Greifvögel nisten am Wohnhaus: Wegen Falken wird Garten zur Sperrzone

Von: Andreas Gabbert
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Mit dem Fernrohr auf der Lauer: Roswitha Weinberg hat die Aufzucht der jungen Turmfalken in dem Nistkasten an ihrem Haus genau verfolgt und ihre Beobachtungen sorgfältig niedergeschrieben. Foto: A. Gabbert
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Junge Turmfalken im Nistkasten am Hausgiebel von Roswitha Weinberg: Ende Juli verließ auch der letzte Vogel sein Zuhause. Foto: Weinberg

Simmerath. Zwischen Sträuchern und Hecken hat Roswitha Weinberg ihr Stativ aufgebaut und das große Fernrohr auf ihr Haus an der Heustraße in Simmerath ausgerichtet. Wochenlang hat sie so das Geschehen verfolgt und dokumentiert. Erst war alles ganz still und nichts zu sehen. Es spielte sich in aller Heimlichkeit ab, und die Hobbyornithologin fragte sich schon: „Sind sie noch da? Brüten die jetzt überhaupt?“

Nach 2015 hat in diesem Jahr zum zweiten Mal ein Turmfalkenpärchen in dem Nistkasten unter dem Giebel ihres Hauses gebrütet. Auch 2016 waren die Vögel da, und alles war vorbereitet. Doch nach einem Kälteeinbruch mit Schnee Ende April waren die Vögel verschwunden.

Gleich elf Brutkästen finden sich rund um das Haus. Stare, Haussperlinge, Hausrotschwänze und Turmfalken sollen dort ein Zuhause finden. „Als wir in die Eifel zogen, war für uns klar, dass rund um das Haus Nistkästen angebracht werden“, sagt die 63-Jährige, die seit über 30 Jahren im Naturschutz aktiv ist. Beim Arbeitskreis Naturschutz e.V. in Stolberg war sie lange Zeit im Vorstand tätig.

Sie engagierte sich auch für den Amphibienschutz und sorgte in Zusammenarbeit mit der Städteregion Aachen dafür, dass im Bereich Einruhr/Erkensruhr Ersatzlaichgewässer angelegt wurden, die von ihr betreut werden. „Es ist ein Privileg, in der Eifel zu wohnen, weil hier noch sehr viel Natur vorhanden ist und die Bebauung noch nicht so fortgeschritten ist“, sagt sie.

Fünf Küken geschlüpft

Einige der Nistkästen an ihrem Haus waren in diesem Jahr schon dreimal belegt. Oft dauert es aber auch Jahre, bis einer der Kästen bezogen wird. Auf die Idee, auch einen Nistkasten für Falken aufzuhängen, kam Weinberg, weil ihr Nachbar schon lange eine solche Nisthöhle hatte, die immer wieder bewohnt wurde.

Groß war die Freude im Hause Weinberg, als die Turmfalken in diesem Frühjahr zurückkehrten und das Weibchen um den 14. Mai herum mit der Eiablage begann. Ihren geliebten Garten konnten die Weinbergs fortan nur noch sehr eingeschränkt nutzen und erklärten ihn zum Sperrgebiet. „Wir waren sehr zurückhaltend und haben uns zur Zeit des Brütens gar nicht im Garten blicken lassen, um die Vögel nicht zu stören. Ich überlasse dann alles der Natur“, sagt Roswitha Weinberg.

Als die fünf Küken Mitte Juni innerhalb von sieben bis neun Tagen schlüpften, zog es die engagierte Naturschützerin auch wieder in ihren Garten. Um die Altvögel beim Füttern nicht zu stören, beobachtete sie die Jungvögel aus circa 30 Metern Entfernung mit ihrem Fernrohr, getarnt in der Wildstrauchhecke ihres Gartens.

Ihre Beobachtungen hat die Hobbyornithologin sorgfältig niedergeschrieben. „Zu Beginn der Nestlingszeit füttert das Männchen alleine, es übergibt die erbeuteten Mäuse dem Weibchen, das die Beute in kleine Stücke für die Küken zerlegt. Bei diesen Aktionen lässt sich das Männchen, das mit der Beute anfliegt, nicht gerne beobachten. Manchmal fliegt es, wenn es mich wahrnimmt, irritiert mit der Maus wieder fort und kommt zu einem späteren Zeitpunkt wieder“, hat Weinberg in ihren Aufzeichnungen notiert.

Hochblicken nicht gestattet

Im Laufe der Zeit gewöhnten sich die Altvögel bei der Futterübergabe an die Beobachterin im Garten, die sich nun nicht mehr in der Hecke verstecken musste. Innerhalb der circa vierwöchigen Nestlingszeit hatten sich die Vögel soweit an sie gewöhnt, dass sie auch das Gärtnern nahe dem Nistkasten zuließen. „Allerdings durfte ich dabei kein einziges Mal nach oben schauen, dann flog der Altvogel mit der Beute wieder davon. Hochblicken war nicht gestattet“, erzählt Weinberg.

Sie interessierte sich auch dafür, was die jungen Turmfalken so trieben, während sie auf ihr Futter warteten und notierte: „Stundenlang schauen sie sich die dicken Fliegen an, die vor dem Nistkasten hin und her fliegen oder auf der vollgekoteten Sitzstange sitzen. Oder sie zupfen an den Resten der letzten Mahlzeit, die sich zwischen ihren oder den Zehen der Geschwisterküken befinden. Manchmal schnäbeln die Küken und verbringen viel Zeit mit der Gefiederpflege. Stundenlang dösen sie vor sich hin und werden dabei heftig von Insekten malträtiert.

Anfang Juli verließen die ersten beiden Nestlinge den Nistkasten. Der erste Vogel war flügge und landete auf dem Balkon, das zweite Tier in der Eibe des Nachbargartens. Durch die Lockrufe der Altvögel in den circa 100 Meter weit entfernten Rotbuchen machten sich die flüggen Jungvögel auf den Weg zu ihnen. „Danach habe ich diese beiden Jungvögel nicht mehr gesehen“, sagt Weinberg.

Ein besonderer Vogel

Das Nesthäkchen, ein etwas schmächtigeres Jungtier, verließ den Nistkasten als letztes. „Das war ein besonderer Vogel“, sagt Weinberg. „Er fliegt drei Tage lang ab und zu ganze 20 Meter vom Nistkasten auf die Dächer des Insektenhotels und des Geräteschuppens, die in unserem Garten stehen. Dabei leisten ihm zwei Geschwistervögel auf den Dächern Gesellschaft. Alle drei Jungtiere werden von den Altvögeln gefüttert. Zum Übernachten fliegen sie auf einen Starenkasten, der unterhalb des Turmfalkennistkastens hängt, um dort, eng aneinander geschmiegt, zu schlafen“, ist in den Aufzeichnungen der Naturschützerin nachzulesen.

Bis zum 27. Juli hielten sich diese drei Jungvögel noch in den Gärten an der Simmerather Heu-straße auf. „Das war so süß, wie sie sich hier eine Woche lang im Garten herumgetrieben haben. Das war ein richtiges Vergnügen sie zu beobachten“, sagt Weinberg. „Ab dem 28. Juli haben alle Jungtiere unseren Garten verlassen. Ab und zu höre ich die Bettelrufe der Jungvögel in den Rotbuchen. Heute morgen (31. Juli) saß ein Jungvogel mit einer Maus in den Fängen und zerpflückte diese auf der Fichtenspitze in unserem Garten. Wer weiß, vielleicht wollte er mir zeigen, dass er gelernt hat, Mäuse zu erbeuten, so wie es auch die Katzen machen“, schreibt sie in ihren Beobachtungen.

Jetzt ist es in dem Garten der Weinbergs wieder stiller geworden. Zwei Blaumeisen, drei Zilpzalps, zwölf Haussperlinge, zwei Gimpel, drei Elstern, drei Hausrotschwänze und ein fütterndes Amselmännchen auf Nahrungssuche hat die Naturschützerin in den vergangenen Tagen dort noch beobachtet, die Turmfalken scheinen sich aber endgültig verabschiedet zu haben. Doch wenn Roswitha Weinberg in Simmerath über die Felder spazieren geht, hält sie immer noch Ausschau nach „ihren Vögeln“.

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