Aachen - Goldschmiede: Der Glanz alter Tage ist Geschichte

Goldschmiede: Der Glanz alter Tage ist Geschichte

Von: Angela Delonge
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Gold, Silber und Edelsteine: Goldschmiede wie Sabine Comouth beschäftigen sich mit den schönen Dingen des Lebens. Trotzdem ist der Beruf vom Aussterben bedroht. Foto: M. Jaspers
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Goldschmied mit Leidenschaft und eigener Werkstatt: Georg Comouth ist Obermeister der Aachener Gold- und Silberschmiedeinnung. Foto: M. Jaspers

Aachen. Wer Goldschmied werden will, muss damit leben können, sich die Hände schmutzig zu machen. Der feine Abrieb von Gold und Silber setzt sich als schwarzer, fettiger Staub in jede Rille der Haut. Abwaschen zwecklos. Es ist ein Berufsrisiko. Eines, um das sich niemand mehr sorgen muss, denn wer will heute noch Goldschmied werden?

Der Beruf, früher Königsdisziplin des Handwerks und immer wieder gerne von bildungsgenervten Abiturienten gewählt, ist tatsächlich vom Aussterben bedroht. Ein einziger Mensch hat in diesem Jahr seine Ausbildung im Bezirk der Handwerkskammer Aachen begonnen, in einem Betrieb der Gold- und Silberschmiedeinnung in Erkelenz.

Ingesamt werden im Kammerbezirk derzeit acht Goldschmiede ausgebildet. Die Berufsschule in Köln konnte für die nächsten zwei Jahre gerade noch einmal gerettet werden. Wie es danach weitergeht, weiß niemand. Vielleicht gibt es bald nur noch eine einzige Berufsschulklasse in Nordrhein-Westfalen, in die dann alle Goldschmiedelehrlinge zusammen gehen. Die Aachener Berufsschulklasse ist ohnehin längst Geschichte.

Die Zukunftsaussichten seiner Zunft sind für Innungsmeister Georg Comouth alles andere als rosig, seine Stirn ist voller Sorgenfalten. „Wir sind zum großen Teil Getriebene“, sagt Comouth betrübt. Goldschmied ist ein „Splitterberuf“ geworden, es ist eine Branche, die kaum noch Lehrlinge ausbildet.

Einer der Gründe dafür liegt zwölf Jahre zurück: Seit 2004 ist das Gold- und Silberschmiedehandwerk zulassungsfrei, das heißt, es braucht weder Meisterbrief noch Gesellenprüfung, um einen Betrieb zu eröffnen und eigenen Schmuck zu verkaufen. Seitdem ist das gute, alte Handwerk mächtig ins Hintertreffen geraten.

Immer weniger Bewerber

„Der Drang, ohne Ausbildung direkt auf den Markt zu gehen, wird immer größer“, sagt Georg Comouth. So geht eben auch die Zahl der Ausbildungsbewerber kontinuierlich zurück, ein Betrieb wie seiner könnte sich auch gar keinen Lehrling mehr leisten. Seit 55 Jahren existiert die „Goldschmiede Comouth“ an derselben Adresse in Aachen, gegründet 1961 von Vater Helmut.

Vier Plätze gibt es in der Werkstatt. Heute arbeitet nur noch Georg Comouth Vollzeit, seine Frau Sabine und sein 80-jähriger Vater sind mit je einer halben Stelle eingespannt, zwei Plätze sind gar nicht mehr besetzt.

Über das Materielle hinaus

Ja, vor Weihnachten hätte man gerne mehr helfende Hände. Für Goldschmiede ist jetzt Saison, und nicht wenige Kunden kommen auf den letzten Drücker. Sind im Jahresverlauf vor allem Reparaturen – auch für Juweliere – oder kleinere Anfertigungen zu erledigen, ist dies die Zeit für große Aufträge. Gewünscht: ein individuelles Schmuckstück, dessen Wertigkeit über das Materielle hinausgeht. „Das in Zusammenarbeit mit dem Kunden zu entwerfen, dafür sind wir Goldschmiede da“, sagt Georg Comouth.

Auch für alte Schmuckstücke wird das Handwerk gebraucht. Mit Hilfe des Goldschmieds kann daraus Neues entstehen: aus der Brosche der Mutter wird ein Collier, die Ohrringe der Tante werden zum Ring. So werden mit neuen, alten Schmuckstücken Traditionen weitergelebt. „Diese Arbeit ist eine Nische“, sagt Innungsmeister Comouth, und in seiner Stimme schwingt Optimismus mit, „aber es ist unsere einzige Chance.“

Der Schmuckhandel blüht

Die Welt, wie sie heute ist, macht den Goldschmieden und ihrer hoch qualifizierten Arbeit das Leben schwer: globalisierte Händlerströme, der Tourismus mit Einkaufsmöglichkeiten in aller Welt, wo teilweise vier- bis fünfstellige Summen für Schmuck ausgegeben werden, und natürlich die Digitalisierung, die heute jeden zum Schmuckdesigner in eigener Sache werden lässt.

Und so raubt das Internet nicht nur potenzielle Kunden sondern gebiert auch immer mehr potenzielle Konkurrenten. Der Handel mit Juwelierware blüht, im Internet, im Fernsehen, aber auch vor Ort – die Zahl der Geschäfte, die Schmuck verkaufen, hat sich im Bereich der Industrie- und Handelskammer Aachen in den letzten fünf Jahren fast verdoppelt. Die Zahl der Gold- und Silberschmieden ist dagegen deutlich zurückgegangen.

Georg Comouth hat also berechtigten Grund zur Sorge. „Die Billigproduktion vor allem aus Fernost ist auch in unserer Branche angekommen“, sagt der 51-Jährige. Er kann nicht verstehen, warum manche Menschen einem x-beliebigen Händler in irgendeinem Teil der Welt mehr vertrauen als dem ausgebildeten Goldschmied vor Ort. Vielleicht, weil letztlich doch nur der Preis zählt?

Das ist ein Thema, bei dem der Innungsmeister in Fahrt kommt. Natürlich sei es billiger, 1000 Ringe herzustellen als einen, sagt Comouth. Und mit einer 333er-Legierung zu arbeiten, die in Wahrheit aber nur eine sehr oberflächliche Vergoldung sei: „Da können wir nicht mithalten“.

Aber der Fachmann wirbt dafür, bei billigem Schmuck genauer hinzuschauen und nicht blind jedem Bling-Bling zu vertrauen. Denn viele Käufer, die vermeintlich ein Schnäppchen gemacht haben, landen am Ende doch in seiner Werkstatt. Schon nach wenigen Wochen ist das gute Stück oft kaputt.

Dann ist Vermittlungsgabe gefragt: Comouth muss erklären, warum die Reparatur nicht lohnt oder unmöglich ist, ohne dabei in den Verdacht zu geraten, dass er ja nur selber Geld verdienen will. Dabei ist es meistens ganz einfach: Das Gold ist so dünn, dass man damit gar nicht arbeiten kann, die Steine sind geklebt, oft nicht einmal echt. Der schöne Schein eben.

Es gibt drei Dinge, für die Georg Comouth kämpft: seinen Beruf, die Innung und den Abbau von Schwellenangst. Die sei in Bezug auf die Goldschmiedewerkstatt relativ hoch. Der Gedanke, „wie komme ich hier wieder raus, wenn ich nichts kaufe?“ sei sehr präsent, und deshalb kämen viele Leute erst gar nicht herein. „Schade“, sagt Comouth, „denn wir Goldschmiede schwatzen unseren Kunden nichts auf.

Wir lassen ihre Ideen und Träume Gestalt annehmen.“ Auch dann, wenn das Geld nicht so locker sitzt. „Wir finden fast immer eine Lösung“, sagt Comouth und erzählt von einer Kundin, die sich in ein leider sehr teures Schmuckstück verliebt hatte. Die Lösung: anderes Material, weniger Aufwand – und schon war das Objekt der Begierde erschwinglich geworden.

Die Aachener Innung

So werden Goldschmiede zu Wunscherfüllern. Sie haben Kenntnis vom Wert des Materials genauso wie von immateriellen Werten. Und sie stehen zusammen in der Aachener Innung, die seit dem Jahr 1510 die Tradition dieser Zunft hochhält. Unter dem Motto „Gemeinsam glänzen“ hat Georg Comouth 25 Mitglieder um sich versammelt, das sind mehr als noch vor einigen Jahren.

17 von ihnen haben die diesjährige Jahresausstellung im Aachener Rathaus bestückt. Die Veranstaltung findet alle zwei Jahre statt und wurde schon zwölfmal auf die Beine gestellt. 4000 Menschen haben sie besucht. Am Ende steht der Satz: „Goldschmied ist ein toller Beruf, er bietet so viele Möglichkeiten.“ Und dabei hellt sich Georg Comouths Miene endgültig auf.

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