Schmidt - Erst starb die Hoffnung, dann der Körper

Erst starb die Hoffnung, dann der Körper

Von: Annika Kasties
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Konrad Schöller (rechts) und sein Sohn Benedikt leisten mit ihrer Ausstellung „Verschleppt, verhungert, verscharrt“ einen Beitrag zur Erinnerungskultur in Deutschland. Foto: Annika Kasties

Schmidt. Seine Augen sind leer, leblos. Auch wenn das Blut noch durch den sehnigen Körper des Mannes fließt, seine Hoffnung scheint vor langer Zeit gestorben zu sein. Es ist dieser Blick eines sowjetischen Kriegsgefangenen, der aus den Grenzen der Fotografie herauszutreten scheint und sich tief in das Bewusstsein des Betrachters bohrt.

Gehören Bilder von Elend, Hunger und ausgemergelten Körpern in eine Kirche, ein Gebäude, in dem mindestens jeden Sonntag Barmherzigkeit gepredigt wird? „Absolut“, findet Konrad Schöller. Der Heimatforscher konzipierte mit seinem Sohn Benedikt die Ausstellung „Verschleppt, verhungert, verscharrt“, die zurzeit in der St. Hubertus Kirche zu sehen ist. „Dieses Thema gehört hierher. Schließlich hat es mit Leben und Tod und ethischen Fragen zu tun“, sagt Konrad Schöller überzeugt.

Verdrängt und vergessen

Die Frage nach Ethik und Moral der Täter ist beim Betrachten der Exponate nicht wegzudrängen. Befasst sich die Ausstellung doch mit einem lange verdrängten und vergessenen Massenverbrechen, der Ermordung Hunderter sowjetischer Kriegsgefangener zwischen 1941 und 1944 in der Region. Dass sich der Schrecken des NS-Regimes bei Weitem nicht auf Konzentrationslager beschränkte, sondern in unmittelbarer Nähe der Eifelbewohner stattfand, zeigen acht Holztafeln, die fast schon scheu ihren wohl verdienten Raum in der St. Hubertus Kirche einnehmen.

Benedikt und Konrad Schöller haben versucht, das komplexe Thema auf wenige Tafeln herunterzubrechen. Dabei lassen sie vor allem Bilder sprechen. Auf detaillierte Informationstafeln verzichten sie. Ein Umstand, der auch dem begrenzten Platz in der Kirche geschuldet ist. Und dennoch: Die Ausstellung geht unter die Haut, auch ohne lange Erläuterungen.

Vom Allgemeinen zum Konkreten führt die Ausstellung durch das Leid sowjetischer Kriegsgefangener, deren Schicksal in der Region von der Rassenideologie des NS-Regimes bestimmt war. „Für mich ist es eine Frage der Gerechtigkeit, dass die Erinnerungskultur alle Facetten einschließt“, sagt der Heimatforscher aus Nideggen.

Zu stark beschränke sich das Gedenken der Kriegsopfer auf Soldaten. Denn im Waldgebiet des „Buhlerts“ gab es nicht nur Befestigungsanlagen des Westwalls, von denen noch heute Bunker und Bombentrichter zeugen. Auch hier in der Nordeifel wurden sowjetische Zwangsarbeiter interniert.

Den Schwerpunkt der Ausstellung bilden Einzelschicksale von Menschen, deren Leben in der Nordeifel ein Ende fand. „Der lokale Bezug ist wichtig, damit das Grauen der NS-Zeit kein abstrakter Raum bleibt“, sagt Konrad Schöller. Er und sein Sohn geben dem Grauen anhand von Personenkarten, mit denen das NS-Regime die Unterbringung der Gefangenen dokumentierte, ein Gesicht.

Die Männer auf den schwarz-weißen Bildern sind von ihrem Leid gezeichnet. Zerlumpt und abgemagert blicken sie in eine Zukunft, deren Tage gezählt sind. Sie alle fanden ihre letzte Ruhestätte in Rurberg. Die Sterbefallanzeigen entlarven, wie die Verantwortlichen die unmenschlichen Lebensbedingungen der Gefangenen in der Nordeifel zu vertuschen versuchten. Ein Opfer starb angeblich an Herzversagen. Der Mann war keine 25 Jahre alt.

Berichte von Zeitzeugen

In über 140 Außenstellen des Kriegsgefangenen-Mannschaftsstammlagers Arnorldsweiler wurden sowjetische Kriegsgefangene zur Sklavenarbeit gezwungen. Unter anderem auch in Strauch, berichtet Konrad Schöller. Diese Außenlager seien meistens Holzbaracken gewesen, deren Überbleibsel nach Kriegsende verschwanden. Und mit ihr auch die Erinnerung.

Umso wichtiger sind Schilderungen von Zeitzeugen. Paul Breuer aus Schmidt, mit dem Konrad Schöller im Rahmen seiner Recherche sprach, erinnert sich daran, wie er als Kind den Gefangenen heimlich Nahrungsmittel zusteckte. Solche Berichte werden immer wertvoller. Viele Zeitzeugen leben nicht mehr. „Und viele wollen sich auch nicht dazu äußern“, sagt Konrad Schöller.

Den Zweck der Ausstellung sieht Benedikt Schöller auch in der Prävention gegen Rechtsradikalismus. „Man liest täglich über Angriffe auf Flüchtlingsheime. Wir wollen versuchen, junge Leute aufzuklären, damit sie reflektieren, was in der Gesellschaft passiert“, sagt der Geschichtslehrer und fügt hinzu: „Wir wollen ein kleines Mosaiksteinchen zur politischen Bildung beitragen.“

Hierzu gehört auch das Projekt Regio Oratio, in dessen Rahmen das Vater-Sohn-Gespann Führungen durch die Region anbietet. Auf diesem Wege wollen sie auch dem „Bunkertourismus“ in der Region entgegenwirken. Immer wieder beobachte Benedikt Schöller, dass Anhänger der rechten Szene den Westwall aufsuchen. „Das ist die falsche Art der Erinnerung“, betont der Pädagoge.

Der Zeitpunkt der Ausstellung ist laut Konrad Schöller genau richtig: „Gerade in Zeiten, in denen es zwischen Ost und West kriselt, ist es wichtig, über die Vergangenheit aufzuklären und ein Zeichen zu setzen.“

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