Lammersdorf - „In der Stille ist man auf sich selbst zurückgeworfen“

„In der Stille ist man auf sich selbst zurückgeworfen“

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Lammersdorf. Vor der Veranstaltung in der Pfarrkirche Lammersdorf hatte unsere Mitarbeiterin Maggie Jung die Gelegenheit, mit Roger Willemsen zu sprechen.

Mir kommt da ein Spiel in den Sinn, das Kinder sehr gerne spielen: sich einander gegenüber sitzen – so wie wir gerade –, schweigen, sich dabei in die Augen schauen und abwarten, wer das am längsten aushält. Warum geraten gerade Erwachsene so schnell in Verlegenheit, wenn sich nicht geplantes Schweigen breitmacht, warum wird uns ungewollte Stille peinlich?

Willemsen: Denken Sie einmal an die Situation im Aufzug, in dem die Leute stehen und man könnte doch eigentlich ganz schnell etwas miteinander teilen. Man könnte sagen: Wo fahren Sie hin, wo kommen Sie her? Welche Farbe hat Ihr Pyjama? Wovon verstehen Sie besonders viel, was empört Sie? Warum tragen Sie Parfum? Ich glaube, es gibt eine Ermüdung in der Kommunikation, mangelnden Hunger aufeinander und dass man sich eher durch Displays ernährt als durch Begegnungen. Die Stille hat etwas, bei dem man auf sich selber zurückgeworfen ist. Das hat etwas sehr Erholsames, aber auch etwas Bedrohliches, weshalb die Stille aus dem öffentlichen Raum immer mehr verschwindet. Manchmal denke ich, wie Blinde das empfinden müssen, die sich nicht mehr orientieren können, weil zu jeder Zeit irgendwelche Musikklänge, Handytöne usw. zu hören sind.

Wir gehen heutzutage in einem Geräusche-Dschungel unter und man könnte den Eindruck gewinnen, dass wir uns regelrecht mit Geräuschen, mit Lärm betäuben. Flüchten wir vielleicht vor der Konfrontation mit uns selbst?

Willemsen: Genau so ist es. Ich glaube, dass im Moment das abnimmt, was man im Wortsinn Vergegenwärtigung nennen würde, also in der reinen Gegenwart zu sein. Jetzt sitze ich hier, ich blicke Sie an, Sie blicken mich aufmerksam an. Es existiert nichts für uns beide außer der Situation, in der Sie fragen und ich antworte. Ich lese in Ihrem Gesicht, Sie lesen in meinem. Das heißt „sich vergegenwärtigen“. Und in dieser vollkommenen Vergegenwärtigung, da gibt es auch etwas ganz Leises unter den Worten, irgendetwas Stilles: was wir übereinander denken oder über uns vermuten. Ich könnte mir jetzt die Frage stellen: Wie sieht Ihr Gesicht aus, wenn Sie es heute Abend auf dem Kopfkissen ablegen? Oder: Warum ist Ihr Auge heute gerötet? Solche Dinge halt.

Mut zum Innehalten, Mut, sich wieder im Hier und Jetzt zu verwurzeln - das ist es, was Sie den Menschen vermitteln möchten. Ist die Idee zu Ihrer Lesung mit Musik aus genau dieser Notwendigkeit heraus geboren worden oder haben Sie eher einem persönlichen Bedürfnis nach der inneren Ruhe nachgegeben?

Willemsen: Ich hatte mich immer wieder einmal mit diesen Momenten des Stillwerdens beschäftigt, mit dem Versuch, in der Gegenwart zu sein. Und das immer auf der Basis: Da wir das Leben schon nicht verlängern können, so können wir es doch verdichten. Aber verdichten können wir es nur in dem Augenblick, wo wir die Bewusstheit steigern. Die Tendenz der Zeit läuft jedoch in eine andere Richtung. Die geht dahin, dass wir drei Monitore haben, parallel einen Walkman hören, eine Mail dabei beantworten und nebenher essen. Und dieses Individuum, das nur noch in Modulen existiert, in lauter ausgelagerten einzelnen Zentren, das würde ich gerne zentrieren. Deshalb ist es heute ein Abend, der ohne Pause und ohne Applaus gespielt wird. Ein vollkommen ruhiger Abend also, an dem sich Brückenschläge vollziehen zwischen dem, was mir in Texten in den eigenen Situationen meines Lebens als besonders leise vorkam, und dem Leisen in der Musik. Dazu muss die Musik nicht pianissimo sein, aber sie drückt ja dennoch manchmal Stille aus.

Der Vollmond ist ein sehr ausdrucksstarkes Bild für Stille, ebenso ein morgendlicher Park – ganz gleich, ob in der Ukraine oder hier in der Eifel. Welche Emotionen wabern von Publikumsseite zu Ihnen herüber: Spüren Sie eine gewisse Dankbarkeit für diese „Bilder“ oder gibt es den einen oder anderen Menschen, den Sie am liebsten an dessen Schultern fassen und auf seinen Sitzplatz zurückpressen würden, um ihm mitzuteilen „Bitte bleib sitzen, ich möchte dir etwas Gutes mit auf den Weg geben!“?

Willemsen: Ja, es ist sogar so, dass ich eine Art Gebrauchsanweisung für den Abend an das Publikum richte. Ich komme erst alleine raus, sage ein paar Worte zum Programm und versuche, die Menschen in die Situation zu versetzen, 90 Minuten lang alles andere zu vergessen, vollkommen hier zu sein, sich nur diesen Ereignissen in dieser Kirche zu widmen – da, wo wir gerade sind, an dieser Stelle in der Geschichte, an dieser Stelle in der Eifel. Es gibt alle möglichen Reaktionen: Leute, bei denen ich das Gefühl habe, die müssen husten, die müssen plötzlich irgendeinen Impuls loswerden, weil es für sie fast beklemmend wird. Dann gibt es welche, die nehmen das wie Religion, kommen nach der Veranstaltung zu mir und sagen „Das war genau das, was ich brauchte!“ Insofern hoffe ich immer, dass die Brückenschläge zwischen Text und Musik gelingen.

Sprache & Musik sind ja nicht so weit voneinander entfernt, wie es auf den ersten Blick scheinen mag: Musik hat unendlich viele Facetten, aber auch die Sprache klingt auf unterschiedlichste Weise. Was macht für Sie die Faszination der „Symbiose Sprache & Musik“ aus?

Willemsen: Es gibt rhythmisierte Prosa, es gibt lyrische oder musikalische Prosa. Und es gibt Musik, die wie ein kompliziert gebauter Satz ist, geschachtelt, wie eine Fuge. Es gibt in der Ordnung zwischen Sätzen und Musik viele Analogien. Aber es gibt auch diesen Gestus, dass die Musik da einsetzt, wo die Sprache aufhört. Dass man denkt, ich sitze mit einer Frau im Dschungel am Wasser und jemand kommt und spielt uns etwas auf der Flöte vor, und ich kaufe die Flöte, die Frau wirft die Flöte ins Wasser, die Flöte schwimmt zum Meer. Und dann setzt die Musik ein und man denkt sich: Das bebildert jetzt nicht die Szene. Aber es passt die Musik, die in der Flöte noch hörbar ist, während sie weg schwimmt. Die Assoziationen dürfen vom Text in die Musik gehen, sie dürfen aber auch von der Musik wieder in den nächsten Text gehen.

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