Inklusives Karnevalsprojekt: Ein U-Boot mit buntem Geleitschutz

Von: Carsten Rose
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Kursrichtung Karnevalszug Simmerath: Jugendliche und jungen Menschen mit und ohne Behinderung arbeiten gemeinsam am inklusiven Karnevalsprojekt „Wir alle in einem (U-)Boot“. Streetworkerin Lara Brammertz (oben, 6.v.r.) ist mittendrin. Foto: Carsten Rose

Nordeifel. Der 15. Februar wird ihr Tag sein, wenn sie als Schwarm aus grünen, blauen und pinken Meeresbewohnern im Simmerather Karnevalszug marschieren. Sie eskortieren dabei ein etwa fünf Meter langes, mehr als zwei Meter hohes U-Boot. Es ist das Symbol der seit einem Monat laufenden Arbeiten des Inklusionsprojektes „Wir alle“, des Teams Streetwork Nordeifel und des Jugendcafés Simmerath.

Diese drei Einrichtungen sind die Projektträger. Etwa 50 Jugendliche und junge Erwachsene mit und ohne Behinderung sowie Betreuer wird die Gruppe am Karnevalssonntag zählen. Intensiv an dem Projekt beteiligt ist die 24-jährige Streetworkerin Lara Brammertz.

Für Brammertz ist die inklusive Karnevalsgruppe das erste größere Vorhaben, das sie seit ihrem Arbeitsbeginn im September in der Nordeifel umsetzt. Das Inklusionsprojekt der Städteregion „Wir alle – gemeinsam leben in Monschau und Simmerath“ hat dabei die Fahrtrichtung im weiteren Sinne vorgegeben, wie das Ziel letztlich erreicht werde, blieb vorerst offen – denn das Ruder haben die Teilnehmer, vornehmlich Jugendliche, fest in der Hand.

Erst langweilig, dann flippig

„,Wir alle in einem Boot‘ war der anfängliche Gemeinschaftsgedanke“, erklärt Brammertz, „aber das war den meisten Jugendlichen zu langweilig. Sie wollten lieber ein U-Boot – das war flippiger.“ Und so, fügt sie an, vereinen sich alle Teilnehmer nun in einer gemeinsamen Unterwasserwelt. Die drei Grundfarben des Projekts bilden das Gruppengefüge. In der Gestaltung der Kostüme, sei es ein Krake, ein Fisch oder ein Hai, ist jeder Teilnehmer dagegen frei. „Die Individualität geht durch die eigenständige Kostümierung nicht verloren. Das ist allen am wichtigsten. Und: Es wird akzeptiert. Jeder kann sich so kleiden, wie er will.“

Sich nicht gänzlich anpassen müssen, darauf zu bestehen, dass jeder Mensch verschieden und nicht gleich ist – so wie es in Leitfäden ähnlicher Projekte teilweise proklamiert wird – sei die Essenz aus den Planungsgesprächen gewesen, erläutert die Streetworkerin.

Überhaupt am Simmerather Karnevalszug mit solch einer großen Gruppe teilzunehmen, wurde von den Trägern und Partnern eher spontan festgelegt. Es war eine typische Aus-dem-Gespräch-heraus-Entscheidung, sagt Brammertz. „Ich habe von den einzelnen Einrichtungen mitbekommen, dass sie Lust haben, an dem Zug teilzunehmen. Dann hieß es schnell: Wir können ja zusammen gehen.“

Karneval verbindet

Von langer Hand und aus Eigeninitiative geplant war hingegen das inklusive Karnevalsprojekt an sich. Lara Brammertz beschäftigt sich nicht erst seit ihrem Start in der Nordeifel mit dem Thema Inklusion. „Der Karneval eignet sich hervorragend, um so ein Projekt zu starten. Karneval ist da, um Menschen zu verbinden“, erläutert sie, „und dabei spielt es eben keine Rolle, ob jemand eine Behinderung hat. Bei unserem Treffen am Donnerstag kannten alle die Lieder, jeder hat mitgesungen – das war schön anzusehen.“ Donnerstag war nämlich in den Räumen der Grenzlandjugend Roetgen eine erste Zusammenkunft mit wirklich allen Teilnehmern und Partnern des Karnevalszuges.

Es kamen 62 Teilnehmer und Unterstützer. Neben den drei Trägern und der Grenzlandjugend Roetgen fanden sich Teilnehmer der Koordinierungs- und Kontaktstelle für Menschen mit Behinderung (KoKoBe), des ABK-Hilfswerkes und des Helena-Stollenwerk-Hauses aus Simmerath ein. Sie nähten ihre Kostüme, bastelten, testeten jegliche Schminkvarianten – und lernten sich kennen. „Wir wollten nicht, dass sich alle erst beim Zug treffen. Es war jedoch das erste richtig große und einzige Treffen dieser Art.“

Üblich ist, dass sich einmal wöchentlich seit Mitte Dezember gemischte Kleingruppen treffen, die sich entweder am U-Boot-Bau in Roetgen beteiligen oder im Simmerather Jugendcafé an den Kostümen nähen. In den Gruppen liege das Verhältnis von Menschen mit Behinderung (körperlich oder geistig) und ohne in der Regel bei etwa 40 zu 60, meint Brammertz.

Die verschiedenen Arbeiten fallen nie auf einen Tag, damit sich „niemand entscheiden muss“; jeder soll möglichst viele neue Erfahrungen sammeln. „Jeder probiert sich aus und erwirbt so neue Kompetenzen. Ich habe schon ein paar Mädels gesehen, die nach dem Bau am U-Boot mit einem Bohrer meinten: ,Hey, das macht ja richtig Spaß.‘“ Hauptsächlich leisten Jugendliche, die eine Tischlerlehre durchlaufen, die Arbeiten am U-Boot. Anregungen aller Teilnehmer sind im Bauplan jedoch mitberücksichtigt. Für die Kostümierung wurden Nähkurse angeboten – die „Jugendlichen sind stolz auf ihre eigenen Kostüme“.

Spendenanfrage

Es gebe bereits 43 Anmeldungen für den Fußmarsch, nach oben sei die Teilnehmerzahl unbegrenzt, so Brammertz. „Ich habe aber nicht gedacht, dass es so beliebt sein wird. Wir mussten sogar Umhänge nachnähen.“ Bisher laufe aufgrund der klaren Arbeitseinteilung und Kommunikation alles glatt ab. Zudem gab es eine Spendenanfrage, um beispielsweise mehr Kamelle zur Verfügung zu stellen.

Vor größeren Problemen stand die Gruppe derweil noch nicht. Manchmal waren Räumlichkeiten nicht barrierefrei – es fehlten Aufgänge für Rollstühle. „Auch das haben wir in der Gruppe gelöst. Es gibt für uns keine Hindernisse.“

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