Erdbebenmessstationen: Es kommt auf den Abstand der Windräder an

Von: P. St.
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Klein, aber fein. So sieht eine hochempfindliche Erdbebenmessstation an einer Talsperre aus. Foto: Erdbebenmessstation Bensberg
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Auch an der Dreilägerbachtalsperre bei Roetgen befindet sich eine Erdbebenmessstation, die von der Uni Köln betrieben wird.

Roetgen. Ronald Borning, seit über 40 Jahren in der Kommunalpolitik beheimatet, wollte es genau wissen: Der Roetgener CDU-Politiker im Gemeinderat und dem Städteregionstag in Aachen fühlte sich beunruhigt und verunsichert, nachdem Anfang des Jahres eine heftige Diskussion darüber entfachte, ob neue Windkraftanlagen die Messgenauigkeit von Erdbebenmessstationen eventuell beinträchtigen könnten.

Die Kontroverse drehte sich um die Frage, ob Windkraftanlagen beim Betrieb so starke Erschütterungen auf der Erdoberfläche auslösen können, dass sie die Ergebnisse der Erdbebenmessstationen eventuell verfälschen könnten.

Je nach Interessenlage fielen die Antworten unterschiedlich aus, was Borning vor einigen Wochen dazu veranlasste, dem Umweltamt der Bezirksregierung Köln wie auch der Städteregion Aachen selbst einige Fragen zum Thema Erdbebenmessstationen zu stellen.

Die inzwischen eingegangenen Antworten bestätigen Ronald Borning, dass seine Sorgen berechtigt sind, wobei der Roetgener Ratsherr betont, „dass ich weder für noch gegen Windkraft bin“. Sein Interesse ziele alleine auf eine „sachorientierte Diskussion“. Außerdem wurde Borning hellhörig, weil im Rahmen der Beratung über die Verabschiedung des neuen Regionalplans, die Erdbebenmessstationen als „sensible Bereiche“ eingestuft worden seien und neuerdings auch eine Einzelfallprüfung stattfinden müsse zu der Frage, ob sich neue Windkraftanlagen negativ auf die Messgenauigkeit von seismologischen Anlagen auswirken können.

In einem neuen und verschärften Erlass des NRW-Umweltministeriums vom 17. März 2016 zum Thema seismologische Stationen und Windenergieanlagen wird explizit die Bedeutung der Messstationen herausgestellt, da das Gebiet von NRW zu den erdbebengefährdetsten Regionen Mitteleuropas gehöre. Um künftig für Klarheit bei der Genehmigung von neuen Windenergieanlagen zu sorgen, sollen die einzelnen Messstationen, die vielfach an Talsperrenmauern wegen des erhöhten Gefährdungspotenzials angebracht sind, ab sofort differenziert betrachtet werden.

Im Rahmen der öffentlichen Belange des Katastrophenschutzes und der Datenerhebung zur Gefahrenabwehr seien der Geologische Dienst des Landes NRW wie auch die sonstigen Betreiber seismologischer Stationen „zwingend zu beteiligen“. Eine differenzierte Betrachtung sei deshalb erforderlich, weil die Art und Weise des Bodengesteins entscheidenden Einfluss auf die mögliche Übertragungsqualität von Erderschütterungen habe. Grundsätzlich gilt: Felsgestein überträgt Erschütterungen intensiver.

Der Erlass fordert künftig bei Genehmigungsverfahren von Windkraftanlagen die Einhaltung von bestimmten Abständen zu den Messstationen. Ein Radius von zehn Kilometern gilt beispielsweise für die Wehebachtalsperre und die Dreilägerbachtalsperre (eine Messstation existiert seit 1991) während beispielsweise für die Stationen Wassenberg und Jackerath nur zwei Kilometer gefordert werden. Für die Dreilägerbachtalsperre wird ein Radius von zehn Kilometern empfohlen, für die Kalltalsperre (Messstation seit 1976), die Oleftalsperre und die Urfttalsperre sind es fünf Kilometer.

Antragsteller in der Pflicht

Im Erlass heißt es ferner, dass dem Geologischen Dienst die bereits vorhandenen Daten und Erkenntnisse seitens der Genehmigungsbehörden bereitzustellen seien, um möglichst die Erstellung externer Gutachten zu vermeiden. Sollte der Geologische Dienst künftig die konkrete Möglichkeit einer Störung plausibel darlegen, sei es Sache des Windkraftanlagen-Antragstellers ein entsprechendes Gutachten (auf seine Kosten) erstellen zu lassen. Die Genehmigungsbehörde muss dann anschließend abwägen, welches Interesse überwiegt.

Abschließend heißt es in dem Erlass, dass derzeit der „grundsätzliche fachliche Erkenntnisstand“ zur Beeinträchtigung von seismologischen Anlagen durch Windkraftanalgen „ermittelt und geprüft“ werde. „Wir kommen an einer Prüfung nicht mehr vorbei“, interpretiert Ronald Borning den überarbeiteten Erlass. „Das bedeutet aber nicht automatisch das Ende aller Windkraftanlagen.“ In ihrem Antwortschreiben an Ronald Borning weist die Städteregion darauf hin, dass der Geologische Dienst trotz Beteiligung im Planungsverfahren zur Frage der Windenergienutzung im Lammersdorfer Wald keine Stellungnahme abgegeben habe. Lediglich eine „allgemeine Besorgnis“ sei vorgetragen worden. Da weder der Geologische Dienst noch die Uni Köln gegen den Genehmigungsbescheid geklagt hätten, sei die Genehmigung am 18. Februar erteilt worden.

Bestärkt in seinem Kampf, die weitere Ausbreitung von Windparks in der Region zu verhindern, sieht sich durch den Erlass auch Rainer Hülsheger aus Rott von der Landesgemeinschaft Naturschutz und Umwelt NRW (LNU): „Das Thema ist nun auch in Düsseldorf angekommen“, sagt er. Erstmals würden konkrete Abstände von Messstationen zu Windkraftanlagen genannt. Der LNU hat Klage gegen die Errichtung des Windparks Münsterwald an der Himmelsleiter durch die Stadt Aachen erhoben. Der Geologische Dienst hatte jüngst in einem Schreiben an die Stadt Aachen mitgeteilt, dass „mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit“ die Errichtung von Windkraftanlagen im Umkreis von zehn Kilometern zu einer Beeinträchtigung der Funktionstüchtigkeit der Erdbebenstationen führen würde.

Die Messstation an der Dreilägerbachtalsperre liegt nur drei Kilometer vom geplanten Windpark Münsterwald entfernt. Eine einwandfrei funktionierende Erdbebenmessstation an einer Talsperre ist übrigens keine Voraussetzung für die Erteilung der weiteren Betriebserlaubnis. Enwor-Sprecherin Ina Albersmeier betont, dass man für verlässliche Messdaten auch auf andere Anbieter zurückgreifen könne. Die Messstation an der Dreilägerbachtalsperre sei als „reiner Luxus“, nicht aber als Notwendigkeit zu betrachten.

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