Familie Schmitz rettet nicht mehr

Von: Andreas Gabbert
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Sie haben das Unternehmen ihrer Eltern in den vergangenen Jahren geleitet und hätten es gerne übernommen: Jenny und Maik Schmitz müssen sich eine andere Aufgabe suchen. Foto: A. Gabbert

Nordeifel. Wenn es eine Liste geben würde, auf der die Menschen verzeichnet sind, denen die Familie Schmitz aus Höfen das Leben gerettet hat, dann wäre sie lang – sehr lang. Urlaub, entspannte Wochenenden und ruhige Nächte kennen Vater Gottfried, Mutter Ulrike und die Kinder Maik und Jenny nicht. In den vergangenen 37 Jahren waren sie für die Menschen in der Nordeifel immer rund um die Uhr erreichbar.

Das ist jetzt vorbei. Die Telefonnummer 02472/2054, die in der Nordeifel im Notfall oft vor dem Notruf 112 gewählt wurde, ist seit Anfang des Jahres abgeschaltet – der Rettungsdienst Schmitz existiert nicht mehr. Für die Familie hat mit dem Jahreswechsel ein neues, ein anderes Leben begonnen. Am 31. Dezember um 18.54 war ihr letzter Einsatz.

Mit geweint und gelacht

Für die Familie Schmitz war der Rettungsdienst ein Beruf aus Berufung. Im Laufe der Jahre haben sie viele traurige aber auch freudige Erlebnisse gehabt. Kalt hat das niemanden von ihnen gelassen. „Wir kennen die Leute ja meistens, man kennt ihre Geschichte und leidet automatisch mit, da kann man sich nicht verstellen. Wir haben oft mit geweint, aber auch gelacht“, erzählt Familienoberhaupt Gottfried Schmitz. Schön sei es, die Geretteten später wiederzutreffen. „Viele Einsätze kriegt man aber nicht mehr weg, die bleiben. Oft bin ich selbst erstaunt, welche Details man behält“, sagt Gottfried Schmitz. Die „ganze Palette des Lebens“ hat die Familie in ihrem Berufsleben kennengelernt. Wichtig war ihnen dabei immer, dass ein Mensch ein Mensch bleibt, dass die Würde bestehen bleibt – auch dann, wenn es auf das Ende zugeht.

Eigentlich sollten die Kinder Maik (35) und Jenny (33) das Unternehmen übernehmen. In den letzten Jahren hatten sie bei dem privaten Rettungsdienst die Federführung übernommen. Es gibt keinen Lehrgang und keine Fortbildung im Rettungswesen, die sie mit Blick in die Zukunft nicht absolviert hätten. Ihr Ziel war immer klar. Doch aus der Übernahme des elterlichen Betriebs wurde nichts. „Das war anfangs eine bittere Erkenntnis, wir mussten uns aber damit abfinden“, sagt Maik Schmitz.

Im Jahr 2008 gab es erste Hinweise darauf, dass sich eine Änderung des Rettungsdienstgesetzes NRW negativ auf das Privatunternehmen auswirken könnte. Gleichzeitig erkrankte Gottfried Schmitz schwer. Im Jahr 2009 erlitt er auch noch einen Herzinfarkt und die Erkenntnis setzte sich durch, dass eine Übergabe des Betriebs nicht möglich sein wird. Die Änderung des Gesetzes, die im Laufe dieses Jahres in Kraft treten soll, stellt den Bestandsschutz für Privatunternehmen in Frage und ermöglicht eine bevorzugte Behandlung der Hilfsorganisationen (Deutsches Rotes Kreuz, Malteser Hilfsdienst usw.) im öffentlichen Rettungsdienst.

Für eine Übergabe des Unternehmens sieht Schmitz erst recht keine Chance mehr, weil die Kinder keinen Bestandschutz genießen würden, sondern eine neue Genehmigung beantragen müssten. „Mit dieser ungünstigen Perspektive ist es besser, mit Mitte 30 etwas Neues anzufangen als mit 40“, sagt Gottfried Schmitz und schaut dabei zu seinen Kindern. „Ich habe ihnen immer wieder gesagt, sie sollten etwas anderes lernen, aber das wollten sie nicht. Sie hätten besser parallel noch eine andere Ausbildung absolviert.“ „Wir sind da so reingewachsen, wir haben immer mitbekommen, was die Eltern machen und sind neugierig gewesen“, erzählt Maik. „Es war immer klar, was wir mal machen werden, deshalb haben wir uns nie groß Gedanken gemacht“, sagt Jenny.

Zum Abschied hat die Familie zahlreiche Danksagungen erhalten. „Viele wollten uns mal drücken und in den Arm nehmen, manche hatten auch Tränen in den Augen, auch die, bei denen man nicht damit gerechnet hätte. Das hat mich bewegt“, sagt Gottfried Schmitz.

Im Juli 1977 hatte er ein Taxi-Mietwagen-Unternehmen mit dem Schwerpunkt auf Krankenfahrten gegründet. Zuvor war er als Rettungssanitäter beim Malteserhilfsdienst tätig (die Ausbildung zum Rettungsassistenten gab es damals noch nicht). Seine Frau Ulrike, die er 1976 geheiratet hatte, sattelte als gelernte Schneiderin um und baute das Unternehmen mit ihrem Mann gemeinsam auf. „Der Mann fängt etwas an und als Frau macht man einfach mit“, sagt sie dazu. Mit der Geburt des ersten Kindes im Jahr 1979 stellte das Ehepaar die ersten Mitarbeiter ein. In Spitzenzeiten waren es zehn bis zwölf.

Im Jahr 1983 schafften sie den ersten Krankenwagen an, 1986 dann den ersten Rettungswagen. Die Eheleute bildeten sich ständig fort und die Einsatzzahlen stiegen. Gleichzeitig wuchsen auch die Auflagen, immer wieder musste die Familie Schmitz um den Status ihres Unternehmens kämpfen. Die Verlängerung der Genehmigung, die nötig war, um als privates Unternehmen im Rettungsdienst tätig zu sein, musste mehrfach vor Gericht erstritten werden. „Das war schon schwierig, immer die Anforderungen zu erfüllen. Wir mussten uns das immer wieder aufs Neue erarbeiten und besser sein als die öffentlichen Rettungsdienste. Manch einer hätte uns lieber tot als lebendig gesehen“, sagt Gottfried Schmitz rückblickend.

Auf den Umbruch vorbereitet

In den vergangenen Jahren hat sich die Familie Schmitz auf den Umbruch vorbereitet. Maik wird in einem alten Bauernhof künftig eine Imkerei mit mehr als 120 Bienenvölkern betreiben. „Die Umstellung musste bisher mit dem Rettungsdienst verträglich sein, deshalb konnten es zum Beispiel keine Kühe sein“, erklärt der 35-Jährige, der auch schon 100 neue Obstbäume angepflanzt hat.

Jenny will in Monschau in den ehemaligen Stella Stuben von Ulrich Küpper Ende 2015 oder Anfang 2016 ein Bistro eröffnen. Mutter und Vater wollen jetzt erstmal ein Jahr lang durchatmen. „Danach müssen wir mal weitersehen, mit 60 Jahren ist das Heu ja auch noch nicht eingefahren.“

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