Höhenrausch in Simmerath: Carlo Thränhardts magische 2,40 Meter

Von: Peter Stollenwerk
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Mit seinem Sprung über 2,40 Meter beim 4. Simmerather Hochsprung-Meeting schreibt Carlo Thränhardt vor 30 Jahren, am 16. Januar 1987, Sportgeschichte. Eine Schallmauer wird durchbrochen. Erstmals überspringt ein Mensch in der Halle diese Höhe. Foto: P. Stollenwerk
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Die mehrfachen Deutschen Meister mit dem damaligen Simmerather Gemeindedirektor Arnold Steins. Dietmar Mögenburg (Mi.) gehörte zu den Stammgästen bei Carlo Thränhardts Hochsprung-Meeting in Simmerath, das von 1984 bis 1993 die Eifelkommune in den Blickpunkt des Weltsports rückte.
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Im schneebedeckten Wiesenland rund um Rollesbroich bereitete sich Lokalmatador Carlo Thränhardt regelmäßig auf die Meetings in Simmerath vor. Foto: P. Stollenwerk

Simmerath. Es lag an diesem Abend irgendwie in der Luft: In Simmerath sollte Sportgeschichte geschrieben werden. Es ist Freitag, der 16. Januar 1987. Um 22.30 Uhr ist es mucksmäuschenstill in der Turnhalle der Hauptschule. Rund 700 Zuschauer schauen gebannt auf die Latte der Hochsprunganlage und auf Lokalmatador Carlo Thränhardt aus Rollesbroich.

Mit Riesenschritten nimmt der 1,99-Meter-Mann Anlauf auf der eigentlich viel zu kurzen Bahn. Der 29-Jährige schwingt sich zur hymnischen Musik von „The Final Countdown“ unters Hallendach, legt sich rücklings über die Latte, und dann erfüllt ein markiger, kollektiver Schrei die kleine Schulsporthalle. Die Latte zittert noch ein wenig, aber sie bleibt liegen!

Carlo Thränhardt weiß im ersten Moment überhaupt noch nicht so recht, wohin mit seinen Emotionen. Als erster Mensch hat er soeben in der Halle die Schallmauer von 2,40 Meter durchbrochen. Das bedeutet Weltrekord! Carlo Thränhardt stößt seinen legendären Tarzan-Schrei aus, als er auf der Matte kniet und beide Fäuste in den Himmel reckt. Dann springt der blonde Hüne auf, fegt durch die Halle und genießt die unbeschreiblich intensive Atmosphäre.

Nach seinem Supersprung zieht sich er sich zunächst einmal für einige Minuten in die Umkleidekabine zurück: „Ich brauche jetzt erst einmal eine Zigarette“, wimmelt der Held des Abends einen Fernsehreporter ab.

Moment der Ekstase

Der 2,40-Sprung in Simmerath war vor 30 Jahren ein Sport-Moment von mitreißender und begeisternder Ekstase. Alle, die an diesem Januarabend in der Halle waren, werden sich wohl noch an diese magische Weltrekord-Nacht in der schneebedeckten Eifel erinnern als wäre es gestern gewesen. Simmerath war regelrecht im Hochsprungrausch und im Blickpunkt des Weltsports.

Für die Teilnehmer und Organisatoren des Meetings dürfte auch die anschließende Party ebenso unvergesslich geblieben sein.

Die Hochsprung-Meetings in Simmerath waren in den 1980er Jahren und 1990er Jahren Garant für große Sprünge in mitreißender Atmosphäre, die heute wohl von einer weitaus größeren Öffentlichkeit wahrgenommen würden. Die deutschen Hochspringer, angeführt von Carlo Thränhardt und seinem Freund Didi Mögenburg, mischten damals in der Weltspitze mit. Bei seinem Hallenweltrekord in Simmerath befanden sich nur noch zwei Fotografen in der Halle, während Sportreporter-Legende Dieter Adler das Ereignis für die ARD-Sportschau aufbereitete.

Das Meetings entstand aus einer Partylaune heraus. Carlo Thränhardt wollte in Rollesbroich mit befreundeten Hochspringern aus aller Welt feiern, zuvor zur Einstimmung aber ein kleines Springen veranstalten. Bruder Bernd, seine Eltern und sein „Entdecker“ Karl-Heinz (Kalle) Plum aus Roetgen, der den beim TV Roetgen aktiven Handballer zum Hochsprung überredet hatte, organisierten so Mitte Januar 1984 das erste Hochsprung-Meeting (damals hieß die Veranstaltung noch Hochsprung-Cup) in Simmerath. Am Start war bei der Premiere auch Ulrike Meyfarth, die im gleichen Jahr Olympiasiegerin in Los Angeles wurde.

Carlo Thränhardt aber schob seinen Rekordsprung noch bis 1987 hinaus. An jenem 16. Januar 1987 war er bestens vorbereitet und wollte hoch hinaus, war aber gesundheitlich angeschlagen. In den Wochen zuvor hatte er „wie ein Geisteskranker“ trainiert. Auch das Lauftraining rund um Rollesbroich gehörte zum Programm. Bei der Veranstaltung am Abend aber siegte dann die Motivation über das Fieber. Genau fünf Sprünge reichten aus, um ans Ziel der Träume zu gelangen. Alle Höhen (2,25 Meter, 2,13, 2,35, 2,38 und schließlich 2,40) hatte er im ersten Versuch genommen. Mit seinem letzten Sprung entthronte er dann auch seinen Freund und bisherigen Rekordhalter Dietmar Mögenburg (2,39 Meter).

In keiner Statistik

Der Ausnahmesprung in Simmerath findet sich übrigens in keiner Sportstatistik. Dem Hallenweltrekord wurde die Anerkennung versagt, weil niemand an die erforderliche Dopingprobe gedacht hatte.

Der Rekord hätte ohnehin nicht lange gehalten. Zwei Wochen später übersprang der ebenfalls in Simmerath teilnehmende Schwede und Frauenschwarm Patrick Sjöberg in Griechenland die 2,41 Meter, ehe dann ein Jahr später Carlo Thränhardt zurückschlug und 1988 in Berlin mit 2,42 Meter den Weltrekord erneut ergatterte.

Bis heute ist diese Höhe nach Javier Sotomayors Weltrekord von 2,43 Meter aus dem Jahre 1989 die zweitbeste jemals in der Halle erzielte Leistung und auch heute noch Hallen-Europarekord. Carlo Thränhardts persönliche Bestleistung in Freiluft-Wettbewerben (2,37 Meter im Jahr 1984 in Riet) ist immer noch deutscher Rekord. Aber der heute 59-Jährige, der 2015 vom Deutschen Tennis-Bund in den Trainer- und Betreuerstab des Tennis-Davis-Cup-Teams als neuer Fitness- und Mentalcoach berufen wurde, ist seit 2013 wieder Weltrekordhalter. In der Klasse Ü 55 ist er mit 1,90 Meter absolute Weltspitze.

Karriere- und Meetingende

Die Geschichte der Simmerather Hallen-Hochsprung-Meetings endete nach zehn Jahren am 29. Januar 1993. Bei dieser Veranstaltung gab Carlo Thränhardt auch offiziell das Ende seiner Karriere bekannt. Eigentlich wollte es der Lokalmatador an diesem Abschiedstag noch einmal wissen und es bei seinem Ausstand in der Heimat noch einmal richtig krachen lassen. Am Ende blieb er aber bei 2,20 Meter hängen.

An der Höhe von 2,30 Metern war er gescheitert. Beim Anlauf fühlte sich der 35-Jährige von einem Amateurfotografen, der ihn frontal angeblitzt hatte, gestört. Das laute Fluchen hörte man in der gesamten Halle. Beim zweiten Versuch war dann die Konzentration weg. Eine große Karriere ging in Simmerath zu Ende.

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