Flüchtlinge in Einruhr: Zwischen Willkommenskultur und Verunsicherung

Von: Annika Kasties und Peter Stollenwerk
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Willkommenskultur im Eifelhaus Einruhr: Die Botschaft von Inhaber Franz Hoffmann in seinem Lokal ist eindeutig. Foto: P. Stollenwerk
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Vorübergehend ein Platz für Flüchtlinge: Der Bettentrakt des Hotels Sonnenhof auf dem Hostertberg in Einruhr ist derzeit als Notunterkunft des Landes NRW voll belegt. Foto: P. Stollenwerk

Einruhr. Das Oberseedorf Einruhr ist zum Platz für Flüchtlinge aus aller Welt geworden. 130 Menschen aus Krisengebieten sind seit dem 7. Juli im leerstehenden Hotel Sonnenhof untergebracht. Das Land NRW hat den Hotelkomplex auf dem Hostertberg als Notunterkunft fürs Erste bis zum 15. September 2015 angemietet.

Ortsvorsteher Christoph Poschen hat in zwei Bürgerinformationen bereits versucht, die ersten Wogen zu glätten und seine von der neuen Situation völlig überraschten Mitbürger mit den wichtigsten Informationen zu versorgen. Weitere Informationen gibt es am Mittwochabend bei einer Veranstaltung im Heilsteinhaus.

Auch in der Gastronomie, für die gerade die so wichtige Sommersaison läuft, wird das Thema Flüchtlinge intensiv diskutiert. Die Lokalredaktion hat sich vor Ort umgehört, wie es um die viel zitierte Willkommenskultur bestellt ist.

Franz Hoffmann vom Eifelhaus am Obersee möchte ein guter Gastgeber für alle sein. In seinem Lokal hat er eine Tafel aufgehängt mit seinem persönlichen Zitat des Monats: „Es gibt viele Flüchtlinge, sagen die Menschen. Es gibt wenig Menschen, sagen die Flüchtlinge“, ist hier zu lesen. „Man sollte die Leute positiv aufnehmen“, sagt Hoffmann. Schließlich sei Einruhr ja für seine Gastfreundschaft bekannt. Hoffmann, der privat unmittelbar neben der Flüchtlingsunterkunft wohnt, sieht keinerlei negative Auswirkungen aufs touristische Geschäft durch die Anwesenheit der Flüchtlinge. „Das ist doch alles Quatsch.“ Und außerdem: „Wenn nur die Gäste willkommen sind, die auch Geld mitbringen, dann stimmt doch etwas nicht.“

Auch Wolfgang Bexten vom Café zur Post hält wenig von derlei Befürchtungen. „Ich glaube, diese Sorgen haben eher mit der Angst vor dem Neuen und dem Fremden zu tun. Da werden unnötig Pferde scheu gemacht.“ Auch der 27-Jährige wohnt in der Nähe des Hotels Sonnenhof und kann von keinen negativen Erfahrungen berichten: „Bisher waren alle sehr höflich und freundlich.“ Sein Vater Günter Bexten kann dem nur beipflichten. Die Problematik sieht er an anderer Stelle. „Für die Bewohner Einruhrs wäre es besser gewesen, wenn sie früher informiert worden wären. Die sind einfach ins kalte Wasser geworfen worden.“ Das gleiche gelte übrigens für die Männer und Frauen im Hotel Sonnenhof. „Die haben sich diese verlassene Ecke schließlich auch nicht ausgesucht. Die Infrastruktur ist schwach, es gibt keinen Supermarkt und keinen Friseur. So etwas kann natürlich zu Spannungen führen.“

An der Willkommenskultur der Einruhrer möchte auch Günter Wollgarten nicht zweifeln. Und dennoch: Er bleibt hinsichtlich der Auswirkungen auf den Tourismus skeptisch. Der Inhaber des Hotels Seemöve legt Wert darauf, mit seinen Sorgen nicht in die rechte Ecke gedrängt zu werden. „Meine halbe Familie stammt aus dem Orient, wir sind also sehr ausländerfreundlich“, betont Günter Wollgarten. Er sieht die Schwierigkeit vor allem in der Verhältnismäßigkeit. „Wenn 50 Flüchtlinge in Einruhr untergebracht werden, dann sagt auch keiner etwas. Doch wenn 130 Flüchtlinge in einem Ort mit 600 Einwohnern leben, stimmt das Verhältnis nicht mehr.“ Bisher machen die vorübergehenden Mitbürger laut Wollgarten einen netten Eindruck. Doch der Hotelinhaber gibt zu: „Wenn abends eine Gruppe von 20 bis 30 jungen Männern zusammensteht, verunsichert einen das. Wir kennen die schließlich nicht.“

Auch mit den Gästen des Hotels werde das Thema diskutiert. „Unsere Gäste sind nicht begeistert“, weiß Irmgard Wollgarten. „Die Leute wollen in ihrer Urlaubszeit frei von politischen Konflikten sein. Dementsprechend sind unsere Gäste zuerst ein bisschen schockiert.“ Ihre Devise lautet dennoch: abwarten und ruhig bleiben. „Alle Beteiligten sollten ein bisschen Zurückhaltung an den Tag legen, bevor man sich mit Befürchtungen zu weit aus dem Fenster lehnt.“

Kaum, dass die ersten Flüchtlinge in Einruhr angekommen waren, schauten einige auch schon am Infopunkt im Heilsteinhaus Einruhr vorbei, um sich zu informieren. Drei junge Leute aus dem Iran wollten wissen, wie man nach Aachen kommt und wo man eine Sim-Karte fürs Mobiltelefon bekommt. „Die waren sehr nett“, erzählt Karin Birkhoff von der Rursee-Touristik. Insgesamt aber treffe man nur vereinzelt Flüchtlinge im Ort an. „Die Leute haben oft lange Fluchtwege hinter sich. Da könnte ich mir vorstellen, dass sie froh sind, endlich ein Dach über dem Kopf zu haben und keine große Lust auf Aktionen haben.“

Auch Info-Punkt-Mitarbeiterin Charlotte Rämisch sieht in der Anwesenheit der Flüchtlinge durchaus eine Bereicherung für den Ort. Jetzt kann Einruhr seine Gastfreundschaft unter Beweis stellen und nach außen ein positives Bild abgeben.“

„Wenn man selbst einmal in eine Situation wie die Flüchtlinge kommen würden, dann wäre man froh für eine Bleibe“, sagt Hans Schmidt von Hotel Schütt in Einruhr. Die bisherigen Begegnungen mit den Menschen bezeichnet er als „freundlich und angenehm.“ Man habe jungen Leute auf der Karte gezeigt, wo sie sich befinden würden, ihnen aber auch sagen müssen, „dass in Einruhr leider keine Geschäft gibt.“ Das der Hotelbesitzer sein derzeit geschlossenes Haus zur Verfügung gestellt habe, wolle er nicht verurteilen. „Wer hätte das in dieser Situation nicht gemacht?“

Die Betreuungsorganisation „ZOF“ im Sonnenhof freut sich derweil über die „großartige Spendenbereitschaft der Bevölkerung“. Man sieht aber nach einer Woche die Problematik im 600-Einwohner-Ort: „Es herrscht eine Mischung aus Skepsis und sozialem Engagement“, so ein Sprecher.

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