Einsamer Kämpfer gegen Windkraftanlagen

Von: Peter Stollenwerk
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Sein Kampf gegen die Windkraft in der Nähe seines Hofes füllt inzwischen einige Aktenordner: Der Landwirt Otto Theißen (62) aus Raffelsbrand prozessiert gegen den Kreis Düren als Baugenehmigungsbehörde. Foto: P. Stollenwerk
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Ganz nah ist die Windkraft: Die nächste Anlage steht in nur 290 Meter Entfernung.

Raffelsbrand. „Aus der Euphorie über die erste Windkraftanlage ist inzwischen Ernüchterung geworden“, sagt Otto Theißen. Der 62-jährige Landwirt aus Raffelsbrand hatte – wie viele andere Menschen auch – seine Freude daran, als vor über 20 Jahren mitten in der Bauernhof-Siedlung zwischen Lammersdorf und Vossenack eine rund 30 Meter hohe Windkraftanlage errichtet wurde. Der damals zur Pionierzeit der Windkraft typische Gittermast war nicht nur eine Art Wahrzeichen für Raffelsbrand, sondern auch der Beginn der erneuerbaren Energien in der Nordeifel.

Heute kämpft Otto Theißen, dessen Familie im Jahr 1952 aus Rohren nach Raffelsbrand übersiedelte, mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln gegen Windräder in der Nähe seines Hofes, wo er mit seiner 89-jährigen Mutter lebt und 32 Kühe versorgt. Vier Windräder wurden in den zurückliegenden zehn Jahren in Raffelsbrand errichtet, das jüngste vor anderthalb Jahren, als Ersatz für das inzwischen abgebaute Gittermast-Windrad. In Raffelsbrand wurde vom Kreis Düren eine Windkonzentrationszone ausgewiesen.

Mit den Anfängen der Windkraft in Raffelsbrand aber haben die neuen Windmaschinen nichts mehr gemeinsam. Sie sind höher, näher und vor allem lauter. Besonders der Dauerbelastung durch den Lärm hat Otto Theißen den Kampf angesagt.

Am vergangenen Montag fand vor dem Landgericht Aachen ein von im angestrengter Prozess gegen den Kreis Düren als Baugenehmigungsbehörde statt. Theißen und sein Anwalt vertreten die Auffassung, dass die zuletzt errichtete 2,3-Megawatt-Anlage mit 140 Metern Höhe bis zur Flügelspitze außerhalb der Konzentrationsfläche errichtet worden sei, und dass sie mit nur knapp 450 Metern Entfernung zu nahe an der Wohnbebauung stehe und schließlich die zulässigen Lärmschutzwerte überschreite. Auch die vorgeschriebene Grenze zum benachbarten Naturschutzgebiet Todtenbruch werde nicht eingehalten.

Am Montag wurde zwei Stunden lang vor Gericht verhandelt und Argumente wurden ausgetauscht. Ein Urteil erging nicht. Der Kläger, so schloss das Gericht die Verhandlung, werde in rund drei Wochen einen Bescheid erhalten.

Je nachdem wie dieser Bescheid ausfällt, wird der 62-Jährige zur nächsten juristischen Runde in den Ring steigen. Er ist überzeugt davon, dass die Genehmigung von mindestens zwei Anlagen nicht rechtens ist.

Auf einen Teilerfolg kann er bereits verweisen. Das seinem Hof am nächsten liegende Windrad ist nur 290 Meter entfernt. Wenn man an der Hautür steht, ist auch bei Schwachwind das gleichmäßigen Schleifen der Flügel, hervorgerufen durch den Luftwiderstand, deutlich zu vernehmen. Selbst der Windkraft-Gigant Enercon, der bereits eine Vielzahl von Windkraftanlagen in der Eifel errichtet hat, hat laut Otto Theißen in einem Gutachten empfohlen, dass Windkraftanlagen einen Mindestabstand zur Bebauung von 690 Metern einhalten sollten. Mit seiner ersten Klage war er erfolgreich und erreichte, dass das Windrad für ein halbes Jahr außer Betrieb genommen wurde. Dann drehten sich die Flügel plötzlich wieder. Warum, weiß Otto Theißen bis heute nicht.

An den Anblick der Anlagen hat er sich längst gewöhnt, das Problem aber ist der Lärm. „Nachts kann man nicht mehr bei offenem Fenster schlafen“, schimpft Otto Theißen. 45 Dezibel sind laut Otto Theißen die zulässige Obergrenze, seine eigenen Messungen aber landen bei bis zu 60 Dezibel. Im Winter, wenn die Kunststoffflügel bei Eiseskälte verhärteten, sei das Geräusch noch intensiver. „Dann hört es sich an wie Schwerverkehr.“ Der zudem auftretende Schattenwurf ist für ihn dabei noch das geringste Problem.

Sein einsam geführter Kampf gegen den Kreis Düren füllt inzwischen mehrere Aktenordner. Die Antworten der Behörde klingen immer ähnlich. Die Feststellungen des Beschwerdeführers seien nicht „aussagekräftig“ genug, heißt es. Wundern kann sich Theißen nur darüber, dass bei einer Windfarm (darunter werden mindestens drei zusammenhängende Anlagen verstanden) zwar eine Vorprüfung erforderlich ist, im Falle Raffelsbrand diese Vorprüfung aber ergeben habe, dass auf eine Umweltverträglichkeitsprüfung verzichtet werden könne. So ist es im Baugenehmigungsbescheid nachzulesen. Nachteilige Auswirkungen durch die Anlagen „können ausgeschlossen werden“, heißt es darin weiter.

Das sieht Otto Theißen völlig anders, und seine persönlichen Erfahrungen so wie seine täglichen Beobachtungen überträfen so manches Gutachten. Er wünscht sich ein unabhängiges Lärm-Gutachten. Tatsache sei, dass sich Fledermäuse und Raubvögel „inzwischen verabschiedet haben“. Von einer Kolonie Fledermäuse in seinem Stall sei nichts mehr zu sehen, der früher in seinem Hausgiebel ansässige Turmfalke sei ebenso verschwunden wie auch der Schwarzstorch, „und der Kuckuck kommt auch nicht mehr“. Aber als Privatmann, sagt er bitter, „darf man ja nicht gegen Belange des Naturschutzes klagen“. Das bleibe den zuständigen Verbänden vorbehalten.

Fast muss er darüber schmunzeln, dass ein in Zusammenhang mit der Errichtung der Windanlagen eingeholtes ornithologisches Gutachten die Beobachtung von „zwei Mehlschwalben“ notiert habe: „Bei mir sind allein 32 Schwalbennester am Haus“, sagt er lachend. Und in der Tat: Selbst Anfang September herrscht noch ein reger Flugverkehr auf dem Hof.

Ein Einzelkämpfer

Dennoch bleibt Otto Theißen ein Einzelkämpfer. Die in der Nachbarschaft liegenden Hofbesitzer halten sich bedeckt, was Theißen begründen kann: „Die Schallimmissionen sind von Haus zu Haus unterschiedlich stark.“ Außerdem seine einige der Nachbarn am Windpark beteiligt.

Kürzlich gab es ein unerklärliches Vorkommnis auf dem Hof. Eine Glasscheibe in der Haustür platzte plötzlich ohne äußere Einwirkung. „Vielleicht hat das ja mit dem Infraschall der Windanlagen zu tun“, sagt Theißen, der diese Ursache nicht ausschließen will. Unter Infraschall versteht man Frequenzen, die unterhalb der menschlichen Hörschwelle liegen, aber sehr wohl Schwingbewegungen auslösen. Das ist aber nur eine Randerscheinung für den Landwirt, der seinen Kampf fortsetzen möchte: „Es gibt einfach viele Ungereimtheiten, und anscheinend geht es nur noch ums Geld.“

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