Hebammen aus Simmerath sehen ihre Existenz bedroht

Von: Heiner Schepp
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Das deutsche Versicherungswesen bedroht die Existenz von Hebammen - nicht nur in Simmerath.
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Sonja Theis (vorne links) hat rund um die Geburt ihres zweiten Kindes erneut die Vorzüge des Eifeler Beleghebammensystems mit persönlicher 1:1-Betreuung, in diesem Falle durch Hebamme Eva Krings (vorne rechts), kennen und schätzen gelernt. Krings‘ Kolleginnen Rita Greuel, Sabine Wirtz, Vera Forster, Andrea Victor (hinten von links) und Justine Grube (nicht im Bild) sehen dieses System leider nun wieder einmal bedroht. Foto: H. Schepp

Nordeifel. Wenn es gute Gründe gibt, in der Nordeifel eine Familie zu gründen, dann sind es die Beleghebammen des Simmerather Krankenhauses. Um das System mit einer festen Hebamme, die die Wöchnerin bei der Geburt, aber vor allem schon Wochen davor und danach betreut, werden die (werdenden) Mütter in der Nordeifel nicht selten von Frauen aus den größeren Städten beneidet.

Doch das System ist in akuter Gefahr, ebenso wie – leider wieder einmal – die gesamte Geburtshilfeabteilung in der Eifelklinik. Diesmal aber weht der Wind den Hebammen und der Geburtshilfe weniger von Seiten der Gesundheitspolitik ins Gesicht. Es ist das Versicherungswesen in Deutschland, das den Beteiligten Kopfzerbrechen bereitet, ja die Existenz der freiberuflichen Hebammen hier und überall im Land bedroht.

Hebammen sind gesetzlich verpflichtet, ihre Berufstätigkeit durch eine Berufshaftpflichtversicherung abzusichern. Trotz leicht rückläufiger Schadensfälle in der Geburtshilfe – an der Eifelklinik hat es seit Gründung der Geburtshilfe noch nie einen Fall gegeben – steigen die Kosten pro einzelnen Schadensfall drastisch an. Dazu zählen sowohl die Aufwendungen für die medizinische, pflegerische als auch die soziale Versorgung und lebenslange Einkommenssicherung der Geschädigten.

„Entsprechend gestiegen, ja explodiert sind in den letzten 20 Jahren die Haftpflichtprämien für die Geburtshilfe“, weiß Eva Krings, dienstälteste der fünf Beleghebammen an der Eifelklinik. 1992 hat sie dafür 300 Mark bezahlen müssen, zehn Jahre später waren es gut 450 Euro im Jahr. Dann wurden die Sprünge immer größer: 1352 Euro zahlte Krings für 2004, 2007 überwies sie schon 1587 Euro und 2009 betrug die Prämie 2370 Euro. Seither gibt‘s fast nur noch Tausendersprünge: 3689 Euro waren 2010, 4242 Euro im vergangenen Jahr zu berappen. „Und 2014 werden 5091 Euro abgebucht – egal ob ich als Hebamme nur zwei oder 200 Geburten begleite“, so Krings.

All das wäre ja vielleicht noch zu verkraften, wenn die Entlohnung der verantwortungsvollen Aufgabe entsprechend wäre. Ist sie aber nicht. 275 Euro Pauschale stellen Hebammen für eine Geburt in Rechnung – egal, ob es eine schnelle Entbindung war oder Wöchnerin und Hebamme rund um die Uhr im Kreißsaal waren. „Die ersten 18 bis 20 Geburten im Jahr sind für die Versicherung“, rechnet Eva Krings vor. Bei ohnehin nur rund 230 Geburten in Simmerath keine einfache Sache für Krings und ihre Kolleginnen.

Fast noch schwerer als die Kostensteigerung aber wiegt nun die Ankündigung des letzten verbliebenen Hebammen-Haftpflichtversicherers, Mitte 2015 die freiberuflichen Hebammen überhaupt nicht mehr zu versichern. „Wenn das so kommt, dann ist in der Eifel Schluss mit Geburtshilfe“, fürchtet Andrea Victor, und ihre Kollegin Sabine Wirtz stellt fest: „Das wäre sehr traurig für die Frauen in der Eifel und für das bewährte System mit 1:1 Betreuung und mit Vor- und Nachsorge durch die persönliche Hebamme. Und es bedeutet auch, dass es hier keine Hausgeburten mit Hebamme geben wird.“

Rita Greuel hat sich – so wie Tausende ihrer Kolleginnen in ganz Deutschland – aufgrund der Kostensteigerung seit 2008 mittlerweile aus der Geburtshilfe komplett zurückgezogen, denn die Versicherer unterscheiden zwischen geburtshilflicher Tätigkeit und Vor-/Nachsorge. „Da habe ich bei meinen zuletzt nur noch wenigen Geburten draufgezahlt“, so Greuel.

Dennoch käme die Aufgabe der Geburtshilfe in Simmerath auch für sie einer Katastrophe gleich. „Familien finden hier in der Nordeifel ein hervorragendes Netzwerk aus Gynäkologen, Kinderärzten, Hebammen, Physiotherapeuten, Osteopathen und der Vollversorgung des Krankenhauses.“

Ob es eine Lösung für die Eifelklinik wäre, „ihre“ Hebammen fest einzustellen (bei angestellten Hebammen greift der Versicherungsschutz des Krankenhauses, sie müssen sich lediglich zusatzversichern), vermag Chefarzt Dr. Dieter Sohr nicht zu sagen: „Die Geburtshilfe ist vom Träger Artemed definitiv gewünscht. Aber das ist natürlich auch eine Kostenfrage.“ „Zudem gäbe es bei fest angestellten Geburtshelferinnen keine 1:1 Betreuung, sondern einen Hebammen-Schichtdienst“, ist dies auch für Vera Forster nicht die Lösung.

Diese liegt nach Überzeugung der Hebammen und des Chefarztes dann doch in politischer Hand. „Es ist offenbar politisch gewollt, die Geburtshilfe in den Städten zu zentralisieren. Und das wäre ein erheblicher Standortnachteil für ländliche Bereiche wie die Eifel“, sagt Dr. Dieter Sohr und fügt mahnend hinzu: „Die Frage ist aber: Wie viele Todesfälle bei Geburten kann die Politik sich leisten?“

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