„Judenhaus” die letzte Bleibe vor dem KZ

Von: Kirsten Röder
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Schülerinnen und Schüler der
Schülerinnen und Schüler der Mechernicher Hauptschule haben sich auf den Weg gemacht, um die jüdischen Familien vor dem Vergessen zu bewahren, die dem Nazi-Terror zum Opfer gefallen sind. Unser Bild entstand vor dem so genannten Judenhaus in Kommern. Foto: Röder

Kommern. Auf dem Pappschild, das um den Hals gebunden war, stand die Nummer 167. Auf den nächsten 168 bis 170. Jeder der vierköpfigen Familie Eiffeler aus Kommern musste diese sogenannte Transportnummer tragen: Ruth, ihre Schwester Hannah, Mutter Helene und Vater Alfred.

Die Familie wurde von Nazi-Schergen am 19. Juli 1942 nach Minsk deportiert. Dort wurden die Eiffelers noch am gleichen Abend erschossen beziehungsweise in umgebauten Bussen vergast.

Vorher hatte „Lenchen”, wie die Mutter genannt wurde, noch eine Postkarte von einem Zwischenstopp in Polen an die Nachbarsfamilie Hein in Kommern geschickt, um die Daheimgebliebenen zu beruhigen. „Hannah will nach Hause und in ihrem Bettchen schlafen. Wir wollen alles Gott überlassen, dann geht es doch gut”, schrieb sie.

„Erst durch die Nachforschungen unserer Schule wurde das Schicksal der Familie Eiffeler aufgeklärt”, sagt Gisela Freier, die Leiterin der AG „Forschen, Entdecken, Erinnern” der Mechernicher Hauptschule. „Insgesamt 29 jüdische Familien gab es nach heutigem Wissensstand im Ortskern von Kommern.” Deren Schicksale sind für die Schüler seit Jahren mehr als nur ein Unterrichtsthema. Im Rahmen einer Führung durch die Gassen von Kommern erinnerten sie an das, was den Familien Levano, Schmitz, Kaufmann, Horn und Eiffeler angetan wurde - nur weil sie Juden waren.

Das „Judenhaus”, wie es genannt wurde, steht heute noch mitten in Kommern. Es gehörte der Familie Eiffeler. 1941 mussten alle Juden ihre Häuser verlassen und in das „Judenhaus” an der Kölner Straße ziehen. „Die Juden durften nur eine Matratze, eine Hose, ein Hemd und eine private Kleinigkeit mitnehmen”, fanden die Schüler heraus. Am 19. Juli 1942 wurden alle Bewohner des „Judenhauses” nach Minsk deportiert.

Die bekannteste Familie in Kommern und Umgebung war die Familie Levano. Ihr gehörte eine große Firma für landwirtschaftliche Produkte. An der Kölner Straße standen das Firmengebäude und die große Villa mit einem riesigen Park. „Dort waren ein Pavillon, ein Rosengarten und ein Tennisplatz, der so groß war, dass der Euskirchener Tennisclub hier seine Turniere spielte”, berichtet Schülerin Luca Starke.

Nazis verboten einen Grabstein

Dann begannen die Nazis mit ihrer Hetzkampagne. Opfer war auch der „Getreidejude” Eduard Levano. Er starb im November 1937. Seine Familie durfte jedoch keinen Grabstein für ihn aufstellen. Das hatten die braunen Schergen verboten. Jahrzehnte nach seinem Tod taten dies die Schüler. Sie stellten einen Grabstein an der Stelle auf, an der Levano von der Familie beerdigt wurde. Diesen Platz hatte die Nichte Levanos, Lilli Clyne, den Schülern beschrieben. Sie konnte 1938 flüchten. Die heute 102-Jährige lebt immer noch in London und ist die wichtigste Zeitzeugin der Schüler.

Ein Schmuckstück präsentierten die Hauptschüler im Hinterhof von Haus Nr. 18 in der Hüllenstraße. Der Gartentisch auf der Terrasse war wie „anno dazumal” mit dem cremefarbenen Goldrand-Service gedeckt, das Markus und Sibilla Schmitz, geborene Löwenstein, im Jahr 1903 zur Hochzeit geschenkt bekamen. Markus Schmitz war der letzte Synagogenvorsteher von Kommern.

Als er mit seiner zweiten Ehefrau ins „Judenhaus” ziehen musste, ließ das Paar zwangsweise sein ganzes Hab und Gut zurück. Johann Hein, der das Haus schon zu Lebzeiten von Markus Schmitz gekauft hatte, verwahrte das Service. Es soll demnächst in einer Glasvitrine im Mechernicher Rathaus ausgestellt werden.

Synagogenleuchter gefunden

Teile der Kommerner Synagoge stehen heute noch. Das Gebäude wurde in der Pogromnacht 1938 angezündet und brannte bis auf die Grundmauern nieder. Weil Baumaterial nach dem Krieg knapp war, integrierten die späteren Käufer die Mauerreste in die Außenwände ihres neuen Hauses.

Die damals zwölfjährige Maria Klee übernachtete manchmal gegenüber der Synagoge bei der Oma. Sie fand in dieser Nacht in der noch qualmenden Ruine in der Asche einen Synagogenleuchter und versteckte ihn in ihrem Bett. „2009 brachte sie ihn zu uns in die Klasse und erzählte die Geschichte des Leuchters”, so eine Schülerin: „Später hat sie ihn an Emmy Golding in London übergeben.” Dass er wieder in jüdische Hände aus Kommern kam, war Klee wichtig. Emmy war 1939 die Flucht nach England gelungen.

Um dem Nazi-Terror in Deutschland zu entkommen, wanderten viele Juden nach England und Amerika aus. Der Kommerner Carl Horn floh allerdings ins heutige Israel. „Aufgehetzte Kommerner wollten ihn in der Pogromnacht mit dem Auto überfahren”, fand die AG heraus. „Er rannte um sein Leben und suchte Hilfe bei seinem besten Freund in Firmenich.”

In einem Heuwagen versteckt, brachte ihn die Familie nach Luxemburg. Von dort floh er ins heutige Israel und war dort bis 1975 Herbergsvater am See Genezareth. Carls Vater Abraham starb im KZ Theresienstadt, seine Mutter Ida, sein Bruder Leo und Schwester Bertha starben in Auschwitz.

Die Führung der AG-Schüler endet auf dem denkmalgeschützten Friedhof in Kommern. Dort wurden Juden bis 1935 beerdigt. Seit 2006 steht dort ein neuer Grabstein: für Eduard Levano, den „Getreidejuden” aus Kommern. „Uns geht es vor allem darum, dass nichts vergessen wird. Wir müssen uns an das, was passiert ist, erinnern”, so Freier.
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