Erheblicher Ärger wegen Thilo Sarrazin

Von: Klaus Pesch
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Eine Reizfigur ist Autor Thilo
Eine Reizfigur ist Autor Thilo Sarrazin wegen seiner veröffentlichten Einstellung zur Integration. Er soll im Mai in Prüm lesen. Es hagelt bereits Proteste. Foto: dpa

Nordeifel/Gemünd. Gehofft, gebangt und dann doch abgesagt: Die geplante Lesung von Joachim Gauck beim Eifel-Literatur-Festival am 27. April in Wittlich muss ausfallen. Der Grund: Die Verlagsgruppe Random-House hat am Mittwoch sämtliche Veranstaltungstermine wegen dessen Nominierung für das Amt des Bundespräsidenten für Joachim Gauck abgesagt.

Sein zu erwartender, künftiger Terminkalender lässt es nicht mehr zu, deutschlandweit auf Lesereise zu gehen.

Noch am Montag hatte Gauck zunächst den Vorverkauf bundesweit stoppen lassen, um Bedenkzeit in der neuentstandenen Situation zu bekommen. Am Mittwoch dann die Absage. Die Veranstaltung des Eifel-Literatur-Festivals war seit dem „Fetten Donnerstag” ausverkauft gewesen. Sie sollte im Atrium des Cusanus-Gymnasiums Wittlich stattfinden, vor 600 Besuchern.

Merkels „Resistenz”

Er habe im Vorfeld noch auf die „Resistenz von Angela Merkel” gesetzt und „die Daumen gedrückt”, dass Gauck möglichst nicht nominiert werde, erklärte Festival-Macher Dr. Josef Zierden. Als die Nachricht eintraf, dass sich die Parteien in Berlin doch auf Gauck geeinigt hatten, habe er sich sofort mit dessen Verlag kurzgeschlossen. Dabei erfuhr er, dass Gauck sich ganz zurückgezogen habe, um seine Mannschaft fürs Schloss Bellevue zusammenzustellen.

Genossen hat Zierden übrigens die derzeitige Diskussion über den designierten Bundespräsidenten. Einige Linke und Grüne äußerten ihr Missfallen über eine Aussage von Gauck zu Autor Thilo Sarrazin, der mit seinem Buch „Deutschland schafft sich ab” mit drastischen Thesen über Integrationsdefizite, Bildungsmisere und Geburtenrückgang aufregte. Gauck hatte Sarrazin zwar kritisiert, ihn jedoch dafür gelobt, dass er den Mut besessen habe, das Tabuthema Integration aufzugreifen.

Mittelstreichung gefordert

Derzeit erhält Josef Zierden selbst gewaltigen Gegenwind wegen seines Entschlusses, Thilo Sarrazin zu einer Lesung am 10. Mai nach Prüm in die Aula der ehemaligen Hauptschule einzuladen. So habe es im Kreistag von Bitbürg-Prüm den Antrag des Linken-Abgeordneten Wolfgang Ferner, der auch Landesvorsitzender der Linken Rheinland-Pfalz ist, gegeben, den finanziellen Zuschuss für das Festival zu streichen. Der Vertrag, bei dem der Kreistag als kommunaler Träger fungiere, müsse gekündigt werden, forderte Ferner. Eine solche Lesung dürfe nicht mit öffentlichen Geldern gefördert werden. „Das hätte für mich geheißen, ich bekomme kein Geld vom Kreis, und, noch schlimmer, ich bekomme den Landeszuschuss nicht”, erläutert Zierden. Doch damit seien seine Gegner politisch nicht durchgekommen.

Überdies habe man dazu aufgerufen, seine Facebook-Seite mit Wortmeldungen zu bombardieren und außerdem eine Internet-Seite „mit bescheidener Resonanz” und dem Titel „Eifeler gegen Sarrazin” initiiert.

Mit Totschlagsvokabeln wie „rassistisch” und „menschenverachtend” versuchten die Gegner der Veranstaltung, jegliche Diskussion zu verhindern. So schreibe ihm beispielsweise die „Antifa Euskirchen” in einer Mail, Sarrazin sei „ein Verbrecher”, der kein Recht auf Meinungsfreiheit habe. „Damit bin ich quasi mit kriminalisiert”, sagt Zierden.

„Bei uns in Prüm schnüffelte ein Politiker in einer Buchhandlung rum und wollte von der Buchhändlerin wissen, ob ich denn auch so ein Neonazi sei”, berichtet Zierden. Diese arbeitete seit 1994 mit ihm zusammen und habe ihn informiert. Das sei für ihn so etwas wie „Gesinnungsschnüffelei”. Es sei auch versucht worden, Nobelpreisträgerin Hertha Müller zu einer Absage zu bewegen. Die sei aber der Meinung, dass es notwendig sei, dieses Buch, das eine enorme öffentliche Resonanz gehabt habe, zu diskutieren. Zierden gibt außerdem zu bedenken: „Es wäre schon mal gut, ein Buch genauer zu lesen, bevor man sich dazu äußert.”

Er habe viele positive Stimmen für diese Veranstaltung mit Sarrazin bekommen. Sie gehöre wohl zu den nächsten, die ausverkauft seien. Bereits jetzt ausverkauft sind die Lesungen mit Anselm Grün, Donna Leon, Jussi Adler-Olsen und Ranga Yogeshwar.

Mit Hertha Müllers Hilfe

Gegner hat Zierden also jetzt etliche, und dabei ist es noch gar nicht sicher, ob er das in diesem Jahr zum zehnten Mal stattfindende Festival, für das alleine im Vorverkauf bereits 8000 Tickets verkauft wurden, im Jahr 2014 weiterführen kann. 18 Jahre lang habe das alle zwei Jahre stattfindende Festival seine Familie gebunden. Er sei jetzt 58 Jahre alt, es gebe ein Leben danach.

Derzeit habe er zwar noch eine halbe Stelle im Schuldienst, sei aber dem Diktat des Stundenplans unterworfen. „Ich komme aus der Klemme raus, wenn ich dem Schuldienst Adieu sagen kann und für das Festival ganz freigestellt werde”, hofft Zierden auf eine andere Lösung. Und erwähnt, dass sich Nobelpreisträgerin Hertha Müller für ihn einsetzen wolle.

Mehr dazu im Netz unter www.eifel-literaturfestival.de
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