Flüchtlinge in der Eifel: Die Hoffnung schwindet von Tag zu Tag

Von: Andreas Gabbert
Letzte Aktualisierung:
10854041.jpg
Rateb Alnahahi musste aus Syrien fliehen, weil er Mitglieder der Opposition medizinisch behandelt hat: Jetzt lebt er in der Eifel. Seine Familie hat er seit Monaten nicht mehr gesehen. Foto: A. Gabbert

Nordeifel. Rateb Alnahahi hat nur einen Wunsch: Er will endlich seine Frau und seine beiden kleinen Söhne wieder in die Arme schließen. Rateb Alnahahi ist seit dem 13. April in Deutschland, seine Familie lebt noch in Syrien.

Vor dem Bürgerkrieg hatte der 32-Jährige dort kein schlechtes Leben. Bevor er fliehen musste, arbeitete er in der Stadt Damaskus zehn Jahre lang als technisch-medizinischer Assistent. Seine Frau studierte auf Lehramt. „Das geht nicht mehr“, sagt Alnahahi. In einer privaten Praxis hatte er verletzte Mitglieder der Opposition behandelt und war so in den Fokus der Geheimdienste geraten.

Rateb Alnahahi wurde verhaftet. „Wer Geld bezahlt, kommt vielleicht wieder raus“, sagt der Familienvater. Das hat er auch getan. Gegen die Zahlung von 1000 Euro Schmiergeld wurde er wieder freigelassen. Gleichzeitig war für ihn klar, dass die Lage in Syrien für ihn und seine Familie immer bedrohlicher wurde.

Er verkaufte sein Haus, um mit dem Erlös daraus und der Abfindung seines Arbeitgebers seine Flucht finanzieren zu können. Mit knapp 6000 Euro in der Tasche machte er sich auf ins Ungewisse.

„Ich habe einen Offizier bestochen, damit er mich zur Grenze bringt“, erzählt Alnahahi. Drei Tage brauchte er, um zu Fuß die Stadt Messin in der Türkei zu erreichen. Von dort wollte er mit dem Schiff nach Italien. „Ich habe aber keinen Platz auf einem Schiff bekommen“, sagt er. Also schlug er sich bis nach Izmir durch, wo er versuchte, auf eines der Schlauchboote der Schlepper zu gelangen, die die Flüchtlinge nach Griechenland bringen.

1500 Euro zahlte er für die Überfahrt in einem für zwölf Personen ausgelegten Boot, das mit rund 30 Menschen hoffnungslos überfüllt war, schon halb gesunken und voll mit Wasser bis zu den Knien. „Totenboote“ nennen die Flüchtlinge sie. „Eine Alternative hatte ich aber nicht. Das Geld wurde weniger und ich habe das günstigste Angebot angenommen“, sagt Alnahahi. Außerdem werde man als Flüchtling von den Schleusern auch bedroht: „Entweder Du kommst mit, oder Du bekommst Probleme.“

Die Habseligkeiten geplündert

So gelangte Alnahahi auf die griechische Insel Kos. Von der Grenzpolizei wurde er in ein Militärcamp gesteckt und nach vier Tagen schließlich zum Hafen gebracht. Ein Schiff brachte ihn dann nach Athen. Von da aus ging es wieder zu Fuß weiter, diesmal war Albanien das Ziel. Auch dort wurde er wieder verhaftet.

Nach einem Tag im Gefängnis wurde er schließlich wieder nach Griechenland zurückgeschickt. „Da habe ich dann einen Schleuser gefunden, der mir ein Flugticket mit gefälschten Papieren besorgt hat“, berichtet der 32-Jährige. Rund 4500 Euro haben ihn das Flugticket und die Papiere gekostet. Nach einer zweieinhalb monatigen Odyssee durch Griechenland landete er schließlich am 13. April in Frankfurt am Main. Die gefälschten Papiere landeten noch am Flughafen im Abfallkorb. Seit dem 24. April lebt er jetzt in Monschau.

„Ich wollte von Anfang an nach Deutschland. Die Menschenrechte werden hier respektiert und ich hatte die Hoffnung, dass meine Familie hier eine Zukunft haben könnte“, sagt Alnahahi. Im Rahmen der Fluchtvorbereitung hatte er alle Dokumente auf Deutsch übersetzt. Er weiß, dass er die Sprache schnell lernen muss, nicht zuletzt um vielleicht irgendwann eine Anerkennung seiner Ausbildung zu erhalten. Er versucht alles, um die deutsche Sprache zu lernen.

Regelmäßig nimmt er auch an den Deutschkursen im Café International im Imgenbroicher Pfarrheim teil. „Ich habe mein ganzes Leben lang gearbeitet“, sagt Alnahahi. Das würde er auch gerne hier, darf er aber nicht. Er hat keine Arbeitserlaubnis und darf lediglich einen Ein-Euro-Job an vier Tagen in der Woche ausüben. So versucht er, 200 Euro monatlich an seine Familie zu schicken. Seit seiner Ankunft in Deutschland hat er sich nicht einmal ein T-Shirt gekauft. Seine fünf und drei Jahre alten Kinder hat er nun seit acht Monaten schon nicht mehr gesehen. Mit seiner Frau telefoniert er via Skype über das Internet. Handygespräche sind zu teuer.

Die syrische Regierung sucht ihn. Er fürchtet, dass seiner Familie etwas angetan wird. Seine Frau und seine Kinder leben in ständiger Angst, sie erleben Bombardements und Panzer auf den Straßen. Ihre Möbel wurden zerschlagen und ihre Habseligkeiten geplündert. Die Kinder sind traumatisiert. Rateb Alnahahi kann nicht mehr schlafen und seine Hoffnung schwindet jeden Tag ein bisschen mehr. Bisher hat er im Gegensatz zu anderen, die gleichzeitig mit ihm oder nach ihm nach Deutschland gekommen sind, kein Bleiberecht erhalten.

Dann könnte er seine Familie auch nach Deutschland holen. Bisher hat er nur eine Bescheinigung über die Meldung als Asylsuchender. Das ist eine schwere psychische Belastung für ihn. Das Abwarten fällt ihm schwer. Seine Frau versteht nicht, warum das so ist, und er kann es ihr nicht erklären. „Ich überlege, wieder zurück zu gehen, um mit meiner Familie zu sterben“, sagt Alnahahi. „Meine Heimat gibt es nicht mehr. Dort heißt es, töten oder getötet werden.“

Leserkommentare

Leserkommentare (8)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert