Es ist still geworden auf Reinartzhof

Von: ap
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Nordeifel. Auf dem „Reinart” ist es still geworden, seit die letzten Bewohner den Reinartzhof mitten im Hohen Venn verlassen haben Das war im Jahr 1971. Und die letzten Bewohner waren Felix und Nikolaus Gillet und dessen Frau Josephine. Sie hatten sich hartnäckig dem Befehl widersetzt, ihren Hof (Oberhof) zu verlassen.

Vor fast 50 Jahren, genau am 26. Juni 1958, wurden die Höfe auf dem „Reinart” durch königlichen Erlass enteignet, da sie im Einzugsgebiet der Weser lagen; das Wasser der Weser speist bei Eupen die Wesertalsperre, die hinter der 410 Meter langen und 63 Meter hohen Staumauer auf einer Fläche von 125 Hektar rund 25 Millionen Wasser speichern kann und für die Trinkwasserversorgung der Region äußert wichtig ist.

Ein paar Mauerreste, Info-Tafeln und eine kleine Kapelle erinnern an Reinartzhof und an die Menschen, die dort in der Einsamkeit des Hohen Venns gelebt und gearbeitet haben. Reinartzhof liegt am alten Pilgerweg von Aachen nach Trier. Das ist wohl auch der Grund dafür, dass der „Reinart” am neuen „Eifelsteig”, der ebenfalls von Aachen nach Trier führt, liegt.

Die kleine Kapelle, erbaut mit Steinen aus den alten Höfen, ist am Pfingstmontag wieder das Ziel vieler Wanderer und Pilger, denn dort wird eine Andacht gehalten und der Rosenkranz gebetet. Die Wallfahrt nach Reinartzhof kann in diesem Jahr ein kleines Jubiläum feiern: Es ist die 35. Wallfahrt. Begründet wurde die Fußwallfahrt 1973, am 11. Juni in jenem Jahr wurde die kleine Muttergottes-Kapelle eingeweiht.

Alte Kulturstätte

Auf dem „Reinart”, dem geschichtsträchtigen Ort (urkundlich schon 1338 erwähnt) in den Einsamkeit des Hohen Venns, ist es still geworden, nur Wanderer, Rehe und Hirsche ziehen dort ihre Bahnen. Doch die alte Kulturstätte mitten in der Wildnis ist nicht vergessen, dafür haben auch die Förster Alfred Jost und Georg Hamacher vom Forstamt Eupen 2 gesorgt.

Die weite Einsamkeit des Hohen Venns ist schon manchem Pilger und Wanderer zum Verhängnis geworden. „Wer vom Pfad abweicht, begibt sich in Gefahr”, schreibt Hans Naumann noch 1976 in seinem Wanderbuch „Hohes Venn”. Das Venn hat schon immer seine Opfer gefordert, viele haben sich in dieser endlosen Einsamkeit verirrt, etliche sind in dieser Verlorenheit umgekommen. Eben inmitten dieser Einsamkeit lag zwischen Eupen, Roetgen und Konzen der Reinartzhof, eine kleine, Kapelle erinnert noch heute daran.

Am 11. Juni 1973 wurde die Kapelle feierlich eingeweiht, die St. Stefan-Pfadfinder aus Raeren hatten sie nach einer Idee des Eupener Forstmeisters Michael Letocart zu „Ehren unserer lieben Frau vom Reinart” errichtet - zur Erinnerung an die ehemalige Siedlung auf dem Reinartzhof, zur Erinnerung an die Menschen, die hier in der Abgeschiedenheit des Venns ihre Heimat hatten, wie zur Erinnerung an die vielen Pilger, die hier im Laufe der Jahrhunderte Hilfe und Zuflucht gefunden haben.

Einsiedler taten einst auf dem Reinart Dienst als „Rufer in der Einsamkeit”, um den Verirrten den Weg zu zeigen. Der alte Reinartzhof war im hohen Mittelalter (1100-1400) Kreuzungspunkt zweier Wege: der eine führte von Ameln über Roetgen und Kornelimünster nach Aachen, der andere von Aachen über Raeren und den Steling nach Monschau.

Beide Wege waren „im weiteren Sinne Verbindungen zwischen Aachen und Trier” schreibt Viktor Gielen in seinem Vennbuch „Kreuz der Verlobten”. (Eingehend erforscht und beschrieben hat auch der Konzener Heimatforscher Hans Steinröx die Geschichte vom Reinartzhof, veröffentlicht wurden die Beiträge im „Geschichtlichen Eupen”).

Über beide Wege zogen die Pilger: die aus dem Moselland zur Heiligtumsfahrt nach Aachen, die Aachener und Eifeler zum Apostelgrab des heiligen Matthias nach Trier. In dieser „Wüste der Einsamkeit” war der Reinartzhof für die Pilger eine erquickende Oase. Alten Akten ist zu entnehmen, dass mindestens seit Anfang des 14. Jahrhunderts auf dem Reinart Laienbrüder wohnten. Wahrscheinlich, so nehmen die Vennforscher an, geht das Hospiz im Venn bis in das 12. Jahrhundert zurück.

Im 30-jährigen Krieg wurde der Reinart mit seinen Höfen zerstört. Später wurden sie wieder aufgebaut. Der Welt abgeschiedene Reinartzhof erlebte in den nächsten Jahrhunderten eine wechselvolle Geschichte, die eindrucksvoll von Viktor Gielen im Vennbuch „Das Kreuz der Verlobten” erzählt wird.

Hier einige Daten: 1856 vernichtet ein Feuer den Oberhof, der im folgenden Jahr wieder aufgebaut wird; 1920 wird der Reinarthof belgisch; zwei Jahre zuvor, also 1918, hatte die Familie Neiken-Braun vorn Unterhof unterhalb der Straße zum Reinart ein Wegekreuz errichtet - im Gedenken an einen Verstorbenen der Familie. 1953 war der Weiler für fünf Tage eingeschneit, 26 Männer, Frauen und Kinder waren, von der Außenwelt abgeschlossen.

In Brand gesteckt

Am 26. Juni 1958 wurde per Erlass des belgischen Königs das Ende des Reinartzhofes verkündet: Zum Schutze des Wassers in der Weserbachtalsperre bei Eupen musste der Reinart geräumt werden; 1971 verlassen die letzten Bewohner, die Familie Gillet, ihren Hof, die Häuser werden in Brand gesteckt und dem Erdboden gleichgemacht, die 64 Hektar Wiesenland ringsum werden aufgeforstet.

Die letzten Stürme haben auch im Venn heftig gewütet, zahlreiche Fichten im Bereich Reinartzhof wurden entwurzelt, im Waldstück gleich gegenüber wurde sogar ein Kahlschlag notwendig.

Auf dem Reinart ist es still geworden. Nur ein paar Mauerreste, einige alte Buchen und verwilderte Hecken und eben die kleine Kapelle erinnern an die einst wichtigste Kulturstätte im Hohen Venn - und drei Info-Tafeln mit alten Bildern von den Menschen und den Höfen auf Reinartzhof. Zu verdanken ist die „neue” Erinnerung an Reinartzhof Oberförster Georg Hamacher, der für das Revier Steinbach zuständig ist. Er hat vor allem „jüngste” Geschichte von Reinartzhof erkundet, er hat vor einigen Jahren die noch lebenden Bewohner der Siedlung besucht und aufgeschrieben, was sie zu erzählen wussten.

Erst vor wenigen Tagen hat Förster Hamacher, so erzählt er im Gespräch vor Ort, den Oberhof von Gestrüpp befreien lassen, damit die Mauerreste besser sichtbar werden. Verbessert wurde auch die alte Straße, die quer durch Reinartzhof verläuft. Drei Tafeln mit herrlich alten Bildern erzählen vom harten Leben und Arbeiten auf den Höfen vom Reinart - ohne Strom und ohne Wasserleitung.

Die wertvollste Erinnerung an den Reinart aber ist wohl das „Glöckchen vom Reinartzhof” aus dem Jahr 1511. Bei Nacht und Nebel, bei Eis und Schnee wurde es geläutet, um Pilger vor dem Verderben im Moor zu bewahren. Ludwig Mathar, Monschauer Heimatdichter und rheinischer Schriftsteller, hat dem Glöckchen in seinem Novellen-Buch „Brautfahrt ins Venn” eine eigene Geschichte gewidmet. Heute hängt (seit 1831) das „Glöckchen vom Reinartzhof” im Turm der alten Pfarrkirche in Monschau und „verkündet” dort per Glockenschlag jede Viertelstunde die Zeit.

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