Simmerath - Gibt es bald weniger Ärzte in der Eifel?

Gibt es bald weniger Ärzte in der Eifel?

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Weniger Einwohner und große Entfernungen: Das sind die Herausforderungen, denen sich Eifeldörfer, wie hier im Bild die Ortschaft Dedenborn, stellen müssen.

Simmerath. Der demografische Wandel stellt die Gesellschaft vor große Herausforderungen – gerade auch im ländlichen Bereich. Besonders deutlich wurde das, als Prof. Dr. Dirk Vallée vom Institut für Stadtbauwesen und Stadtverkehr der RWTH Aachen im Simmerather Rathaus über das „Aktionsprogramm regionale Daseinsvorsorge“ informierte.

In Simmerath und der Städteregion stehen dabei die soziale Infrastruktur und deren Erreichbarkeit im Vordergrund. Besonderen Stellenwert haben die Themen Kindertagesbetreuung, Ärztliche Versorgung und der öffentliche Personalverkehr.

Im Kreis Düren steht das Gemeinschaftsleben mit den Themen Brandschutz und Ehrenamt im Mittelpunkt, im Kreis Euskirchen sind es die technische Infrastruktur und die Siedlungsentwicklung.

Die einzelnen Themen werden zunächst in „Patenkommunen“ exemplarisch behandelt (Für die Städteregion wurde Simmerath ausgewählt), anschließend werden die Ergebnisse zusammengefasst, um sie in einer Regionalstrategie zur Daseinsvorsorge münden zu lassen, in der Maßnahmen und Ziele formuliert werden.

Der demografische Wandel führe insgesamt zu rückläufigen Einwohnerzahlen, durchschnittlich um 9 Prozent. Die Bevölkerung altere stark, die Zahl der Schüler und Erwerbstätigen sänke und die Siedlungsdichte nehme ab, erklärte Prof. Dr. Dirk Vallée. „Das hat Konsequenzen für das Leben vor Ort“, betonte der Wissenschaftler.

Auch die Eifel stelle dies vor besondere Herausforderungen. Wenn zukünftig nicht mehr alles im Dorf erledigt werden könne, sei die Frage, wie das Leben organisiert werden könne, wer wem helfe und wie man Geschäfte, Schulen, Kitas, Arztpraxen und andere Dinge am besten erreichen könne.

Es gelte sich bereits jetzt mit den Herausforderungen der Zukunft auseinander zu setzen und genau zu überlegen, in welche Projekte investiert wird. In diesem Zusammenhang ging er exemplarisch auf die Betreuung der unter Dreijährigen in den Kindertagesstätten ein. Momentan sei es zwar problematisch, jedem Kind einen Platz zur Verfügung zu stellen. Irgendwann schlage aber die zu erwartende geringere Kinderzahl durch, und dann bestehe das Risiko, das man zu viel gemacht und Geld verbrannt habe.

Am Beispiel Simmerath haben die Forscher der RWTH die Erreichbarkeit von Allgemeinmedizinern mit dem Auto und die fußläufige Erreichbarkeit von Kindertagesstätten und Kindergärten untersucht, um Leitbilder und Entwicklungsszenarien aufstellen zu können.

Die Veränderung der Familien- und Arbeitsstrukturen im Zuge des demografischen Wandels führe zu einer Forderung nach flexiblen Betreuungszeiten. Demnach müsse ein Kindergarten eigentlich von 6 bis 20 Uhr geöffnet haben. Gleichzeitig ergebe sich die Frage, wie Bildungsangebote organisiert werden können, wenn der Bedarf sehr individuell geregelt werden müsse.

Mit Blick auf die ärztliche Versorgung sei eine Überalterung der Ärzteschaft, mit Praxisschließungen und mit einer Konzentration auf die Zentralorte zu rechnen. Gleichzeitig steige aber die Zahl der älteren Personen und damit der Bedarf.

Spätestens in diesem Zusammenhang käme dann auch der ÖPNV ins Spiel, sagte Vallée. In der Eifel sei zwar ein dichtes Netz an Haltestellen vorhanden, die Bedienung konzentriere sich aber nur auf die Hauptverkehrszeiten. Es nutze nur wenig, wenn die Haltestellen vorhanden wären, aber nur zweimal am Tag angefahren würden. Verschärft würde die Situation weil sinkende Schülerzahlen die finanzielle Basis des ÖPNV gefährdeten. Hinzu komme noch, das bei sinkenden Einwohnerzahlen auch die Fahrgastzahlen sinken würden. Bedarfsabhängige Angebote seien auf der anderen Seite in der Eifel wenig bekannt.

Das Zwischenergebnis sei, dass die Problematik (noch) nicht bzw. nur vereinzelt gesehen werde. Demnach sei das Bewusstsein bei den Bürgern und den Entscheidungsträgern noch ausbaufähig. Gleichzeitig müsse das sektorübergreifende Denken und Handeln gestärkt werden. Kreative Idee zur Lösung der Probleme seien zwar vorhanden, aber rechtliche Verpflichtungen und Anspruchsdenken würden große Probleme bereiten. „Jetzt handeln heißt, Optionen und Gestaltungsspielräume zu sichern. Es geht darum, zu agieren statt zu reagieren“, betonte Vallée.

Betreuung zu sichern sei eine Mehrgenerationenbetreuung von Kindern, Behinderten und Senioren, erklärte Vallée. Eine andere sei, im Rahmen einer Weiterbildungsoffensive mehr Tagesmütter auszubilden. Bildungsangebote könnten durch eine Pflichtanwesenheit zu bestimmten Zeiten und ab einem bestimmten Alter umgesetzt werden.

Mit Blick auf die Erreichbarkeit der Einrichtungen, müsse über multifunktionale Zentren für Kinderbetreuung, Familienberatung, Arztbesuche und Einkaufsmöglichkeiten nachgedacht werden. Auf der anderen Seite seien aber auch „Satellitenstandorte“ mit einer wohnortnahe Betreuung denkbar. Dies habe den Vorteil der Erreichbarkeit und der Schaffung bzw. Stabilisierung von sozialen Kontakten zwischen Kindern, Eltern, Großeltern, Einheimischen und Zugezogenen.

Ein weiteres Modell sei die betriebliche Kinderbetreuung, bei der Kommunen und Arbeitgeber kooperieren würden. Möglich sei auch eine gebündelte Nachmittagsbetreuung an weniger Standorten, bei der mehrere Einrichtungen kooperieren.

Von Vorteil sei außerdem eine Vereinfachung der Absprachen bezüglich des Bring- und Abholdienstes durch eine Mobilitätsbörse über die sich Eltern besser absprechen könnten.

Um die ärztliche Versorgung sicherzustellen, sei eine gute Versorgung mit Breitband-Internet enorm wichtig, erklärte Vallée. Das sei eine wesentliche Voraussetzung für die Abrechnung, die Kommunikation und für ein Onlineangebot zur ärztlichen Beratung. Zum Beispiel könnten Ultraschallbilder oder Röntgenaufnahmen so von einem Experten aus der Ferne begutachtet werden.

Neue Ärzte könnten über „regionale Praxisbörsen“ angeworben werden. Gute Verdienstmöglichkeiten könnten dabei ein Anreiz für die Niederlassung sein, deshalb müssten auch Hausbesuche in großer Entfernung ausreichend vergütet werden.

Außerdem sei eine Anpassung der Standards für den ländlichen Raum von Nöten. Zum Beispiel könnten Vorgaben gelockert werden, die bestimmte Geräte vorschreiben, um Leistungen abrechnen zu dürfen, sagte Vallée. Außerdem könnten qualifizierte Praxiskräfte Teilaufgaben der ärztlichen Versorgung übernehmen. „Warum sollen bestimmte Dinge, etwa das Wechseln eines Verbandes, nicht von Pflegekräften übernommen werden“, sagte Vallée.

Auch mit Blick auf die ärztliche Versorgung biete sich die Einrichtung von multifunktionalen Einrichtungen an. Ein medizinisches Versorgungszentrum mit stundenweise arbeitenden Fachärzten sei ebenso vorstellbar wie eine „rollende Arztpraxis“, um die Versorgung immobiler Personen sicherzustellen.

Um die Erreichbarkeit zu verbessern sei über ein bedarfsgerechtes ÖPNV-Angebot nachzudenken. Das müsse räumlich flexibel sein, etwa durch Zu- und Ausstiegsmöglichkeiten während der gesamten fahrt. Zeitlich flexibel könne es durch ein Taxibussystem oder ein Anrufsammeltaxi sein. Neue Formen der Mobilität wie Carsharing, Fahrgemeinschaften, Mitfahrgelegenheiten, ein Bürgerbus sowie die Organisation über eine (online) Mobilitätsbörse könnten ebenfalls Verwendung finden. Hinzu kommen könnten mobile Dienstleistungs- bzw- Versorgungskonzepte. Vorstellbar wären zum Beispiel ein rollender Supermarkt, eine rollende Arztpraxis, ein mobiles Bürgeramt und ein Einkaufsbus. Voraussetzung sei dann aber eine offensive Bewerbung der Einrichtungen und eine intensive Nutzung durch die Bürger, erklärte Vallée.

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