Flüchtlingsrat zeigt zwei Kurzfilme des Regisseurs Michael Chauvistré

Von: Pia Sonntag
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Die Flüchtlinge (hier an der Grenze zwischen Ungarn und Serbien) nehmen häufig gefährliche und lange Wege auf sich, um an ihr auserkorenes Ziel zu gelangen. Die Wege der Flucht werden in einem Dokumentarfilm nachgezeichnet, den nun der Flüchtlingsrat Roetgen zeigte. Foto: Imago/Zuma Press
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Der Regisseur Michael Chauvistré (links) und sein Hauptdarsteller Julio freuen sich über tosenden Beifall nach der Vorführung. Foto: Pia Sonntag

Roetgen. „Einfach nur um zu leben ging ich nach Deutschland“, sagt Julio aus Kamerun mit zittriger Stimme. Er hatte keine andere Wahl, wie so viele. Während er seine Flucht Revue passieren lässt, schießen ihm Tränen in die Augen. Das Trauma lässt sich nur schwer in Worte fassen.

In den beiden Kurzfilmen des Aachener Regisseurs Michael Chauvistré aus Aachen, die am Mittwoch im Roetgener Pfarrheim mit Unterstützung des Flüchtlingsrats vorgeführt wurden, geht es um die Geschichte und um den Leidensweg unbegleiteter Flüchtlinge. Ihre Zukunft und ihre Lebensumstellung in einem für sie vollkommen fremden Land wurden ebenfalls thematisiert. Diese Filme zeigten, wie verschiedene Kulturen es schaffen, miteinander zu leben und sogar voneinander zu profitieren. Gedreht wurde in Aachen.

Der 18-jährige Hauptdarsteller Julio lebt seit über einem Jahr in Deutschland. Er wuchs mit Gewalt in der Familie auf und ist froh und dankbar, in Deutschland ein neues Leben gefunden zu haben: „Ich bin glücklich in Deutschland zu sein. Es gibt so viele nette Leute hier, die nicht so egoistisch sind wie in meinem Herkunftsland. Ich wurde hier herzlich und liebevoll empfangen.“ Der junge Mann hat in seinem bisherigen Leben schon einiges erlebt. Durch Länder wie Marokko, Spanien, Frankreich und Belgien reiste er, um nach Deutschland zu gelangen.

Für diese Reise musste er sehr viel Geld investieren. Seine Flucht war nicht vorbereitet und deswegen hatte er auch zunächst kein konkretes Ziel vor Augen, berichtet er im Film. Einige Strecken legte er sogar zu Fuß zurück, weil sein Geld nicht ausreichte. Über ein Jahr hat seine Flucht gedauert. Sein jüngerer Bruder, der ihn begleiten wollte, musste zunächst krank zurückbleiben, doch auch er hat es mittlerweile nach Deutschland geschafft. Immer wieder muss er neu ansetzen, da ihm die Stimme versagt. Im Film wurde dieser emotionale Moment durch melancholische Musik untermalt.

Ein anderer junger Flüchtling erzählte im Film, dass er in Afghanistan vor den Taliban fliehen musste. Seine Vergangenheit ist geprägt von Gewalt, Missbrauch, dem Verlust seines Vaters und anderer Familienangehöriger. Die Stimmung bei den Zuschauern war gedrückt. Regisseur Michael Chauvistré, der das Projekt mit seiner Frau zusammen umsetzte, zeigt seine Darsteller in dem Film „Um zu leben“ in einer fluchtähnlichen Situation.

Eine Gruppe unbegleiteter Flüchtlinge rennt hektisch und ohne Ziel durch einen Wald. Sie verstecken sich ab und zu, sobald sie ein bedrohliches Geräusch vernommen haben. In der nächsten Szene hält die Polizei, die bei dem Film mitwirkte, ein Auto an. Das Auto wird durchsucht und die jugendlichen Insassen werden vernommen.

Einer der Flüchtlinge befindet sich im Kofferraum des Fahrzeugs. Der Polizist findet ihn zusammengekauert und mit weit aufgerissenen Augen vor. Fassungslosigkeit steht ihm ins Gesicht geschrieben. Die Risikobereitschaft der Flüchtlinge ist groß. Viele Schlepper nutzen die Situation ohne Mitgefühl aus und befördern diese Menschen wie Vieh in ihren Transportern.

Was passiert, wenn die Jugendlichen ihr Ziel, nach Deutschland zu kommen erreicht haben, wird in dem Film „Wie geht Deutschland?“ dargestellt. Wie gehen nicht nur die Flüchtlinge mit der neuen Tradition, den Gewohnheiten oder anderen Sitten um, sondern wie schaffen wir Deutschen es eine schnelle Integration zu gewährleisten?

„Der erste Schritt dahin ist Verständnis“, heißt es in dem Film. Verständnis dafür, dass die jungen Männer nicht wissen, wie man unter der Dusche warmes und kaltes Wasser regeln kann. Dass man im Straßenverkehr bestimmte Regeln beachten muss, die bei uns schon die Grundschulkinder gelernt haben, ist ein weiterer Schritt. Deutsche Pünktlichkeit, die freie Meinungsäußerung oder die Mülltrennung ist für uns selbstverständlich und alltäglich. Für die jungen Flüchtlinge ist das keineswegs der Fall, alles muss verständlich dargelegt werden.

Alles brauche seine Zeit und werde erst nach einigen Jahren für die Neuankömmlinge zur Selbstverständlichkeit, lautete das Fazit. Der Inhalt der Filme wurde nach der Vorführung vor rund 40 Zuschauern in einer Diskussion noch einmal aufgegriffen. Unter anderem wurde gesagt, dass die Hilfe ehrenamtlicher Helfer unverzichtbar ist. Vor allem Paten werden gesucht, die bei Fragen mit Rat und Tat zur Seite stehen. Neben dem Deutschunterricht, stehen solche Paten den Flüchtlingen auch beim Gang zum Sozialamt oder bei Fragen zur Finanzierung zur Verfügung. Derzeit sind über 600 Flüchtlinge in Aachen untergebracht, die dringend Unterstützung brauchen.

Eine weitere Frage war, warum keine Flüchtlingsfrauen in dem Film gezeigt wurden. Der Grund dafür sei, dass die Reise unter anderem wegen Zwangsprostitution viel zu gefährlich wäre. Daher investierten die Familien bevorzugt das Geld für eine Flucht der Männer. Julio berichtete abschließend, dass er sich mittlerweile heimisch fühlt und eine Ausbildung als Krankenpfleger absolviert.

Michael Chauvistré zeigte in seinen Filmen, wie man gemeinsam die Krise meistern kann. Dazu gehörte zunächst einmal gegenseitiges Verständnis und Mitgefühl für die jungen von der Flucht gezeichneten Menschen. Durch die große Anzahl ehrenamtlicher Helfer erhalten die Flüchtlinge die Möglichkeit, ihr Leben in einem für sie fremden Land zu meistern.

Er zeigt aber auch anhand seiner Filme, dass viele der jungen Asylanten sich schnellstmöglich in Deutschland integrieren wollen und mehr als dankbar sind, eine zweite Chance bekommen zu haben. Wer Interesse an der DVD hat, kann sich an den Roetgener Flüchtlingsrat bei Maria Feige unter der Telefonummer 0157-82658539 wenden. Eine Fortsetzung der Filmreihe ist um die Weihnachtszeit geplant.

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