Monschau/Simmerath - Hänsel und Gretel bleiben im Regal stehen

Hänsel und Gretel bleiben im Regal stehen

Von: Andreas Gabbert
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Die Märchen sind für sie ein Schatz, den jede Generation neu bergen muss: die Leiterin der Gemeindebücherei Simmerath Rita Plum. Foto: A. Gabbert
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Die Leiterin der Stadtbücherei, Trixi Reichard, in der Märchenecke: Als Bilderbuch aufgearbeitet werden die Märchen noch gerne genommen, ansonsten bleiben sie eher im Regal stehen. Foto: A. Gabbert

Monschau/Simmerath. Alle sind sie da. Nebeneinander stehen sie in den Büchereien in Monschau und Simmerath – die Märchen aus 1001 Nacht, die von Hans Christian Andersen, von Wilhelm Hauff und natürlich die der Gebrüder Grimm. 200 Jahre ist es heute her, dass Jakob und Wilhelm Grimm die wohl berühmteste Märchensammlung der Welt zum ersten Mal veröffentlicht haben.

Das Werk gehört zu den am häufigsten übersetzten Schriften deutscher Literatur. Doch gelesen werden die Märchen kaum noch, in der Monschauer Bücherei wurden sie schon lange nicht mehr ausgeliehen. Im Jahr 2012 kein einziges Mal. In Simmerath sind zurzeit einige Bände unterwegs. „Die kursieren wahrscheinlich in einer Schulklasse. Freiwillig werden die nur selten ausgeliehen“, sagt die Leiterin der Gemeindebücherei, Rita Plum.

Trotzdem will Plum bald neue Märchenbücher anschaffen – solche, die nur ein Märchen beinhalten und reich illustriert sind. „Vielleicht werden die eher ausgeliehen als so ein Schinken hier“, sagt Plum und zeigt auf einen dicken Sammelband. „Heute werden lieber Einzelbände mitgenommen, insbesondere als Bilderbuchformat“, weiß auch die Leiterin der Stadtbücherei, Trixi Reichard.

Die Märchen der Gebrüder Grimm hätten heute nicht mehr den gleichen Stellenwert wie früher. Während Erwachsene die meisten Märchen noch nacherzählen könnten, falle es den Kindern heute oft schwer. „Es gibt einfach viel zu viel, allein auf dem Buchmarkt, von anderen Dingen die TV, Computer und Internet mit sich gebracht haben einmal abgesehen“, sagt Reichard.

Dass viele Kinder die Märchen der Gebrüder nicht mehr kennen, sind für Plum die Erwachsenen schuld. Die Märchen müssten durch Erwachsene, durch gute Vorleser und Erzähler vermittelt werden, „dann sind die Kinder auch offen für die Geschichten“.

Oft heißt es auch, Grimms Märchen seien viel zu grausam für die Kinder von heute. „Wenn ich sie aber mit dem Fernsehprogramm am Nachmittag vergleiche, dann sind die Märchen eher harmlos“, sagt Reichard. „Viele haben Angst, den Kindern zu viel Grausamkeit zuzumuten, aber die drastische Darstellung von Gut und Böse wird von Kindern oft besser verarbeitet als wir uns das vorstellen“, sagt Plum.

Die Zeiten haben sich geändert. Das ist auch den Buchtiteln anzumerken. Es ist noch nicht lange her, da hießen Kinderbücher zum Beispiel noch „Puschel und sein Teddybär“. Heute tragen sie Titel wie „Lena will auch ein Handy“.

Den Klassikern laufen moderne Märchen wie „Biss zum Morgengrauen“ oder „Eragon“ den Rang ab. Nur wenige sind heute nach wie vor beliebt. Dazu zählen für die Bibliothekarin „Der kleine Prinz“, „Krabat“, „Die fünf Freunde“ oder „Die Schatzinsel“. „Die gehen immer noch.“ Das zeige das Bedürfnis nach fantastischen und märchenhaften Inhalten. „Das Interesse daran ist ungebrochen oder soagr noch gestiegen“, sagt Plum.

Ina Mertens aus Höfen besucht mit ihren Kindern Nils (9) und Maren (7) öfter die Bücherei. Die Beiden wissen zwar noch, dass Gretel die Schwester von Hänsel ist, und dass Dornröschen von einem Prinz wachgeküsst wird, wenn sie die Wahl haben, entscheiden sie sich aber lieber für etwas anderes.

Nils mag Sachgeschichten über Bauernhöfe und „Gregs Tagebücher“. Maren findet die Conni-Geschichten, die von einem kleinen Mädchen erzählen, toll. „Die meisten Märchen kennen sie nur aus dem Fernsehen. Das große Märchenbuch war zu kompliziert und komisch geschrieben, so dass man beim Vorlesen einen Knoten in die Zunge bekommt“, sagt die Mutter.

„Die Sprache ist bei Märchen und Kinderklassikern oft eine Barriere“, sagt auch Trixi Reichard. Viele Ausdrücke und Redewendungen seien heute nicht mehr bekannt. „Man muss zwar einige Ausdrücke erklären, diese Sprache kann aber auch faszinierend sein. Die Erwachsenen müssen halt mehr erklären“, sagt Plum.

Auf der anderen Seite gibt es aber auch an die moderne Sprache angepasste Klassiker wie Onkel Toms Hütte oder Huckelberry Finn. „Es muss aber auch nicht immer alles mundgerecht sein“, findet Reichard.

Auch wenn sie nur noch selten ausgeliehen werden, werden die Märchen von Hans Christian Andersen, von Wilhelm Hauff und der Gebrüder Grimm noch lange ihren Platz in den Büchereien behalten. „Das ist wie mit Goethe, Schiller oder Lessing. Die Märchen zählen zur klassischen Literatur. Die muss man einfach haben“, sagt Reichard.

Jede Generation müsse auf ihre Art und Weise den Schatz der Märchen wieder neu bergen, ist Rita Plum überzeugt. „Es ist ein Schatz, der bewahrt werden muss.“

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