Familie fühlt sich durch Bauvorhaben eingekesselt

Von: ag
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Wo heute noch die Spielwiese der Familie Schlösser ist, soll bald ein großes Wohn- und Geschäftshaus entstehen. Foto: A. Gabbert

Roetgen. Mit Spannung erwartet Bernhard Schlösser die Sitzung des Bauausschusses in Roetgen am Donnerstag. Ganz besonders interessant ist der dritte Punkt auf der Tagesordnung. Dort geht es um den Bauantrag für eine Zahnarztpraxis, ein Zahntechniklabor und drei Wohnungen an der Rosentalstraße, gleich neben dem Haus der Familie Schlösser.

Das irgendwann neben ihrem Grundstück ein weiteres Haus entstehen würde, war den Schlössers klar, nicht aber die Dimension. „Mit einer Arztpraxis hätte man ja leben können“, sagt Schlösser.

Vor 14 Jahren waren Schlösser und seine Frau mit ihren Kindern von Aachen nach Roetgen in die Rosentalstraße gezogen, wo sie ein altes Fachwerkhaus erwarben. Rechts daneben befand sich ein kleines Wohnhaus. Dies änderte sich mit dem Abriss und dem Neubau eines Wohn- und Geschäftshauses an gleicher Stelle.

„Bausünde als Vergleich“

„Zwischen zwei 100-jährigen Fachwerkhäusern wurde ein bombastisches Gebäude errichtet, das in der Firsthöhe unser Haus um einen Meter überragt und ein Vielfaches an Rauminhalt aufweist. Der Bauherr war unser direkter Nachbar. Wir haben keinen Einspruch eingelegt, da wir als frisch Zugezogene den Nachbarschaftsfrieden erhalten wollten. Aus heutiger Sicht war das ein Fehler“, sagt Schlösser. Denn für den jetzt vorliegenden Bauantrag werde „diese Bausünde“ als Vergleich herangezogen.

„Das geplante Gebäude würde durch seine Höhe, die gewählte Dachform und durch die enorme Bautiefe unser Haus und unseren Garten fast ganzjährig beschatten. Ein umlaufender Balkon/Terrasse nimmt uns jegliche Privatsphäre“, sagt Schlösser.

Außerdem verweist er darauf, dass die Verkehrssituation unberücksichtigt bleibe. Schon jetzt sei sie durch ein- und ausparkende Kunden des schon bestehenden Geschäftshauses „teilweise chaotisch“. Bei einer Lösung mit Stellplätzen vor dem geplanten Gebäude würde sich das Gefahrenpotenzial verdoppeln – vor allem für Kinder auf dem Gehweg.

Den GRZ-Wert (eine Berechnung zum Maß der baulichen Nutzung) hat Schlösser anhand des Katasterplans für die umliegenden Gebäude errechnet und kommt auf einen durchschnittlichen Wert von 0,16, das neue Gebäude hätte nach seiner Rechnung einen Wert von 0,42.

Spielwiese

Wo nun die Arztpraxis entstehen soll, befindet sich noch die Spielwiese der Familie. Deshalb hatten die Schlössers erfolglos versucht, das Grundstück zu erwerben. Nach dem Verkauf an einen anderen Interessenten bat die Familie den Bauherrn darum, einen Streifen von drei Meter Breite zu verkaufen, um die Abstandsfläche zu erhöhen.

„Der Architekt riet dem Bauherrn ab, obwohl anfänglich nur eine Zahnarztpraxis zur Debatte stand. Wir boten an, unser Einverständnis zu geben, dass die Besucher durch eine Zufahrt an der Grundstücksgrenze hinter der Praxis parken könnten, um einen bündigen hinteren Verlauf beider Gebäude ermöglichen zu können“, erklärt Schlösser. Der Architekt und der Bauherr hätten daraufhin versprochen, ein Gespräch mit der Familie zu führen, bevor es in die Planungsphase ging, um auch ihre Belange zu berücksichtigen. „Dies fand leider nicht statt. Vom Bauantrag haben wir nur durch Zufall erfahren“, sagt Schlösser.

In der letzten Sitzung des Bauausschusses stand das Thema schon einmal auf der Tagesordnung. Damals wurde der Punkt ohne Beschluss auf die nächste Sitzung verschoben und der Bauherr aufgefordert, zusammen mit seinem Architekten in einem Gespräch mit der Nachbarschaft eine Lösung zu finden, die allgemeine Zustimmung finden kann. Außerdem hatte die Bauverwaltung mit dem Architekten Kontakt aufgenommen und darum gebeten, mit dem Bauherrn zu sprechen und das Vorhaben hinsichtlich der Baumassen und der überbauten Grundstücksflächen zu reduzieren. Bislang liegen der Bauverwaltung aber keine geänderten Unterlagen vor, auch eine Rückmeldung hat es bislang nicht gegeben.

Deshalb stehen am Donnerstag die bisherigen Unterlagen erneut zur Diskussion, mit dem Beschlussvorschlag der Verwaltung, das gemeindliche Einvernehmen zu erteilen. Die Baugenehmigungsbehörde bei der Städteregion Aachen teile diese Ansicht und halte das Bauvorhaben ebenfalls für genehmigungsfähig, „so dass im Falle eines verweigerten Einvernehmens damit zu rechnen ist, dass dieses durch die Städteregion ersetzt wird“, heißt es in der Sitzungsvorlage.

„Zeichen setzen“

„Das sehe ich natürlich anders“, betont Schlösser. Man solle mit Blick auf den Erhalt des dörflichen Charakters der Gemeinde schon ein deutliches Zeichen setzen. „Natürlich bin ich in diesem Fall selbst betroffen, aber jedem sollte bewusst sein, dass auch an anderen Stellen in Roetgen solche Vorhaben möglich sind und dass langfristig gesehen der dörfliche Charakter verloren gehen kann“, sagt Schlösser. Ein Gespräch mit der Familie hatte der Architekt schließlich kurz vor Weihnachten angeboten. Dies hätte kurzfristig am Dienstag oder Mittwoch dieser Woche stattfinden müssen.

Sollten die Planungen umgesetzt werden, denkt die Familie Schlösser darüber nach, ihr Haus zu verkaufen. „Leider wird unsere Immobilie durch die Einkesselung zwischen zwei überdimensional großen Häusern so viel an Wert verlieren, dass es uns nicht möglich sein wird, ein vergleichbares Haus für unsere siebenköpfige Familie kaufen zu können“, sagt Schlösser.

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