Nordeifel - Jürgen Siebertz: „Die Heimatvereine sollen auch aktiv eingreifen“

Jürgen Siebertz: „Die Heimatvereine sollen auch aktiv eingreifen“

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Jürgen Siebertz, Initiator der Arbeitsgemeinschaft der Heimat- und Geschichtsvereine im Monschauer Land, sieht die Heimatvereine in der Verantwortung bei dörflichen Entwicklungsprozessen. Foto: P. Stollenwerk

Nordeifel. Die Zahl der Heimatvereine im Monschauer Land ist in den letzten Jahren gewachsen. Immer mehr Menschen identifizieren sich mit der Region, ihrer Heimat, ihrer Vergangenheit.

Jüngeren Datums ist die Arbeitsgemeinschaft der Heimat- und Geschichtsvereine im Monschauer Land (Heimat-AG), die sich im Zusammenhang mit der vom Simmerather Gemeinderat beschlossenen Schließung der Grundschule Kesternich kürzlich in einer Petition an den Gemeinderat „nachhaltig für die Erhaltung der Grundschule Kesternich“ aussprach. Diese Positionierung zu einer politischen Entscheidung ließ aufhorchen und sorgte auch für Irritationen.

Aus der Sicht des Initiators der Petition, Jürgen Siebertz aus Lammersdorf, bedarf es allerdings einiger Klarstellungen. Dass das auf dem Postweg entsandte Schreiben aus unerklärlichen Gründen die Gemeinde überhaupt nicht erreichte, bleibt ein Rätsel, wesentlich ist für den Lammersdorfer Heimatforscher aber die Tatsache, dass nicht 23 in der Heimat-AG zusammengeschlossene Vereine bzw. deren Vorsitzende die Petition unterzeichnet hätten sondern lediglich „Teilnehmer der Heimat-AG und ortsfremde Personen.“

Die in der Tagespresse in diesem Zusammenhang geäußerte Kommentierung, dass die Heimatvereine „ein idealisiertes Portrait vom Leben auf dem Lande“ zeichneten,

entspricht für Jürgen Siebertz nicht der Realität.

Im Gespräch mit unserem Redakteur Peter Stollenwerk äußert sich der Buchautor, Heimatkundler und Hobbymaler zur Rolle der Heimatvereine in der heutigen Zeit:

Die Arbeitsgemeinschaft der Heimat- und Geschichtsvereine im Monschauer Land hat im Zusammenhang mit der Schließung der Grundschule Kesternich eine Petition an der Rat der Gemeinde Simmerath gerichtet, worin sich 23 in der Heimat-AG zusammengeschlossene Vereine in der Nordeifel für den Erhalt der Schule vor Ort einsetzen. Was wollten Sie mit dieser Eingabe bezwecken?

Jürgen Siebertz: Sinn unserer Petition war es, das Anliegen unserer Kesternicher Heimatfreunde, die „Schule im Dorf“ zu lassen, mit demokratischen Mitteln zu unterstützen. Interventionen dieser Art gehören bundesweit zu den generellen Anliegen von Heimatvereinen. Viele Arbeitskreise und Heimatvereine haben sich mit ihren Aufgaben und Möglichkeiten der Einflussnahme noch nicht vertraut gemacht. Ich denke, das braucht auch noch einige Zeit.

Wie ist ihrer Auffassung nach diese Aktion in der Öffentlichkeit angekommen?

Siebertz: Hier würde ich wieder differenzieren: Bei den betroffenen Einwohnern (in diesem Fall Kesternich) sicher positiv, andernorts eher verhalten. Orte, deren Schulen in der Vergangenheit aus ähnlichen Gründen bereits geschlossen wurden, werden sicherlich unserer Petition skeptisch bis negativ gegenüberstehen. Um das festzustellen, müsste man eine Umfrage durchführen, was aber angesichts der bereits gefällten Entscheidung kaum noch auf Interesse stoßen würde. Das Thema ist im Moment out, denke ich.

Sehen Sie eine Aufgabe der Heimatvereine auch darin, bei kommunalpolitischen Entscheidungsprozessen Stellung zu beziehen?

Siebertz: Aber ja! Heimatvereine haben vielfältige Aufgaben, die sowohl kritischer als auch beratender oder helfender Art sein können. Heimatvereine können passiv das Geschehen im Blick behalten und nur Veränderungen dokumentieren, sie können aber auch aktiv eingreifen. Meine Wunschvorstellung wäre eine beratende Funktion durch Heimatvereine, z. B. bei lokalpolitischen Themen.

In der Petition wird ein geradezu idealisiertes Bild der Heimat von einer intakten Dorfgemeinschaft gezeichnet. Ist dieses Bild noch zeitgemäß?

Siebertz: Zum Glück schreibt uns hierzulande niemand vor, woran wir uns zu orientieren haben und was zeitgemäß ist. Solange man sich im Rahmen der Gesetze bewegt, ist zumindest in Deutschland jeder frei in seinen Entscheidungen. Ist es für Männer denn zeitgemäß, schulterlange Haare oder Pferdezöpfe zu tragen? Ist es zeitgemäß, Schulden für Verbrauchsgüter oder Urlaub zu machen? Wie lange gilt denn ein „zeitgemäß“? Wer bestimmt, was darunter zu verstehen ist? Ich habe die Erfahrung machen können, dass sich viele Mitbürgerinnen und Mitbürger angesichts einer immer schnelllebigeren Gesellschaft wieder auf Werte besinnen, die vor Jahren noch als antiquiert galten. Oft ist weniger mehr.

Hat sich das Landleben aber nicht in den letzten Jahrzehnten durch viele Neubau- und Gewerbegebiete in seinem Charakter stark verändert?

Siebertz: Ja, auch das Leben auf dem Land hat sich in den Jahren seit dem 2. Weltkrieg gravierend geändert. Wir Heimatkundler trauern aber nicht der Vergangenheit hinterher, sondern versuchen, das, was gut war, für die Zukunft zu erhalten. Die eigentlichen Veränderungen haben aber „in uns“ stattgefunden, sie gehörten zu einem Prozess, der kein Ende findet und kein Ende finden kann.

Wo sehen Sie heute die zentralen Aufgaben der Heimatvereine?

Siebertz: Die Aufgaben der Heimatvereine sind äußerst vielfältig, sollten sich aber immer nach den Möglichkeiten vor Ort richten. Ein aktiver, selbstbewusster Verein wird sich anders in die Gesellschaft einbringen können als eine Arbeitsgemeinschaft, in der kaum rührige Teilnehmer sind. Ich will einmal einige (bundesweite) Beispiele für mögliche Aufgaben von Heimatvereinen nennen: Erforschung, Dokumentation, Archivierung und Publikation der lokalen Dorfgeschichte, Pflege und Dokumentation der Mundart, Namens- und Familienkunde, Erhalt des historisch gewachsenen Ortsbildes, auch Ortsbildverschönerung und Pflege der örtlichen Denkmäler, Herausgabe von Schriftenreihen, Dorfchroniken, Bildbänden usw., Erhaltung bestimmter alter Sitten und Traditionen, bei der Namensgebung von Straßen- und Flurnamen sowie des Orts- und Landschaftsbildes mitwirken, beratende Teilnahme an den Aufgaben der Gemeinde (Mitwirkung an Planungen und Gestaltungskonzepten in der Gemeinde sowie Stellungnahmen dazu, Aufzeichnungen anlegen über Besiedlung, Gebäudebestand im Dorf, neue Siedlungsgebiete, Flächennutzung, Aufzeichnungen anlegen über Bevölkerung und Lebensverhältnisse, Personen, die den Ort prägten und prägen, Aufzeichnungen anlegen über gesellschaftliche Randgruppen, Berufsstrukturen, Arbeitslosigkeit in der Region, Eigentumsverteilung, Wohnverhältnisse, Sprache (Umgangssprache, Dialekt), das Ansehen des Ortes nach außen hin erhöhen. Sie sehen, es gibt sicherlich viel zu tun - auch im Monschauer Land. Ich werde in Kürze den Teilnehmern der Heimat-AG diese Vorschläge unterbreiten - was sie davon umsetzen können und möchten, müssen sie selber entscheiden.

Es sind auch in Zukunft Entwicklungen abzusehen, wie weitere Schulschließungen oder gar der Verlust von kirchlichen Gebäuden, die das Leben auf dem Land verändern. Wie wird sich die Heimat-AG da positionieren?

Siebertz: Wir werden - soweit ich das sagen darf - immer dann aktiv werden, wenn uns jemand um unseren Rat oder unsere Hilfe bittet. Ob und was dann die „Heimat-AG“ unternimmt, werden natürlich die Teilnehmer demokratisch entscheiden. Zum Glück bedienen sich alle der modernen Medien. Auch ein Zeichen dafür, dass wir „modern, aufgeschlossen und natürlich zeitgemäß“ sind. So lassen sich Fragen oder Probleme relativ rasch untereinander abklären.

Woran liegt es, dass viele Menschen Schwierigkeiten haben, sich mit dem Begriff Heimat zu identifizieren?

Siebertz: Da hängt noch einiges aus der unliebsamen Vergangenheit der Deutschen nach. Ich habe kein Problem mit meiner Verbundenheit zu meiner Heimat, meine Kinder auch nicht. Die Heimatvereine können hier einiges aufarbeiten.

Was bedeutet für Sie Heimat?

Siebertz: Wenn ich von einer Reise zurückkehre und dann von weitem den Lammersdorfer Kirchturm erkennen kann, spüre ich das Heimatgefühl besonders deutlich. Es ist ein schönes, beruhigendes Gefühl, sagen zu können: Bald bin ich zu Hause. Vielleicht hat das aber auch etwas mit dem Älterwerden zu tun...

Kann man junge Menschen heute eigentlich noch für ihre Heimat begeistern?

Siebertz: Natürlich - siehe in Konzen und Imgenbroich. Wenn die jungen Menschen nicht zu uns kommen, müssen wir zu ihnen gehen und mit ihnen über das Thema „Heimat“ sprechen. Wir arbeiten daran.

Welche Erfahrungen und Konsequenzen zieht die Heimat-AG aus den Reaktionen auf die Petition für die Dorfschule Kesternich?

Siebertz: Ich gehe davon aus, dass niemand den Teilnehmern der Heimat-AG die Absicht, die Grundschulen in den Dörfern zu erhalten, verübeln wird. Wir haben nicht nur in diesem Fall gezeigt, dass wir die Sorgen unserer Mitbewohner ernst nehmen. Ich bin davon überzeugt, dass wir in Zukunft in ähnlichen Fällen auch ähnlich reagieren werden.

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