auch das Angebot der Schule in Sachen Berufsberatung lobte Isabelle ausdrücklich. Der Unterschied von Schule zum Arbeitsleben sei schon groß, da mehr Disziplin nötig sei, man mehr Leistung bringen und mehr Verantwortung übernehmen müsse. Sie habe die richtige Wahl getroffen und bereue ihre Entscheidung nicht.

Ganz ähnlich ist es bei Michèle Bastigkeit. Auch sie machte ihren Abschluss an der Mädchenrealschule. „Da ich immer viel lernen und für gute Noten kämpfen musste, wollte ich lieber eine Ausbildung als Abitur machen“, erinnert sie sich. Auch sie informierte sich über das Internet und Schulangebote und entschied sich schließlich, ihren Interessen entsprechend und nach Beratung mit ihren Eltern, für eine Ausbildung beim Finanzamt.

Diese hat sie diesen Sommer erfolgreich abgeschlossen und arbeitet seit September als Finanzbeamtin im mittleren Dienst in Aachen. Doch zunächst musste auch sie natürlich „das Internat absolvieren“, das sie allerdings als „gar nicht so schlimm“ empfunden hat. Auch sie hat ihre Entscheidung noch keine einzige Minute bereut.

„Informativ und hilfreich“

Gespannt lauschten Schülerinnen und Eltern den Ausführungen. Diese im Monschauer Raum bisher einmalige Veranstaltung war sehr hilfreich für die Mädchen, aber auch für ihre Eltern. „Ich wusste zwar schon vorher, dass man nicht unbedingt Abi machen muss, um einen guten Job zu bekommen, aber ich bin froh, dass das noch einmal bestätigt wurde“, lautete das Resümee von Jaqueline. Sie möchte zwar gerne eine Ausbildung im sozialen Bereich machen, doch die Veranstaltung hat ihr trotzdem geholfen und sie bestätigt.

Auch ihr Vater ist von der Veranstaltung begeistert, da sie „sehr informativ und hilfreich“ gewesen sei – auch für die Eltern. Dank der konkreten Beispiele anhand von zwei Betrieben und den gutgewählten Interviewfragen blieben keine Aspekte ungeklärt.

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert